"Städte haben zentrale Bedeutung für Klimaschutz"

COLOMBIA CLIMATE MARCH
Foto: APA/EPA/JUAN JOSE HORTA "Kein Fracking": Weltweit versammelten sich vor und während des Klimagipfels Tausende Menschen zu Protestmärschen und forderten von Politik und Industrie Taten statt Worte.

Shalegas-Experte Georg Günsberg über den UN-Gipfel, Urbanisierung, Fracking und seinen frisch designten Blog.

Wie schnell kann der Shale-Boom zusammenbrechen? Auf diese und andere Fragen gibt Georg Günsberg fundierte Antworten. Der Politik- und Strategieberater betreibt seit 2007 einen eigenen Blog, in dem er sich vorrangig mit Klima- und Energiefragen auseinandersetzt. Nun hat er www.guensberg.at runderneuert. Strategisch ein guter Zeitpunkt: Vergangene Woche wurde der erste Klimabericht für Österreich veröffentlicht, in dieser Woche sorgte der UN-Klimapgipfel in New York für neuen Schwung in der Debatte. Dem KURIER gab er Einblick.

Herr Günsberg, auf welche brisanten Themen dürfen sich Ihre Leser freuen?

guensberg_portrait.jpg Foto: Georg Günsberg Georg Günsberg Guensblog wird sich weiterhin insbesondere aktuellen klima- und energiepolitischen Fragestellungen widmen und dabei versuchen, Analysen und Einschätzungen zu bringen, die vielleicht nicht in Print und TV im Fokus stehen. Eine wichtige Rolle wird die industrie- und wirtschaftspolitische Auseinandersetzung zu den Klima- und Energieambitionen spielen. Die Gewichtung der Argumente scheint mir in der öffentlichen Debatte nicht immer angemessen und stark von Klientelpolitik geprägt, insbesondere durch einzelne Industriebereiche. Mein Plan ist weiters, zukünftig verstärkt internationale Beiträge - also in englischer Sprache - zu posten.

Der erste Klimabericht für Österreich - kürzlich präsentiert - klingt nicht sehr zuversichtlich. Müssen wir den Wintertourismus bald ad acta legen?

Die Folgewirkungen des Klimawandels in Österreich sind jedenfalls weitreichend und werden sich verschärfen. Der Wintertourismus ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr wir uns durch kurzfristige Interessen blenden lassen und damit die Grundlagen anderer relevanter wirtschaftliche Bereiche ruinieren. Der APCC-Bericht ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Referenzen, die je in Österreich zum Klimawandel erarbeitet wurde. Er ist auch ein wichtiges Signal im öffentlichen Diskurs, bei dem immer wieder die Zyniker und Skeptiker Oberwasser haben, die die Komplexität der Klimaforschung missbrauchen, um durch billige Punkte ernsthafte klimapolitische Ambitionen zu unterwandern. Der Konsens zum anthropogenen Treibhauseffekt war nie größer als jetzt. Die Aufforderung der Forschung an Politik und Gesellschaft, mit dem Klimaschutz ernst zu haben, ist deutlich.

Mit Shale-Gas beschäftigen Sie sich intensiv. Wird in Österreich jemals Fracking betrieben werden?

Aufwand und Kosten für die Gewinnung von Schiefergas sind enorm. Der Output ist in den vergangenen Jahren sehr hoch gewesen, was temporär zu niedrigen Gaspreisen in den USA geführt hat. Viele Experten sind sich einig, dass der Gaspreis in den USA zwangsläufig wieder steigen wird, denn die Rechnung geht mit niedrigen Preisen bei zugleich steigendem Aufwand nicht auf. Was Österreich betrifft, sehe ich in den kommenden Jahren keine realistische Perspektive für die Schiefergas-Gewinnung. Die Risiken sind ökologisch wie auch ökonomisch zu hoch. Es ist wichtig zu sehen, dass sich Schiefergas-Vorkommen sehr unterscheiden. Der US-Weg ist kaum zu transferieren und möglicherweise nur ein temporäres Phänomen. Zum anderen ist es auch so, dass wir die Art und Kultur der Flächennutzung mitberücksichtigen müssen.

Hat Sie der Klimagipfel auf irgendeine Art überrascht?

Überrascht vielleicht nicht, aber das ist eine Frage der Erwartungshaltung. Die internationale Aufmerksamkeit ist hoch und mir scheint wichtig, dass einige Aspekte verstärkt ins Rampenlicht gestellt werden. Das betrifft zum einen die zentrale Bedeutung der Städte bzw. des weltweiten Urbanisierungstrends für den Klimaschutz. Die Strukturen, die wir hier schaffen - auch in der Austauschbeziehung zwischen Stadt und Land - sind maßgeblich dafür, ob eine ressourcenschonendere Lebensweise Chancen erhält. 1950 lag der Anteil der urbanen Bevölkerung weltweit noch bei 30 Prozent. Aktuell sind es 54. Für 2050 wird erwartet, dass zwei Drittel der Menschen im urbanen Raum leben. Allein in China werden Prognosen zufolge 250 Millionen Menschen urbanisiert. Die Art und Weise, wie dieser Strukturwandel gestaltet wird, ist ein zentraler Schlüssel für den globalen Klimaschutz.

Und der zweite Bereich...

... betrifft die Kapitalmärkte. Initiativen wie Divest-Invest oder Carbon Tracker machen transparent, dass Unsummen an die Ausbeutung fossiler Ressourcen gebunden sind. Wenn nicht nur die Stanford-University, sondern nun auch die Rockefeller Foundation beschließen, ihr Vermögen nicht mehr in Kohle und z.B. Öl aus Teersand (Bild oben) zu investieren, ist das ein enorm wichtiges Signal an die Kapitalmärkte. Nehmen wir das 2-Grad Ziel ernst, droht ein maßgeblicher Teil fossiler Investitionen zur Blase zu werden, zur sogenannten Carbon Bubble. Daher ist auch hier das Zeichen: wir gehen raus aus Kohle und Erdöl.

Die Klima-Debatte ist heiß umkämpft, sehr emotional. Folgendes (siehe Faksimile) ist auf der einschlägigen Website EIKE zum #climatemarch, der im Rahmen des Klimagipfels stattfand, zu lesen. Wie begegnen Sie solcher Rhetorik?

Die stark politische Konnotierung des Textes zeigt, dass die Klimaskeptiker viel stärker in ideologischen Mustern verhaftet sind als die oft attackierte Klimaforschung. Insofern begegne ich dem nüchtern. Der Klimaskeptizismus entlarvt sich dahingehend, dass er selbst die Klimafrage zur Glaubensfrage macht. Er pickt sich einzelne Korrelationen raus, die wie so oft nicht in kausalem Zusammenhang stehen, und tarnt dies als wissenschaftliche Auseinandersetzung. Aber durch Formulierungen wie in diesem Beispiel, ist offensichtlich, worum es eigentlich geht.

(KURIER) Erstellt am
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