Ein Bahnhof wie früher, oder: Entschleunigung in Slowenien 

© Uwe Mauch

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09/14/2016

Zidani Most: Mein „Bahnknotenpunkt“

So schenken mir die slowenischen Eisenbahnen öfters mal eine Stunde Ruhe..

Mag. Uwe Mauch | über Zidani Most

Blog Nr. 1140: Der schlechten Fahrplankoordination der Slowenischen Eisenbahnen (SZ) verdanke ich die Entdeckung eines Orts der Ruhe: Der Bahnhof Zidani Most, in der Monarchie auch Steinbrück genannt, liegt am Zusammenfluss der Savinja mit der Save, in einem engen Tal des südlichen Alpenvorlands. Er gilt seit seiner Eröffnung im Jahr 1849 als „ Bahnknotenpunkt“. Wird von Zügen aus drei Richtungen (Maribor, Ljubljana, Zagreb) angefahren. Im Intervall von einer Stunde kommen sie an. Doch nicht immer warten die Züge auf ihre Fahrgäste. So schenken mir die slowenischen Eisenbahnen öfters mal eine Stunde Ruhe.

Nix passiert: Ein Verbot wird zum Gebot

Das Verbotsschild zwischen Gleis 1 und 2 scheint Auslegungssache zu sein. Manche halten sich an das Verbot, andere nicht unbedingt. Die Eisenbahner zählen zu den anderen. Doch keine Angst! Die Menschen hier haben ausreichend Hausverstand. Wollen genauso lang leben wie die Menschen in den Verbotsgesellschaften. Auch scheint es in Slowenien niemanden zu stören, dass die Züge von Sprayern bunter gemacht werden. Ein bisschen Farbe! Wem tut das weh? In Zidani Most niemandem. Die mächtigen Berge rund um den Bahnhof werfen bis spät in den Vormittag und schon früh am Nachmittag ihre Schatten.

Keine Wartezeiten in der Kassenhalle

Die meisten Mitreisenden im Regionalzug in Richtung Dobova fahren nicht mit Einzelfahrscheinen, sondern mit Zeitfahrkarten. Deshalb herrscht in der Kassenhalle nie Gedränge. Ich musste mich in all den Jahren noch nie in einer Warteschlange anstellen. Manchmal muss die Dame an der Kassa erst gerufen werden. Es kam auch schon vor, dass sie mir nicht auf einen 10-Euro-Schein Retourgeld rausgeben konnte. Die Fahrkarten sind im Verhältnis zur gebotenen Leistungen auf der Schiene teuer. Immerhin sie haben EU-Niveau. Wer will da noch Schlechtes denken über die ÖBB?

In diesem Warteraum sind alle willkommen

Der menschenleere Warteraum erinnert mich an das Zugfahren in den 1970er-Jahren. Auf den langen Holzbänken kann sich noch gemütlich ausstrecken, wer schlafen mag. Hier sind offensichtlich auch noch jene willkommen, die auf einem Bahnhof kein Geld ausgeben wollen bzw. können. Klo ist noch gratis, Bildschirme, Shopping und Sushi gibt es nicht. Auch keine Klimaanlage. Im Winter ist der Warteraum ordentlich geheizt, im Sommer bieten die geöffneten Fenster und die Ohren betäubend laut vorbeifahrenden Güterzüge ein wenig Abkühlung.

Das Bahnhofscafé für Rustikalliebhaber

Das Highlight von Zidani Most ist für mich aber das rustikale Bahnhofscafé. Ein Kaffee, der es mit der Wiener Kaffeehaustouristenmelange durchaus aufnehmen kann, kostet 1,10 Euro, ein Pivo ist ebenso leistbar. Ich kenne inzwischen alle Kellnerinnen, die hier im Schichtbetrieb arbeiten. Und darf daher sagen: alle sind freundlich. Zuletzt hat sich die Neue gefreut, weil ich ihr gesagt habe, dass ihr das Ausmalen der Wände gut gelungen ist. Gut, diese Bahnhofsreste wird keinen Innenarchitekturpreis gewinnen. Doch die hiesigen Eisenbahner und Bahnreisenden scheinen zufrieden zu sein, und ich bin es auch.

Europäische Verstörungen am Bahnsteig

Der Bahnhof Zidani Most verfügt nur über drei Gleise, woraus sich ergibt, dass die hiesigen Eisenbahner gut planen müssen. Denn manchmal fahren drei Züge aus drei verschiedenen Richtungen gleichzeitig ein. Neben dem äußeren, dem Gleis 3, schimmert das Wasser der Save. Internationale Züge kommen hier nur selten durch, sind die Ausnahme. Einer fährt nach Beograd, einer nach Dunaj (Wien), einer nach Zagreb und einer nach München. Dass die slowenischen und kroatischen Eisenbahnen weiterhin eine grenzüberschreitende Kooperation verweigern, muss jene verstören, die an ein gemeinsames Europa glauben. Aber das nur so nebenbei bemerkt.