Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
03/10/2020

Auf dem falschen Fuß erwischt

Man muss Produktion nach Europa zurückholen. Und ist jede Flugreise und jedes von weither gekarrte Lebensmittel wirklich nötig?

von Martina Salomon

Das ist in Zahlen gegossene Panik: Montagfrüh sausten die Aktienkurse weltweit in den Keller. Rezessionsangst geht um, das Coronavirus befeuert manche Tendenz, die sich schon davor leise bemerkbar gemacht hatte.

So galt Italien schon lange als Problemfall. Jetzt herrscht ausgerechnet in der wirtschaftsstärksten Region des hoch verschuldeten Landes ein Virus-bedingter Ausnahmezustand. Selbst Deutschland, der starke Konjunkturmotor Europas, stottert seit Jänner ein klein wenig. Die deutsche Autoindustrie ist vom Dieselskandal und ihrer eigenen Schwerfälligkeit ausgebremst, die Deutsche Bank ein schwankender Riese, die deutsche Energiewende ein Milliarden-Abenteuer.

Handelskonflikte und ein Ölpreiskrieg setzen der Weltwirtschaft nach vielen Konjunkturjahren ernsthaft zu. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat den Mittelstand über die Inflation zizerlweise enteignet, die Immobilienpreise aufgebläht und verhindert, dass Staaten Druck haben, ihr Budget endlich in Ordnung zu bringen. Künftig werden Geldhäuser nun sogar Strafzinsen zahlen müssen.

Die positive Perspektive

Das Virus hat die Wirtschaft also auf dem falschen Fuß erwischt und unterspült gerade fest gefügte Säulen unseres Wohlstands. Positiv betrachtet (was nicht so leicht ist) kann man es auch als eine Art Weckruf betrachten: Globalisierung ist gut, weil sie Waren erschwinglich gemacht und Menschen aus der Armut geholt hat. Aber sie hat gefährliche Abhängigkeiten geschaffen, vor allem von China. Die Lehre ist: Man muss wieder Produktion nach Europa zurückholen. Davon abgesehen kann man durchaus hinterfragen, ob jede Flugreise und jedes von weither gekarrte Lebensmittel unbedingt nötig ist. Hinterfragen wir es, aber ohne uns in ein neues Biedermeier zurückzubeamen. Regionalität ist gut, Abschottung Gift.

Die momentane Entwicklung ist Grund zur Sorge. Die Krise trifft alle, nicht nur Börsen, Tourismus und Mobilitätsindustrie. Wenn Produktionshallen wegen infizierter Mitarbeiter stillgelegt werden müssen, Fertigungsteile oder Container ausgehen, weil sie in China stecken geblieben sind, dann setzt ein Dominoeffekt ein. Dauert der Spuk länger als bis Jahresmitte, wird es richtig hart. Ist er in ein, zwei Monaten zu Ende, könnte die Wirtschaft die Ausfälle aufholen.

Immerhin gehen zumindest in China die Infektionszahlen zurück. Wir halten das Virus hoffentlich bald in Schach, durch Forschung und ein funktionierendes Gesundheitssystem. Die infizierte Wirtschaft könnte bis zur Genesung aber länger brauchen.