Die Sexkolumne im Weblog: EROTIK RELOADED

Schöne Vorstellung: Da steht sie die gute Fee und erfüllt Wünsche. Sie könnte also auch die Zeit zurückdrehen zehn, zwanzig, dreißig Jahre! Netter Versuch.

Denn zumindest was den Sex betrifft, ist ein bisschen Reife das Beste, was einer Frau passieren kann. Also lassen wir es doch bitte lieber, wie es ist.

Nein, sehr lieb, danke - ich will das eigentlich gar nicht, du gute Fee. Und zwar: noch einmal 18 sein. Oder 21. Oder von mir aus 28. Ich will, was das Alter betrifft, jetzt einmal so bleiben wie ich bin. Halt machen. Genießen. In der fünften Dekade, nämlich.

Gute Fee, das hat bitteschön genau nichts mit Koketterie zu tun, sondern kann als das Ergebnis eines bemühten Nachdenkprozesses verstanden werden. Den übrigens viele von den Reiferen gerade absolvieren. Okay, auch ich taumle naturgemäß - so wie manche andere meiner Alters- und Gewichtsklasse - immer wieder in das Auge des Sturms namens Zweifel und Verzweiflung. Weil unwiderruflich ist, dass die Ära der String-Tangas oder anliegenden Kleider jetzt wirklich endgültig abzuhaken wäre. Und auch die Zeiten der rüde pfeifenden Bauarbeiter sind definitiv over. Da muss man eher damit rechnen, von einem jungen Hupfer mit sozialer Ader gefragt zu werden, ob man allenfalls eine Begleitung bräuchte - über den Zebrastreifen nämlich. So schaut's aus, Fee. Scherz. Alles halb so schlimm.

Denn gerade was den Sex betrifft, halten es viele von uns leidenschaftlich mit der Gegenwart. Jetzt ist es gut - jetzt ist es fantastisch. Vorvorgestern war, hmm. Und das hat nichts mit dem zu tun, was uns seinerzeit die Männer womöglich nicht bieten haben können - sondern mit uns selbst. Mit uns und unserer Desorientierung damals, mit uns und all den Ängsten, mit uns und dieser fatalen Neigung, nicht das zu tun, was wir wollten, sondern was wir glaubten, tun zu müssen, um bemerkt, geliebt, begehrt zu werden. Mit uns und der Unfähigkeit, in dem zu ruhen, was wir sind. Dazu hätte auch gehört, zu sagen, Darling, lass das, Darling mach mal, Darling geh besser wieder.

An sich neigt ja der in die Jahre gekommene Mensch, sich das Früher pipifein zu malen. Verhütungszäpfchen - schaumig und postkoital anhaltend scharf - sind denkbar ungeeignet für derlei nostalgische Weichzeichner. Doch Verhütungszäpfchen sind komischerweise immer das, was viele meiner Generation assoziieren, wenn es um sexuelle Erfahrungen in einem seinerzeit zwar perfekten Körper, aber völlig dahintrudelnden Ego geht. Symbolisch für ein Herumgemurkse - nicht nur mit dem Zeugs per se, sondern mit dem Lieben und Leben ganz allgemein.

Aber jetzt, gute Fee: alles perdu, vergessen, Schmäh von irgendwann. Der entspanntere Umgang mit der Welt, dem Körper, der Seele schafft eine späte Erotik, die von Selbstverständnis geprägt ist. Die einfach nur ist, die sich keiner aufsetzen muss wie einen Hut, der gar nicht zum Typ passt. Wer älter wird, schreitet (im besten Fall) fort und kommt an jenen Punkt, wo statt der Verhütungszäpfchen die Lust schäumt und perlt. Und endlich so brennt, dass es Spaß macht, Weib zu sein. Reif zu sein. Weiter zu sein. Ja! Dort zu sein, wo man eh immer schon hingehört hätte. Jetzt lässt es sich wunderbar an wahren Wünschen und Sehnsüchten kratzen, die Lust erlebt ihre Renaissance. Der Ehrgeiz, das Wetteifern, hat sich endlich! endlich! erledigt.

Wer Mut hat, poliert alles noch einmal neu, anders und frisch. Wenn's geht, die Ehe. Und falls nicht - die Welt da draußen.

(kurier) Erstellt am
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