Meinung
11.11.2017

Alexa, allein zu Haus

Lassen wir uns vom technischen Fortschritt nicht knechten (wenn wir die Wahl haben).

Dr. Martina Salomon | über sinnlose Innovationen.

Amazons Sprachassistentin Alexa hat diese Woche einen Polizeieinsatz bei Hamburg ausgelöst, weil sie nächtens eigenmächtig laute Musik spielte. Der Besitzer war gar nicht daheim. Ein Anstoß, um das vorwöchige "Salomonisch" ("Lob des analogen Lebens") fortzusetzen. Die komischen Seiten der zunehmenden Komplexität des Alltags – selbst wenn er gar nicht digital ist – lösten zahlreiche Reaktionen aus.

Es war übrigens ein Mann, der kritisierte, dass man zwar "Alexa" und "Siri", aber keine männlichen virtuellen Heimhelfer rumkommandieren kann. Also, wenn das nicht sexistisch ist! Aber psst: Man kann Siri auch auf eine männliche Stimme umstellen, sagen die KURIER-futurezone-Kollegen. Apropos Redaktion: Unser Kaffeeautomat kann zwar nicht sprechen, ist aber in Wahrheit auch ein Computer. Das merkt man, wenn er vorübergehend den digitalen Geist aufgibt.

Vertrackte Fernbedienung

Es sind ja nicht nur Küchengeräte, das Lichtschalter-Bussystem und Klimaanlagen, deren Bedienung eine Wissenschaft für sich ist: Es bleibt auch rätselhaft, welche bösen Mächte das Fernsehgerät so verkompliziert haben, dass man dafür neuerdings nicht nur diese Dings-Box, sondern auch zwei verschiedene Fernbedienungen braucht. Wer die durcheinanderbringt, hat flugs die Programme verstellt. Und konnte man früher eine analoge Platte auflegen oder eine digitale CD starten, muss man jetzt Dateien streamen und hört die datenreduzierte Musik über bescheidene Handy-Lautsprecher. Fortschritt?

Facebook-Freund Wolfgang M. meinte trocken, dass sein Enkelkind ganz ohne Betriebsanleitung elektronische Geräte ein- und umstellen könne. Worauf Ulli S. ergänzte, dass das bei ihrem Neffen genauso sei, "aber bitte nicht fragen, wie die Landeshauptstädte heißen! Ohne Google nix wissen".

Die Frage ist nur: Brauchen wir all die vollautomatischen Dinge wirklich? Licht, das sich (aus Spargründen) von selbst abschaltet, etwa. Man sitzt ruhig im Konferenzraum und muss alle paar Minuten herumfuchteln, damit es wieder hell wird.

Rasender Fortschritt

Das Rad der technischen Innovation dreht sich rasend schnell, wie der Thinktank Agenda Austria vorrechnete: 62 Jahre hat es gedauert, bis weltweit 50 Millionen Menschen ein Automobil nutzten, zwei Jahre bei Twitter, nur 19 Tage bei Pokemon Go. Und jetzt kommt die künstliche Intelligenz. "Wir wissen nicht, ob wir von ihr unterstützt oder zerstört werden", meinte Stephen Hawking am Mittwoch bei einer Technologiekonferenz.

Was nur eine Schlussfolgerung zulässt: Freuen wir uns über den Fortschritt, wenn er unser Leben erleichtert. Aber lassen wir uns davon nicht knechten (sofern wir die Wahl haben). Leser Josef W. hat völlig recht, wenn er kritisiert, dass wir uns immer weniger Zeit nehmen, um ein Buch zu lesen oder anregende Gespräche zu führen. Es stimmt nicht gerade optimistisch, wenn jetzt auch der frühere Facebook-Präsident über die Sozialen Medien meint: "Gott allein weiß, was es mit den Gehirnen unserer Kinder macht."

Aber die Hoffnung lebt: Die Generation Ypsilon der 18- bis 30-jährigen lässt sich von der Technik viel weniger unterjochen, als ihre Eltern, die Tag und Nacht mobil erreichbar sind – die Töchter und Söhne hingegen nur mit (viel) Glück.