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21.02.2018

Ihr Großvater wird in Korea verehrt

Ihr Großvater, Seo Yeong-hae, genießt in Südkorea Heldenstatus.

Mag. Uwe Mauch | über News abseits von Olympia

Blog Nr. 2015: Die Wiener Kunsthistorikerin Suzie Wong traute an diesem Montagmorgen ihren Augen nicht. Sie hatte in ihrer Wohnung in Penzing Kaffee gekocht und ihre Mailbox geöffnet. „Und da las ich dann das Mail der südkoreanischen Musikpädagogin Jinah Kim, die sich im Namen ihres Volkes bei mir und meiner Familie bedankte.“ Kim hatte ein Antwortschreiben der Nationalbibliothek in Seoul ins Deutsche übersetzt. Daraus ging hervor: Ihr Großvater, Seo Yeong-hae, genießt in Südkorea Heldenstatus.

Ein Held in Südkorea

Es gibt vieles in Wien. Aber das gibt es kein zweites Mal: Suzie Wong und ihre jüngere Schwester Stefanie Wong haben in den vergangenen zwei Jahren eine ganze Menge über ihren Vorfahren gefunden: Bücher, Zeitungsartikel, handschriftliche Dokumente und Schwarz-Weiß-Photographien. All diese Erinnerungsstücke fügen sich langsam zu einem fertigen Mosaik. Das zeigt Seo Yeong-hae als einen Mann, der für die Freiheit und die friedliche Vereinigung Koreas sein Leben aufs Spiel gesetzt und deshalb vermutlich verloren hat. „Inzwischen hat sich bei uns auch das dafür zuständige Ministerium offiziell bedankt“, erzählt Suzie Wong sichtlich erstaunt. Ihre jüngere Schwester Stefanie fügt hinzu: „Am Anfang haben wir mit dem Helden-Titel des Großvaters wenig anfangen können. Inzwischen wissen wir, dass er Großes für sein Land geleistet hat.“

Wegbegleiter von Rhee Syng-man

Schon als Junger schließt er sich der Widerstandsbewegung gegen die japanischen Besatzer an. Im Widerstand freundet er sich auch mit Rhee Syng-man an, dem späteren Staatspräsidenten Südkoreas. Die beiden Schwestern erzählen: „Er hat für Rhee Syng-man etliche Liebesbriefe übersetzt, die dieser an seine Frau Franziska Donner geschrieben hat.“ Donner war Wienerin, aus Inzersdorf. Die Freundschaft der beiden Männer ging jedoch später zu Bruch.

Er heiratet eine Wienerin

Um den japanischen Besatzern zu entgehen, flüchtet ihr Großvater im Jahr 1920 via Schanghai nach Paris. „Dort lernt er auch unsere Großmutter kennen.“ Elisabeth Bräuer, die Tochter des Wiener Architekten Karl Bräuer, war zum Studium nach Paris gekommen. Sie studierte an der École des Beaux Arts Malerei und Bühnenbild. Der Koreaner und die Österreicherin heirateten am 11. Februar 1937. Im Wiener Rathaus. Zu Beginn des Jahres 1939 kehrt Elisabeth Seo aus Paris in ihre inzwischen nationalsozialistische Heimat zurück, zu ihren Eltern im 15. Bezirk. Bald nach ihrer Rückkehr kommt ihr Sohn Stefan Karl Alois Solgasi Seo zur Welt, der Vater von Suzie und Stefanie. Nach dem Krieg heiratet die Malerin ein zweites Mal, den chinesischen Lungenfacharzt Sik-Ning Wong, womit sich der Familiennamen Wong erklärt.

Wiedersehen mit der Familie

Bei einem Besuch in Südkorea im vergangenen Herbst lernte Suzie Wong ihre Großcousine kennen. Von ihr, von Journalisten und Historikern erfuhr sie, wie es mit ihrem Großvater weiterging: Yeong-hae bleibt bis Kriegsende in Europa. Als Journalist und Diplomat kämpft er in Paris und London gegen deutsche, italienische, spanische und japanische Faschisten. Nach seiner Rückkehr nach Seoul tritt er als einer jener Politiker auf, die sich für ein geeintes und vor allem demokratisches Korea einsetzen.

Ungewisses Lebensende

Ein Steinchen im Mosaik fehlt jetzt noch: Unklar ist, wo Seo Yeong-hae verstorben ist. Einiges deutet darauf hin, dass er von China nach Nordkorea übersiedelt ist. Nicht geklärt ist, was er dort erlebt hat und wo er verstorben ist. Ab 1958 verwischen sich jedenfalls seine Spuren im Sand des Kalten Kriegs. Was bleibt, das ist für Suzie und Stefanie Wong die Erinnerung: An einen Intellektuellen, der fließend sieben Sprachen spricht und zwei Mal im Leben seine Heimat verlassen muss, um am Ende der Teilung Koreas hilflos zusehen zu müssen.