korentschnig.jpg

© Kurier

Leitartikel
03/22/2020

Corona – in jeder Hinsicht infektiös

Eine Woche ist es her, dass das Parlament drastische Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus beschloss. Eine Zwischenbilanz

von Gert Korentschnig

Es scheint zu funktionieren. Die meisten Menschen bleiben brav daheim, die Zahl der Neuinfektionen steigt zumindest nicht dramatisch an, viele Länder beneiden Österreich um eine konsequent agierende Regierung. Die katastrophalen Folgen für die Wirtschaft, die Zahl der Arbeitslosen, die weit über jener der Corona-Positiven liegt, werden wir danach hoffentlich in den Griff kriegen. Und auch die Frage klären, wie es sein kann, dass in manchen Skigebieten der Lift- und Barbetrieb allen Ernstes wichtiger war als die Gesundheit.

Alles und alle auf Schiene also vorerst, zumindest dem Anschein nach. Die Virus-Krise, deren Ausbruch wir nicht für möglich gehalten hätten, bringt jedoch mit sich, dass viele ihr wahres Gesicht zeigen. Demaskierung statt Schutzmasken.

Die einen – Ärzte, Pfleger, Sanitäter, Reinigungskräfte, Postler, Supermarkt-Mitarbeiter, Bundesheerler, Zivildiener etc. – sind aufopferungsvoll für uns da, halten durch und das öffentliche Leben so gut wie möglich am Laufen. Ihnen gebührt unser Dank – daher wollen wir einige von ihnen an diesem Sonntag und in den nächsten Tagen vor den Vorhang holen.

Andere gewöhnen sich rasch an das Homeoffice und fragen sich zynisch, wofür eigentlich all die beruflichen Meetings in den vergangenen Jahren gut waren.

Weitere werden zu Hobby-Virologen und studieren rund um die Uhr Zahlen und Forschungsergebnisse.

Manche werden zu Frustessern, ihre Partner vielleicht zu diätischen Nutznießern der Krise, sodass der Umgang mit Corona durch und durch widersprüchlich ist.

Eine Gruppe jedoch, zum Glück noch eine kleine, kehrt gerade die offenbar lange unterdrückte Lust an der Überwachung der Nachbarn hervor. Früher einmal hätte man von Blockwarten gesprochen. Menschen, die harmlos und weit genug weg von anderen am Balkon frühstücken, werden bei der Hausverwaltung denunziert, private Bauarbeiten entweder mithilfe der Polizei oder auch unter Einsatz anderer Mittel zu stoppen versucht. Das ist nicht Aufeinanderschauen, sondern Vernaderung.

Seit kurzer Zeit leben wir in den 20er-Jahren, und es ist eine bemerkenswerte Koinzidenz, dass das Virus ausgerechnet jetzt auftaucht, da ohnehin schon Parallelen zu den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gezogen wurden, wirtschaftlich, politisch, humanistisch. Hoffnungsfroh stimmt diesbezüglich nur, dass die Populisten, die bis vor wenigen Wochen so laut gebrüllt haben, gerade abgemeldet, sogar entzaubert sind. Was ist mit Trump, Bolsonaro, Johnson? Die sind zumindest vorerst die Loser in der Krise. Auch in Österreich haben die Aufwiegler wenig zu reden.

Das Virus kriegen wir in den Griff. Hoffentlich auch die anderen Infektionen.