© REUTERS/CHARLES PLATIAU

Meinung
01/13/2020

Die Alten – eine neue Parallelgesellschaft?

Keine einzige der vielen bekannten Hürden für die Generation 65+ wurde im Regierungsprogramm aus dem Weg geräumt. Kolumne "Alt, na und?" von Ruth Pauli.

Alt sein heißt nicht, die Hände in den Schoß legen und geduldig darauf warten zu müssen, dass alles zu Ende ist. Still, stumm und unauffällig.

Oh nein. Ich möchte ja niemanden beleidigen, aber der Einfachheit halber setze ich den Begriff „alt“ für die Über-65-Jährigen ein (und ich weiß schon, dass es 20-Jährige gibt, die innerlich viel älter sind, genauso wie 79-Jährige, die man mit Fug und Recht „jung“ nennen könnte – vielleicht auch nur im Herzen). Diese sehr willkürliche Jahresgrenze ergibt sich aus dem gesetzlich vorgesehenen Alter, mit dem wir aus dem Arbeitsprozess ausscheiden sollten – aus dem „Aktivleben“, wie das bezeichnenderweise manchmal genannt wird (sind wir dann eigentlich im Passivleben, werden also gelebt?!).

Früher, vor vier, fünf Jahrzehnten, war vieles vielleicht anders, da war nach wenigen Jahren in tatsächlichem Ruhe-Stand und zurückgezogener Unsichtbarkeit das Leben vorbei. Heute hingegen haben wir in den meisten Fällen noch viele gute Jahre, die wir nach dem Arbeitsleben verbringen dürfen. Jahre, die ein Geschenk sind. Und die wir – „jünger“ geblieben als je eine Generation vor uns - aktiv gestalten können und wollen.

Aber nicht als Parallelgesellschaft.

Nur: dorthin scheint man uns drängen zu wollen

Wobei ich hoffe, dass das nicht bewusst geschieht, sondern aus einem eklatanten Mangel an Generationen-Phantasie, der auch unserer neuen Regierung anhaftet.

Ich gestehe: Ich habe das Regierungsprogramm gelesen.

Und wenn ich es leicht überspitzt zusammenfasse, dann sagt man dort zu uns 1,7 Millionen alten Österreichern, dass „die Pensionen gesichert sind“, dass die Pflegeversicherung kommen und eine Demenzstrategie „österreichweit ausgerollt (was immer das heißt) und mit Ressourcen versehen“ werden soll. Das war’s dann auch schon für ein knappes Viertel der Bevölkerung (das sich in den nächsten Jahren laut Statistik auf 2,16 Millionen vergrößern wird).

Warum glaube ich immer noch an Wunder - an einen neuen Zugang zu einer Gesellschaft, die sich auch durch ihre völlig neue Altersstruktur grundlegend verändert hat.

Ein Viertel wird einfach ignoriert

Ein bisschen liest sich aus den knapp 330 Seiten Regierungsprogramm heraus: Behelligt uns nicht. Wir haben Wichtigeres zu tun.

Ja, stimmt. Nur: Wir Alten sind keine unverständigen kleinen Kinder, die möglichst nicht stören sollen, während die „Großen“ Ernsthaftes zu tun haben. Wir hätten einiges beizutragen – und viele von uns würden sich auch gerne einbringen. Aber keine einzige der vielen bekannten Hürden für die 65+ wurde aus dem Weg geräumt (zum Beispiel im arbeitsrechtlichen Bereich). Durch keine einzige Geste gezeigt, dass bei mancher Regierungs-Priorität eine generationenübergreifende Herangehensweise erwünscht wäre.

Ein knappes Viertel der Bevölkerung wird einfach ignoriert.

Auch Nicht-(Be-)Achtung ist eine Spaltung, eine Ab-Spaltung. Und wie der neue Vizekanzler gerne betont: Wer seine Heimat liebt, spaltet sie nicht. Auch nicht in „Jung – Dynamisch“ und „Altes Eisen“.

Schon aus Eigennutz wäre es wichtig, die demographische Realität nicht zu verweigern. Heute regieren die Jungen. Aber weil Heute morgen Gestern ist, ist der Kontinent Alter nahe. Und sie werden morgen froh sein, ihn heute ins Land eingemeindet zu haben.

Ruth Pauli ist alt (69) und lebt und schreibt gerne. Früher war sie lange Jahre innenpolitische Kolumnistin beim KURIER.


altnaund@kurier.at