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trank mit Kommunisten aus Italien Bourbon an der Mauer.
11/01/2014

"Was, wenn ich nicht zurück darf?"

KURIER-Korrespondentin Elke Windisch trank mit Kommunisten aus Italien Bourbon an der Mauer.

von Elke Windisch

Was, wenn ich nicht zurück darf?

Elke Windisch | trank mit Kommunisten aus Italien Bourbon an der Mauer.

Die DDR taumelte bereits seit Wochen in den Untergang. Für die „Liga für Völkerfreundschaft“ kein Grund, Crash-Kurse abzusagen, in denen Anhängern des orthodoxen Flügels der Italienischen Kommunisten die sozialistische Zukunft vermittelt wurde, wie Karl Marx sie in der Politischen Ökonomie des Sozialismus beschreibt. Ich war damals Dolmetscherin, vor mir saßen rund 30 Aktivisten. Einige wirkten morgens sichtlich erschöpft.

Vom Mauerfall erfuhren wir aus den Abendnachrichten, als wir uns mit einer Flasche Grappa auf das Abendessen vorbereiteten. „Dann kannst du heute Nacht ja mitkommen“, sagte Luigi, Gewerkschaftler aus Genua. „Und wir kommen um die umständlichen Kontrollen herum“. Die Genossen, so stellte sich heraus, hatten sich nach den Lektionen heimlich ins Nachtleben beim Klassenfeind gestürzt! Daher die übernächtigten Gesichter.

Nach dem Essen zogen wir los. Die S-Bahn war so voll, dass die letzten nicht mehr mitkamen. Tausende strebten – mitten auf der Fahrbahn – der Bornholmer Brücke zu, wo die Grenze offen sein sollte. Sie war es. Aber wie nun weiter? Ich hatte keine Ahnung. „Raus aus dem Gedränge“, sagte Luigi, „wir müssen Taxis finden“. Wir fanden welche. „Bahnhof Zoo“ nannte Luigi als Fahrziel. Ich saß vorn und war zunächst enttäuscht. Die Straßen waren so spärlich beleuchtet wie im Osten und hatten Schlaglöcher wie dort. Auch die Geschäfte schlossen offenbar ähnlich früh wie im Osten. Mist. Von dem bisschen Westgeld, was mir meine Italiener – heimlich – als Trinkgeld zusteckten, hätte ich mir gern gekauft, was es in den DDR-Valuta-Läden nicht gab. Sally Oldfields LP „Water Bearer“ und das Parfüm Paris. Ich liebte es, seit eine Italienerin mir eine fast leere Flasche überlassen hatte.

Als wir ausstiegen, steuerte Luigi zielstrebig eine Bar am Kurfürstendamm an und bestellte eine Runde Whisky: Bourbon, den ich zum ersten Mal trank. Am Nachbartisch wurde Russisch gesprochen. Diplomaten aus der Sowjet-Botschaft in Ostberlin erörterten Karrieren nach der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems und der Sowjetunion. „Wer fängt uns auf?“, fragte einer eher rhetorisch. „Westrussland“, sagte ein anderer. Niemand lachte.

Wiedervereinigung? Ich wollte das nicht. Ich wollte einen reformierten Sozialismus: Reisefreiheit, Pluralismus, unabhängige Medien, ohne auf soziale Sicherheit verzichten zu müssen. „Das funktioniert nicht“, sagte Luigi und bestellte eine neue Runde Bourbon. „Wir haben ein Sprichwort: „Man kann nicht das Fass voll und die Ehefrau besoffen haben“.

Nach einer dritten Runde machten wir uns auf den Rückweg. Wildfremde lagen einander in den Armen, auch wir wurden geküsst und küssten zurück. Urplötzlich ergriff mich die Angst: Was, wenn wir nicht wieder einreisen dürfen in die DDR? Wenn die Maueröffnung eine Aktion war, um sich Unzufriedener für immer zu entledigen? Bang reichte ich dem Grenzer meinem Ausweis. Er interessierte ihn nicht. „Wie ist es denn? Schön?“ fragte er und lächelte. Nie zuvor hatte ich einen Grenzsoldaten lächeln sehen. Vielleicht, dachte ich, klappt es ja doch: Man kann das Fass voll haben und die Ehefrau trotzdem besoffen sein.

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