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Leitartikel
12/05/2020

Corona: Die Vernunft im Lockdown

Zur Gesundheits-, Wirtschafts-, Sport- und Kulturkrise ist eine Krise der Vernunft dazugekommen.

von Gert Korentschnig

An diesem Sonntag ist Nikolo, und aus einiger Distanz darf der große Heilige mit dem weißen Bart als Maske auch Geschenke überreichen. Dabei war 2020 mit den vielen Ketten eher ein Krampus-Jahr, aber sei’s drum.

Aus dem roten Sackerl, das diesmal ein türkis-grünes sein müsste, purzeln statt Äpfel und Nüsse andere Präsente – in Form von Erleichterungen. Wart ihr auch schön brav, liebe Kinder und Erwachsene?

Leider ist dieses Bild der willkürlich anmutenden Geschenkverteilung gar nicht so falsch. Ist Nikolo diesmal Klientelpolitiker? Der Handel sperrt auf, die Gastronomie aber nicht. Kinder und Jugendliche dürfen wieder zum Unterricht in die Schule (ab der 5. Stufe mit Maske), aber nicht alle, schon gar nicht Studierende an die Unis. In Skigebieten bleiben die Lifte bis Weihnachten außer Betrieb, dürfen dann zwar fahren, Touristen jedoch nicht übernachten. Die Kultur spielt überhaupt eine Nebenrolle: Museen sperren auf, Theater nicht, zumindest nicht fürs Publikum. Diese Liste an Widersprüchen ließe sich beliebig fortsetzen.

Daher fragt man sich: Wo bleibt die Logik? Und warum werden überhaupt Zuckerl verteilt, obwohl die Infektionszahlen nicht annähernd dort sind, wo sie sein sollten? Vor einigen Monaten hörten wir, dass ab 100 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern die Situation bedrohlich sei. Zuletzt gab es ein Vielfaches davon. Wenn das Virus immer noch so wütet, wäre es da nicht klüger gewesen etwas zuzuwarten? Oder ist die Gefahr im Dezember geringer? So steht man mit einem Fuß im Lockdown, mit dem anderen im Shoppingcenter.

Nun will der Autor dieser Zeilen definitiv nicht weiteren Schließungen das Wort reden. Aber es wäre schön, wenn sich eine Logik erschlösse, was warum gemacht wird. Das würde die Einhaltung der Maßnahmen erleichtern. Aber leider hat auch die Vernunft Ausgangssperre, in der politischen Debatte wie in sozialen Medien. Irgendwann zwischen erstem und zweitem Lockdown kam sie als zentrale Kategorie abhanden. Anfangs wurde von Regierungsseite agiert, nun wird vor allem reagiert. Und auf beiden Seiten der ideologischen Trennlinie geht es primär um Schuldzuweisungen, Abgrenzungen, Egoismen.

Vernunft darf sich nicht nach Meinungsumfragen richten. Vernunft ist auch keine rechte oder linke Kategorie. Und es ist ein Irrglaube, dass Wählerinnen und Wähler nicht vernunftbegabt wären, wenn man ihnen mit Transparenz begegnet. Selbst wenn es dann zu vordergründig unvernünftigen politischen Entscheidungen kommt (zum Beispiel Schulen zu öffnen, weil Bildung so zentral ist; oder Geschäfte aufzusperren, weil der Handel nicht auf Jahre ruiniert werden darf), braucht es mehr Vernunft: in der Kommunikation. Dann kann sie sich wieder auf den Umgang mit der Krise durch jeden Einzelnen ausbreiten.

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