über den politischen Aschermittwoch
02/10/2016

Tag der Grobrhetorik

von Michael Andrusio

Strache weiß, was seine Fans und Zuhörer erwarten.

Michael Andrusio | über den politischen Aschermittwoch

Alle Jahre wieder. Aschermittwoch ist’s und so mancher Politiker greift zur rhetorischen Keule. In einer aufgeheizten Bierzelt-Atmosphäre wird dann heftig ausgeteilt. Wenn manche sonst schon alles andere als diplomatisch formulieren, gelingt es an diesem Tag immer noch, eins draufzusetzen.

Woher kommt es eigentlich, dass ausgerechnet der Aschermittwoch als Datum für angewandte Kampfrhetorik herhalten muss? Jörg Haider hat es nicht erfunden, aber es in Österreich populär gemacht. Erstmals im Jahr 1992 hielt er eine Aschermittwochsrede, wie es sie zuvor nur im bayerischen Raum gegeben hat.

Die Ursprünge gehen zurück auf den Viehmarkt in Vilshofen/Bayern, wo Bauern und andere Besucher zusammenkamen und im Zuge dessen auch vermehrt politisch diskutiert wurde. Der Erste war, man glaubt es nicht, der Bienenzüchterverein Vilshofen, der bei seiner Generalversammlung politisch wurde. Das passierte alles noch im Jahr 1888. Nach dem Ersten Weltkrieg fanden politische Agitatoren bei dieser Gelegenheit einen passenden Nährboden und der erste verbriefte politische Aschermittwoch fand am 5.März 1919 statt, als der Bayerische Bauernbund zu einer Volksversammlung einlud.

Wenig überraschend gehörte die politische Vereinnahmung des Aschermittwoch ab 1933 ausschließlich der NSDAP. Nach dem Krieg wurde in den 50er-Jahren bei der Gelegenheit zwischen CSU und Bayernpartei (mittlerweile eine regionale Kleinpartei, die in den 50ern aber dank einer Koalition in der bayerischen Staatsregierung vertreten war) das Kriegsbeil ausgegraben, und ab 1953 hatte die CSU einen Redner in ihren Reihen, der für derartige Brandreden wie geschaffen schien – sein Name: Franz Josef Strauß. In den folgen Jahren holte der schwergewichtige Bayer - unter großem Hallo - stets zum verbalen Rundumschlag aus.

Als Jörg Haider mit seinen Aschermittwochsauftritten begann, war Franz Josef Strauß nicht mehr am Leben. Eine derartige Möglichkeit nach allen Seiten auszuteilen, schien für den Populisten Haider freilich wie geschaffen.

Einige der „launigsten“ Sager Jörg Haiders stammen von seinen Aschermittwochsreden wie z.B. zum damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer ("…dass Terroristen wie der Herr Fischer Minister und Staatsmänner werden können…") oder zum ehemaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Ariel Muzicant („ … der Herr Ariel Muzicant: Ich verstehe überhaupt nicht, wie wenn einer Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann...“).

Wenn Heinz Christian Strache am Aschermittwoch in Ried ans Rednerpult tritt, wird es wohl eines nicht geben – eine verbale Deeskalation. Er weiß, was seine Fans und Zuhörer an diesem Tag erwarten.

Zusätzliche Motivation und frische Argumente werden somit allen geliefert, die ohnehin schon in diversen Foren ihre Schimpftiraden loslassen. Nur dass in den Internetforen mittlerweile offensichtlich jeden Tag Aschermittwoch ist und beschimpft und beleidigt wird – ohne Hemmungen.

Wenn Franz Josef Strauß gegen die „Preißen“ polterte, hatte das ja noch einen gewissen Unterhaltungswert. Davon kann heute wahrlich nicht mehr die Rede sein.

Übrigens wurden unter dem Eindruck des Zugsunglücks in Bayern sämtliche politischen Aschermittwochsveranstaltungen (parteiübergreifend) abgesagt. Begründet wird das vom CSU-Sekretariat mit dem "hohen Maßstab an christlicher Verantwortung". Beispielgebend für andere, die sich christliche Werte auf ihre Fahnen schreiben?

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