Meinung
18.05.2017

Angenehm unaufgeregt

Vizekanzler Brandstetter? Was man zuerst für eine abwegige Idee hielt, entpuppt sich als guter Schachzug.

Brandstetter ist kein Teilnehmer des Slim-Fit-Wettbewerbs.

Dr. Martina Salomon | über den neuen Vizekanzler.

Nein, der parteifreie (und dennoch fest in der ÖVP verankerte), angenehm unaufgeregte Justizminister ist eindeutig kein Teilnehmer des Slim-Fit-Wettbewerbs. Er nimmt den aggressiven Speed, der bekanntlich "killen" kann, aus dem rot-schwarzen Wettrennen raus. Und das ist positiv.

Natürlich kann man dem neuen ÖVP-Chef Sebastian Kurz vorwerfen, dass er sich aus wahltaktischen Gründen von den innenpolitischen Niederungen fern hält, um sein sorgfältig gepflegtes Strahle-Image nicht zu ramponieren. Andererseits nutzt das sogar der Sachpolitik. Denn der frühere Anwalt Wolfgang Brandstetter steht nicht in direkter (Wahlkampf-)Konkurrenz zum SPÖ-Spitzenkandidaten Kern. Man kann mit ihm daher wahrscheinlich leichter Kompromisse aushandeln.

So gesehen ist es nur logisch, dass der neue Vizekanzler nicht müde wird, seinen Willen zu konstruktiver Sacharbeit zu betonen. "Da ist schon noch was drin", sagte er salopp (und ziemlich locker) Dienstagabend in der ZiB2. Am Mittwoch im Parlament wandelte Brandstetter nicht ohne Humor den Dichter Hesse ab: "Diesem Anfang wohnt kein Zauber inne." Vor genau einem Jahr hatte man noch das Originalzitat anlässlich des Starts von Christian Kern gehört. Damals hatte Reinhold Mitterlehner leicht ironisch gesagt: "Jedem Beginn wohnt ein Zauber inne." ("Django" hatte da ja schon – lange vor seinem Rücktritt – erleben müssen, wie schnell dieser Zauber in der Politik verfliegt.) Für Kurz ist Brandstetter der ideale Kandidat, ist er doch durch keinerlei rot-schwarze Scharmützel aufgefallen. Auch das vom Regierungschef Kern am Dienstag ausgerufene "freie Spiel der Kräfte" ist schon am ersten Parlamentstag beendet worden. Wir werden uns noch wundern (auch so ein Zitat), was alles möglich ist – bis zur Wahl und danach.