Was bitte ist das? Bald kann uns der Computer Kandinskys "Komposition in Weiß" (1920) erklären

© APA/EPA/WASSILY KANDISKY / SIAE 2014

zur Ankündigung, dass Software moderne Kunst verstehen soll.
02/05/2015

Ein Hoch auf die Ratlosigkeit

von Georg Leyrer

Moderne Kunst ist kein Kreuzworträtsel.

Georg Leyrer | zur Ankündigung, dass Software moderne Kunst verstehen soll.

Ratlos und zerknirscht steht der interessierte Laie vor der modernen Kunst und denkt sich: Ach, verstünde ich doch nur, was mir das zeigen soll.

Auch dafür gibt es bald eine App.

Wissenschafter der Universität Toronto haben eine Software entwickelt, die moderne Kunst verstehen soll. Damit ist hier gemeint: Entschlüsseln, aus dem Abstrakten Greifbares machen.

Eine Maschine hat sich, mit der Software ausgestattet, in der Tate Modern umgeschaut. Und vermeldet, was sie in Werken von u.a. Giacometti und Richard Long erkennen kann. Ergebnis: Eine Holzbank, einen Strandspaziergang.

Erwächst hier Erleichterung für den ratlosen Kunstfreund, Computer-Konkurrenz für uns arme Kunstkritiker, also?

Im Gegenteil. Hier bekommt ein nicht loszuwerdender Irrtum über die Kunst neue Untermauerung. Moderne, auch zeitgenössische Kunst ist kein Kreuzworträtsel. Man kriegt keinen Einser, wenn man in abstrakten Werken Gegenstände richtig errät. Wer mit dem Begleittext durch Ausstellungen läuft und versucht, "das Richtige" in einem Bild zu erkennen, versäumt die Kunst.

Das lässt sich auch leicht am Vergleich mit Alten Meistern darstellen: Klar, dort sieht man Gegenständliches, das die Anmutung des leichter Erfassbaren hat - und vom Computer wohl erkannt werden würde. Nur: Was sagt uns das dann? Frau mit Baby (Jesus! oder doch nicht?), abgeschlagene Köpfe (da wirds schon schwieriger), Obst in Schalen (dazu denke sich etwas, wer kann), Menschen in lustigen Kleidern (irgendwelche Monarchen).

Auch wer die abgeschlagenen Köpfe den richtigen ehemaligen Trägern zuordnen kann, wer weiß, welcher Monarch da in der Krause steckt, ist dem Bild nur oberflächlich näher gerückt. Man weiß, worum es geht, man weiß, wen oder was man sieht. Aber weiß man dann auch mehr über das Bild als angesichts eines farbenfrohen Abstraktbildes, sagen wir mal: von Kandinsky?

Man muss einmal deutlich festhalten: Die Verständnishürde bei der zeitgenössischen Kunst ist auch nicht viel höher als bei der klassischen. Weder hier noch da kann der Computer uns Antworten liefern, wenn wir nicht einmal die Frage wissen, die wir an die Kunst richten sollen.

Daher: Ein Hoch auf die Ratlosigkeit. Es spricht nichts, aber auch gar nichts dagegen, Kunst - egal welcher - ahnungs- und ideenlos gegenüber zu stehen. Denn Software, und das ist kein technologiefeindliches Schwarzmalen, sondern bald Faktum, wird uns bald ganz viele Jobs ab-, wenn nicht wegnehmen, und damit sind nicht nur manuelle gemeint. Längst schreibt der Computer Zeitungsartikel, steuert Autos, handelt Aktien. Aber eines wird er wohl nie können: Ratlos sein. Und das wollen wir uns nicht nehmen lassen.

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