© REUTERS/TOBY MELVILLE

Leitartikel
08/08/2021

Aus, vorbei – zurück zum Start

Tokio ist vorbei. Olympia konnte sich nicht mehr aus Verantwortungen stehlen und hat auch als sportliches Spektakel einen Sinn

von Bernhard Hanisch

Von olympischen Ringen umrahmte Augen, zu Rechtecken verformte Pupillen, gestoppte, zwanghaft in Bestenlisten dokumentierte Laufzeiten über die zum Kühlschrank oder aufs Klo führenden Sprintdistanzen – echten Sportfreaks ist anzusehen, was sie in den letzten beiden Wochen geleistet haben. Ein Hunderte Stunden dauernder TV-Marathon hinterlässt unweigerlich seine Spuren.

Die Olympischen Spiele von Tokio haben dieses Land nicht gespalten. Die von anderen Dringlichkeiten gebeutelte Welt erlaubt gerade keine groben Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern des spannungsgeladenen Kräftevergleichs und jenen, deren striktes sportliches Desinteresse ein angeborenes zu sein scheint. In klassischen Disziplinen wurden Weltrekorde geboten und sonst Wissenslücken geschlossen. Jetzt weiß man, warum Karatekämpferinnen so laut schreien müssen, dass Menschen insektengleich Wände hinaufklettern können, dass es im Judo erlaubt ist, Gegnerinnen und Gegner gewinnbringend bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen.

Endgültig bestätigt hat Olympia im Jahr 2021 jedenfalls die schon lange existierende Unterstellung, dass sich der Sport nicht mehr aus der gesellschaftlichen Verantwortung stehlen kann. Funktionäre tun sich mittlerweile schwer, sich unangetastet und in allen Ehren für Heldentaten anderer feiern zu lassen. Verstecke existieren im Zeitalter der kontrollierenden Technologien nicht mehr, an die Oberfläche schwimmt alles, wird entweder seriös aufgearbeitet, oder wird gestellt vom Schreikrampf der sozialen Medien.

Corona befolgte den olympischen Gedanken, war mit Feuereifer dabei und machte die Leblosigkeit an Wettkampforten spürbar. Fest im Griff der Weltpolitik, stellte das Drama um die Belarussin Timanowskaja das Bemühen um Medaillen in den Schatten. Olympia 2021 hat das Streben nach der Gleichstellung der Geschlechter kapiert, zahlenmäßig ausgeglichen war das Verhältnis Frau zu Mann, bot die Bühne für Transgender-Diskussionen, bewies rassistische Ausbrüche und Tierquälerei aus übertriebenem Ehrgeiz. All das, was das richtige Leben zu bieten hat.

Österreich hat geschafft, sich ohne übertriebenem Patriotismus über sieben Medaillen zu freuen. Aber nörgeln wird man ja noch dürfen. Etwa darüber, dass die Schweiz gar 13 Stück vom Edelmetall in ihre Vitrine legt, oder ein nur doppelt so großes Land wie die Niederlande fast fünf Mal so viele Medaillen, davon zehn Mal so viele Goldene sammeln konnte.

Also ist das Milliarden-Spektakel von Tokio für Österreich vielleicht doch von unbezahlbarem Wert, nämlich ein Ansporn für seine Sport- und Schulpolitik, noch mehr Bewegung in die Konzepte zu bringen.

Weniger der Medaillen, sondern der Gesundheit wegen.

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