Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

© KURIER

Leitartikel
11/06/2021

Abschied von der Gewissheit

In der Pandemie und auch in der Politik sind wir im Blindflug unterwegs. Zu viel Populismus verhindert vernünftige Lösungen

von Martina Salomon

Es gab eine recht kurze Phase in der Zweiten Republik, da konnte man sich in wohliger Gewissheit wiegen: dass uns der Fortschritt vor Seuchen und Stromausfall bewahrt; dass private Konversation privat bleibt; dass man dem Arbeitgeber (und dem Ehepartner) ein Leben lang verbunden bleibt; dass Regierungen eine Legislaturperiode halten und Parteien am Ende einen Konsens finden, ohne einander vernichten zu wollen. Alles vorbei.

Nach jedem Lockdown hat man sich keinen weiteren vorstellen können und nach jeder Regierungskrise Stabilität erhofft. Mittlerweile ist klar, dass wir da wie dort im Blindflug unterwegs sind. Was wechselseitig keine gute Idee ist. Denn eine stabile Regierung könnte auch Unpopuläres leichter durchsetzen. (Wobei: Wirklich wagemutig war Türkis-Grün nie.)

Schon länger vorbei ist die Zeit, als man in Technik Zukunft sah. Das ist in der Pandemie besonders fatal. Eine Allianz aus Ideologen, Geschäftemachern und Boulevardmedien hat zum Beispiel Gentechnik so lange verteufelt, bis viele Österreicher selbst den darauf begründeten medizinischen Fortschritt ablehnten und sich dafür lieber in esoterische Heilslehren flüchteten. Seit Langem wird die gesamte Pharmaindustrie dämonisiert. Die Fortschrittsfeindlichkeit hat auch vernünftiges Contact Tracing mit einer App verhindert.

Die Wurzeln der Wissenschaftsfeindlichkeit und der Hang zu „Natur- und Reformmedizin“ reichen tief: bis ins „völkische“ Gedankengut der Zwischenkriegs- und Nazizeit. Es ist kein Zufall, dass es in den blauen Hochburgen Österreichs die geringsten Impf-, aber höchsten Ansteckungsraten gibt.

Die Technikfeindlichkeit zieht sich bis hinein in die Energiepolitik. Über Atomkraft kann hierzulande ohnehin nicht diskutiert werden. Allerdings auch nicht darüber, dass wir keine Chance haben, nur mit Wind, Wasser und Sonne den stark steigenden Strombedarf zu decken. Da entwickelt sich gerade ein verlogener Populismus. Das böse Erwachen hat schon begonnen – der Schreck beim Anblick der Gas- und Stromrechnung wird nachhaltig.

War früher also mal alles besser? Aber nein, wir haben es nur vergessen: den Kalten Krieg, die Ölkrise, das Waldsterben und den lähmenden Proporz der Großen Koalition. Damals wurde bis ins kleinste Sekretariat nach Parteibuch besetzt – und niemand stieß sich daran, wenn eine Regierungspartei einen Casinos-Finanzvorstand bestimmte. Es ist schon gut, dass das nicht mehr selbstverständlich ist, aber die großen Skandale finden sich wohl woanders und werden nicht (mehr) über Chatnachrichten kommuniziert.

Letztlich bleibt nur eine einzige Gewissheit: Die Regierenden werden in dieser atemlosen Zeit kaum mit ruhiger Hand die wirklich wichtigen Reformprojekte angehen können.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.