Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
11/17/2019

Die Politik braucht auch „Spinner“

In einer Woche wird in der Steiermark gewählt. Sie war einst Hort der Querdenker. Müssen jetzt alle brav sein?

von Martina Salomon

Dass „Steirerblut kein Himbeersaft“ ist (wie einst Reinhard P. Gruber dichtete) haben frühere ÖVP-Chefs oft schmerzhaft gespürt. Die steirischen Schwarzen waren Kreativkraftwerk, Querulanten, Intriganten, Vorreiter – je nach Blickwinkel. Die bürgerlichen intellektuellen „Spinner“, die aus dem literarischen „Forum Stadtpark“ und der Katholischen Hochschulgemeinde rund um Bischof Egon Kapellari hervorgingen, befruchteten Kunst und Medien. Manchmal auch beides, man denke an den ORF-Mann und umstrittenen Kulturmanager Wolfgang Lorenz. Er koordinierte die Kulturhauptstadt Graz. Kunsthaus und Murinsel legen bis heute davon Zeugnis ab. Wird Bad Ischl 2024 wie Graz 2003 und auch Linz 2009 den unbändigen Willen haben, nicht Provinz sein zu wollen? (Wobei: Ist nicht gerade das der Charme von Bad Ischl?)

Aber bleiben wir hinterm Semmering: Das Nachrichten-Sommerloch wurde jahrelang verlässlich mit Ideen des steirischen Politikers Christopher Drexler gestopft. (Tempo 160! Homo-Ehe!) Bernd Schilcher war Miterfinder der Neuen Mittelschule. Es waren Steirer (u. a. Herwig Hösele), die vergeblich für ein minderheitsfreundliches Mehrheitswahlrecht kämpften. Und niemand dachte politisch so radikal und visionär wie der heuer verstorbene Gerhard Hirschmann, der die Bundesländer auf drei zusammenlegen wollte – und später mit einer eigenen Liste gegen Hermann Schützenhöfer kandidierte. Dramen und spektakuläres Scheitern gehörten zu den Steirern auch dazu. Hermann Schützenhöfer und Franz Voves hassten und versöhnten sich – und waren plötzlich Vorzeigebeispiel für eine Reformpartnerschaft.

Jetzt herrscht Stromlinienform

Das alles ist Geschichte und die Stromlinienform zum Maß der Dinge erhoben. Ja, die Bundes-ÖVP ist damit sehr erfolgreich und wird sogar von den Grünen imitiert: Es herrschen Nachrichtensperren und Parteichef-Interviews, die alle Medien zur gleichen Zeit und mit demselben Spin bekommen. Brav und ein wenig fad. Jetzt streitet nur noch die SPÖ. Was die Kreativität betrifft, muss sie bei den alten Steirern aber noch Nachhilfe nehmen.

Es geht auch nicht um Streit, sondern um Impulse. Wenn aber jede Buntheit in den (sozialen) Medien als abwegig empfunden, jeder Diskurs zum Streit hochstilisiert und daher lieber jede Kante vorsorglich poliert wird, ist die Verschlossenheit der Sebastian Kurz-ÖVP nur eine professionelle Reaktion darauf. Sie vollzieht nach, was international längst Standard ist. Aber genau das macht die Politik auch leblos. Wenn nur noch kühler Pragmatismus herrscht und man für eine Vision zum Arzt muss, hört sich der Spaß auf. Und das ist schon ein bisschen traurig.

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