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25.10.2017

Jozefina: Auf einer 240 Jahre alten Straße

Ich folge auf dieser Radtour dem Zagreber Archäologen Stašo Forenbaher und seiner Frau Lara Černicki.

Mag. Uwe Mauch | über die Jozefina

Blog Nr. 1198: Start ist in Karlovac, und zwar auf der Senjska cesta, die vom Stadtzentrum entlang der Mrežnica in Richtung Duga Resa, in Richtung Meer führt. Ich folge auf dieser Radtour dem Zagreber Archäologen Stašo Forenbaher und seiner Frau Lara Černicki. Die beiden haben mit ihrem leider nur in kroatischer Sprache erschienenen Buch über alte Straßen, die ans Meer führen, und einer Serie an Dokumentarfilmen, die im kroatischen Fernsehen gezeigt wurden, unter anderem auch die „Jozefina“ wieder populär gemacht. Dieser Verkehrweg wurde vor 240 Jahren unter Joseph II. nach neunjähriger Bauzeit eröffnet. Sie führt heute als Staatsstraße D23 über etwas mehr als 100 Kilometer von Karlovac, dem alten Karlstadt, zur kleinen Hafenstadt Senj.

Dank an die Baumeister von Joseph II.

Anders als den Forenbahers steht mir kein Tourenrad zur Verfügung. Aus logistischen Gründen fahre ich mit meinem Brompton. Doch siehe da! Die Baumeister von Joseph II. haben – Augenzwinker! – auch an uns Faltrad-Fahrer gedacht. So wie bei meinen Faltradfahrten über den Semmering: Nur ein Mal muss ich kurz schieben. Dummerweise erfreut diese kurvenreiche Straße aber auch die motorisierten Biker. Und so wie Auto-, Lkw- und Busfahrer mit kroatischem Kennzeichen sind sie für uns Radler eine ernste Bedrohung. Die Oaschloch-Quote (= Anzahl der Flüche nach Fast-Berührung; mal 1,5 multipliziert, wenn zusätzlich die Faust geballt wird) war jedenfalls auf dieser Radtour sehr hoch.

Die Doppelstock-Brücke von Tounj

Die ersten 30 Kilometer wird die Jozefina vom wildromantischen Fluss Mrežnica begleitet. Am Ufer sieht man Fischer und Sonnenanbeter, im Wasser Ruderer und Schwimmer. Schön ist der Ort Duga Resa, direkt am Fluss. Schön klingt der Ort Generalski stol. Bei einem schnellen Kaffee stelle ich mir vor, wie dort ein echter General mit mir am Tisch sitzt. Bauliches Wahrzeichen der Jozefina ist die Brücke von Tounj, die nach ihren ersten hundert Jahren einen imposanten Aufbau erhielt. Auch der Ort Josipdol erinnert an den österreichischen Imperator.

Mein zuverlässiges Navi sind die Menschen

Reisen mit dem Rad macht mir mehr Spaß als mit Auto oder Flugzeug. Mein Navi sind die Menschen, die ich unterwegs anspreche und die mir zuverlässig den Weg weisen. Mein einfach gestricktes Gastarbeiter-Kroatisch öffnet überall Türen. (Wäre übrigens fein, wenn unsereins auch so entgegenkommend wäre.) Jeder weiß etwas über die alte Jozefina zu erzählen. Und dann sieht, hört und riecht man auch mehr auf dem Rad. Für mich faszinierend ist der Wechsel des Klimas und der Vegetation. Je näher man dem Meer kommt, umso mehr verdrängt das Mediterrane das uns vertraute Kontinentale.

888 Meter über dem Meererspiegel

Und dann der Bergrücken Mala kapela, den die Autofahrer in weniger als fünf Minuten hinter sich lassen, indem sie auf der A1 in eine der beiden Tunnelröhren eintauchen, um nach gut sechs Kilometern aus dem Dunkel in die kroatische Lika zu tauchen (unsereins braucht bis zum Pass auf 888 Meter Seehöhe eine Schweiß treibende Stunde). Die Lika ist jedenfalls einer der schönsten Landstriche unserer südlichen Nachbarn. Nicht nur für Rad- und Motorradfahrer, auch für Wanderer und solche, die Urlaub nicht zwangsläufig im Juli und August machen, hätte sie einiges zu bieten. Allerdings ist die touristische Infrastruktur hier, sagen wir mal, noch verbesserungsfähig.

Kalte Depression in Brinje

Die kleine Stadt Brinje konnte sich nach dem Krieg nicht erholen. Es gibt hier kaum Arbeit, sodass viele Einwohner weggezogen sind. Nach der Eröffnung der Autobahn von Zagreb nach Split haben auch Gastwirte und Hoteliers der Reihe nach zusperren müssen. In einem der beiden Hotels, das auf bessere Zeiten wartet, bin ich an diesem Samstagabend der einzige Gast. Zu allem Überdruss vertraut mir die Wirtin am nächsten Morgen an, dass sie ihren Mann vor ein paar Tagen mit der Kellnerin schmusen sah. Und das nach bald 50 Jahren Ehe.

Nächste Etappe: zum Pfarrer „Glücklich“

Bei Žuta Lokva führt die Jozefina in Richtung Senj. Ich möchte aber weiter durch die kroatische Lika in Richtung Dalmatien radeln. Herrlich ist der sich an einen Berg schmiegende Ort Ličko Lešće. Unten Herbst-Nebel und 7 Grad Celsius, oben Sonnenschein und 20 Grad. Mein Zielpunkt ist heute der Lidl-Parkplatz von Gospić. Im nächsten Jahr möchte ich dann durch die Herzegowina radeln. Zum katholischen Popen von Tomislavgrad. Der heißt Sretan und ist der vielleicht glücklichste, ehrlichste und visionärste Kirchenmensch, den ich kennen lernen durfte.