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Leitartikel
03/24/2020

Das Coronavirus und das jähe Ende des Irrsinns im Sport

Die Corona-Krise sperrt die Menschen ein. Und plötzlich wird spürbar, wie wichtig der Sport eigentlich ist. Und wie unverschämt.

von Bernhard Hanisch

Man kann in Tagen wie diesen mit Klopapierrollen jonglieren, sie vom Wohn- ins Schlafzimmer schießen, dazwischen Kniebeugen und Liegestütze machen, Tische hundertmal umrunden oder einfach nur um die Wette blöd dreinschauen. Ein bisserl Sport in den eigenen vier Wänden kann nicht schaden. Und dabei in fremde Rollen schlüpfen, sich vorstellen, was und wer momentan nicht mehr zu bewundern oder zu verdammen ist. Weder im Fernsehen, leibhaftig in Stadien oder in Hallen.

Der Spitzensport fehlt, und fehlt immer mehr als Vorbildfunktion, als Motivationsschub oder Unterhaltungsprogramm.

Der vielleicht größte Dienst, den der Sport in den letzten Wochen dieser Gesellschaft noch erweisen konnte: Mit den Absagen von publikumswirksamen Veranstaltungen hat das Thema Corona mehr Beschleunigung erfahren, um in die Köpfe der Menschen zu gelangen. Der Sport hat sich verabschiedet als gemeinschaftliches Erlebnis, aber er wird nach Ende der Isolation umso mehr Zulauf bekommen. „Mist, es gibt kan Spuat im TV“, wird jetzt schon immer lauter gejammert. Geduld, er wird wiederkommen, wichtiger, stark ramponiert zwar, aber hoffentlich von mancher Wahnsinnigkeit geheilt.

Abgesehen von den neuen olympischen Disziplinen, Zaudern und Ignorieren, mussten sich sogar die Betreiber der großen Fußballindustrie dazu entschließen, ihre Geldmaschine auf null zu stellen. Plötzlich türmen sich Sorgenfalten auf. Verursacht durch arge finanzielle Verluste. Andere aber verspüren tatsächlich die Bereitschaft, einmal nachzudenken, was vor dieser Corona-Krise so alles in die verkehrte Richtung gelaufen ist.

Umdenken

Die TV-Gelder haben den Irrsinn explosionsartig in die Höhe getrieben, Transfersummen und Spielergehälter erlaubt, die sich jetzt im Rückspiegel betrachtet noch mehr als Perversion und Schamlosigkeit einer ganzen Branche erwiesen haben. Über zehn Milliarden Euro wurden den englischen Profivereinen für die nächsten drei Jahre versprochen. Für ein weltweit verkauftes Produkt, das momentan dummerweise nicht angeboten wird.

200 Millionen für einen Spieler, der den Klub wechselt? Vergangenheit.

Fußballer, die in sozialen Medien sehr bildhaft vergessen, welch soziale Herkunft sie haben? Hoffentlich auch.

Und schon schleichen sich Akte einer leisen Solidarität ins darniederliegende Getriebe. Geldgewinnen ist also doch keine Disziplin. Vielleicht wird er gar ehrlicher, der Sport? Jedenfalls wird alles anders sein, wenn die Siegesserie des verdammten Virus endet. Ein neues Spiel.

Anpfiff irgendwann.