Regal-Zuwachs: Das neue Buch wird dort geparkt, wo schon die anderen parken

© Uwe Mauch

über die Armen von Wien
09/21/2016

„Die Armen von Wien“ sind da!

von Uwe Mauch

Und dieses Mal bin ich auch froh, dass ich dieses Buch gemacht habe.

Mag. Uwe Mauch | über die Armen von Wien

Blog Nr. 1141: Ich halte mein neues Buch Die Armen von Wien. 13 Sozialreportagen in Händen. Und bin froh, dass ich es gemacht habe. Armut in einer der wohlhabendsten, lebenswertesten Städte der Welt: Das war zur Zeit des legendären Wiener Sozialreporters Max Winter (1870 – 1937) kein Thema für jene, die das Kaiserreich dem Ende zuführten, ihren Wohlstand verwalteten und die öffentliche Meinung diktierten. Armut ist auch heute kein großes Thema in Wien. Mir unverständlich! Denn in jener Stadt, die sich in allen internationalen Wohlfühlrankings ganz oben sieht, sind laut amtlicher Statistik immerhin 184.000 Menschen betroffen. Das Buch wird am 5. Oktober präsentiert.

Aus Kapitel 01: „Diagnose: Verzweiflung“

AmberMed. Steht auf einem kleinen Schild an der Einfahrt. Es weist den Weg, den die leicht Verwundbaren bereits kennen. Schnell eintreten! Um dem eisigen Novemberwind zu entfliehen. Drinnen ist eine knappe Stunde vor Aufruf des ersten Patienten kein Sitzplatz mehr frei. Hier warten Menschen, die nicht krankenversichert sind. (...) „Diagnose: Verzweiflung.“ Sagt der ehrenamtlich tätige Arzt Michael Nebehay, nachdem er einen weiteren Patienten mit Wert schätzender Ruhe und Aufmerksamkeit untersucht hat. (...)

Aus Kapitel 02: Arme Hunde

Wenn du am Boden liegst und es nass ist, fühlst du dich wie der letzte Dreck. Hat ein Kollege von mir einmal gesagt. Er hat jahrelang auf der Straße, unter der Brücke, auf der Donauinsel, in abgestellten Eisenbahnwaggons, Parkanlagen, Versorgungsschächten und Abstellräumen von Spitälern geschlafen. Auf der Straße, unter der Brücke, höre ich die Leute sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ihnen dabei bewusst ist, wie unangenehm sich Obdachlosigkeit anfühlt, wie sie an dir klebt, wie sie dich stigmatisiert. Auch ich war ganz unten. Aber Nächte unter der Brücke blieben mir Gott sei Dank erspart. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Ich bin der Hömal vom „Augustin“. (...)

Aus Kapitel 05: An einem Wintertag

Plötzlich regt sich etwas im Dunkel! Auf benachbarten Parkbänken liegen zwei Menschen, beide in Schlafsäcke und Winterjacken eingegraben. Ein Mann und eine Frau! Die Augen der Frau bewegen sich; sie lebt! Drei Plastiksäcke stehen unter ihrer Bank, ein violetter Rollkoffer vor der Bank. Ihre Habseligkeiten. Offensichtlich haben – trotz anders lautender Berichte der zuständigen Rathausbehörde – doch nicht alle in dieser Stadt eine geschützte Unterkunft. (...) Heute sind diese Phänomene an den Rand der Stadt gewandert. Oder sie vermummen sich wie hier, in einer der schönsten Parkanlagen von Wien. (...)

Aus Kapitel 06: Die Verausgabten

Schonungslos liest der Schuldnerberater ihre Schulden vor: T-Mobile Austria GmbH 1818,27 Euro; Wiener Städtische Versicherung 9011,44 Euro; Raiffeisenbank 21.733,12 Euro; Bank Austria 35.654,83 Euro; Stadt Wien für Delogierung 4050,13 Euro; Inkassobüro im Auftrag der Wiener Linien 852 Euro. Jenny, eine Frau Mitte 40, ist seit zweieinhalb Jahren arbeitslos, zuvor war sie elf Jahre als Kellnerin geringfügig beschäftigt. Leicht geduckt lässt sie jetzt die Auflistung der hohen Summen über sich ergehen. Unterm Strich ergeben sie ein Minus, das sie nicht mehr begleichen kann. Sie hat verstanden, was ihr der Berater beim ersten Termin erklärt hat: Je länger sie untätig zuwartet umso höher wächst ihr Schuldenberg. (...)

Aus Kapitel 07: Die Vertriebenen

„Wir haben uns das nicht ausgesucht“, erzählt Salah Ammo, der nur mit seiner Bouzuk und einem Koffer aus seiner Heimat geflüchtet ist. Dann greift der Lautenspieler aus Syrien zu seiner treuen Begleiterin, die mit ihrem langen Hals überall herausragt und die ihn bisher überallhin begleitet hat. Sein Gesang, der Klang seiner Heimat: das geht sofort nahe, berührt die Herzen seiner alten und neuen Landsleute im Publikum der Sargfabrik. Die syrische Laute klingt anders als die klassischen Instrumente, die in Wien gelernt und gespielt werden. Sie macht neugierig. Viel haben ihm die Machthaber dieser Welt gestohlen. Er vermisst seine Familie, seine Freunde, das Land, in dem er erwachsen wurde. Doch dann sagt er auch: seine Musik, seinen Geist, seine Erinnerungen und seine Würde können ihm die Machthaber nicht nehmen. (...)

Aus Kapitel 08: Frau mit Kopftuch

Nazgul ist heute 46. Sie hat ihren Mann vor dreißig Jahren in Wien kennen gelernt. Am Tag nach ihrer Ankunft aus ihrer Heimat, einem kleinen, abgelegenen Dorf in Ostanatolien, auf halbem Weg zwischen Ankara und Kayseri. Nur einen Tag vor ihrer Hochzeit. Sie wurde nicht gefragt, ob sie ihn heiraten möchte. Auch er wurde nicht gefragt. Ihre Väter haben das nach alter Tradition bald nach ihrer Geburt so entschieden. An ihre Hochzeit erinnert sie sich mit gemischten Gefühlen: Ja, es war ein rauschendes Fest in einem großen Saal in einem Hotel im 15. Bezirk. Den ganzen Nachmittag kamen Menschen, um zu gratulieren, um zu feiern und zu den traditionellen Klängen ihrer Heimat zu tanzen. „Doch die meisten habe ich gar nicht gekannt.“ (...)

Aus Kapitel 12: Wohin Jan ging

Am Montag ist der Mann im Rollstuhl nicht mehr auf der Brücke. An seiner Statt nur noch Erinnerung: Auf dem Gehsteig der Friedensbrücke brennen Kerzen; neben den Blumen auf dem Geländer hängt ein Nachruf. Fremde Menschen bleiben stehen und zeigen sich betroffen. Die meisten wissen eine Geschichte über den Mann im Rollstuhl zu erzählen. Eine schöne Geschichte, eine persönliche Geschichte. Von Jan, dem Mann im Rollstuhl. (...) In seiner Heimat Rumänien war Jan Lehrer, in Wien erlag er seiner Armut. (...)

Zum Autor: Uwe Mauch, 1966 in Wien geboren, ist seit 1995 Redakteur der TageszeitungKURIER und Buchautor.