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Leitartikel
01/14/2022

Der Österreicher: Untertan und Rebell

Die Österreicher finden immer wieder kreative Wege, um Regeln zu brechen, fordern aber fast Übermenschliches von der Politik.

von Martina Salomon

Die Österreicher wünschen sich Regeln, wollen sich dann aber nicht daran halten“, so ein leicht resignativer Befund eines Gecko-Mitglieds diese Woche in einem Hintergrundgespräch. (Preisfrage: Was bedeutet Gecko, wenn nicht das Reptil gemeint ist? – Auflösung: Gesamtstaatliche Covid-Krisenkoordination.) Auch Claus Peymann belustigte sich einmal gegenüber dem KURIER: „Weil eben jeder Wiener im tiefsten Herzen ein Anarchist ist, werden völlig unsinnige Reglementierungen mit viel Fantasie nicht befolgt.“

Tatsächlich ist der Österreicher, speziell der Wiener, Untertan wie auch Rebell. Das stellt Politiker vor die unlösbare Aufgabe, einerseits volksnah, andererseits nonnengleich zu sein. Wenn dem Bürger also ein Volksvertreter über den Weg läuft, drängt er sich gerne auch in Pandemiezeiten für ein Selfie zu ihm und würde bitter dessen Arroganz beklagen, würde er sich nicht dazu nötigen lassen (nebenbei lässt sich vielleicht eine kleine Intervention anbringen, die bei anderen verabscheut wird). Das erzeugt dann Bilder wie jene im Kleinwalsertal mit Sebastian Kurz oder in der Kärntner Skihütte mit Karl Nehammer, über die man sich dann weidlich empören kann. Zu allem Überfluss haben sich ja auch Skigebiete aus einer speziellen (in jeder Hinsicht unsportlichen) Wiener Sicht in apokalyptische Dumpfbacken-Orte verwandelt.

Dabei findet hierzulande jeder kreative Wege, um Regeln zu umschiffen. Da trifft man sich dann im Lockdown gerne in Kaffeehaus-Hinterzimmern, hyperventiliert aber über das Sektglas in Politikerhand nach der Licht-ins-Dunkel-Gala, wo sich geimpfte und getestete Regierungsmitglieder für Spenden stundenlang hinters Telefon klemmten. Skandal! Genauso darf sich eine SPÖ-Chefin nicht in St. Tropez erwischen lassen und eine Grüne nicht in einem Flugzeug. Derlei strenge Maßstäbe legt der Bürger an sich nicht an. Man ist zwar „klimabesorgt“, zählt aber zu den reiselustigsten Völkern der Erde. Und die höhere Gasrechnung soll durch „den Staat“ gesenkt werden.

Die absurdesten Wendungen aber gibt es rund um die Impfpflicht. Weil sie dort,

wo sie am sinnvollsten wäre (Spital, Pflege, Bildungswesen), an der Macht der Gewerkschaften und der Angst vor Personalverlust zerschellte, verkündete man die Impfpflicht für alle. Nach einer langen Schrecksekunde meinten die ELGA-Bürokraten, dass das gar nicht so schnell gehe. Was Wasser auf die Mühlen der Impfgegner ist. Die Kontrollen der Impfausweise wiederum regen sogar manch Dreifach-Geimpften auf. „Diktatur!“, schreien daher Untertanen wie Rebellen (was sie in einer richtigen Diktatur nie tun könnten). Man verlangt Übermenschliches von der Politik, schwindelt sich selbst aber (wieder einmal) durch. Am Ende dürfen wir uns nicht wundern, dass Österreich besonders ausgetüftelte Regeln, aber dennoch immer wieder katastrophale Infiziertenzahlen hat.

Martina Salomon
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