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Lifestyle Sommer
07/05/2019

Warum man beim Nichtstun Kraft tankt

Klingt widersprüchlich, doch die Seele baumeln lassen, ist eine Kraftquelle für Körper und Seele.

von Cordula Puchwein

Gar nicht so einfach, die Sache mit dem Nichtstun. Still werden, runterkommen, ausklinken. Im besten Fall schweifen dabei die Gedanken ab und man driftet schnurstracks ins Reich der Tagträume ab. Ein angenehmer Zustand, für den sich auch Neurowissenschafter interessieren. Vor allem seit der Radiologe Marcus Raichle von der Washington University in St. Louis zu Beginn der 2000er-Jahre ein sonderbares Phänomen entdeckt hat.

Bei Probanden, die zu Testzwecken untätig, bisweilen leicht gelangweilt, in der Röhre eines Tomografen lagen, zeigte sich, dass plötzlich ein spezifisches Netzwerk von Hirnarealen zu arbeiten begann. Raichle taufte die Kortex-Regionen Default Mode Network, zu deutsch: Ruhemodusnetzwerk.

Diese neuronalen Areale beziehungsweise Schaltstellen sind deshalb interessant, weil diese just dann auf Touren kommen, wenn man gerade nichts anders tut, als seine Gedanken schweifen zu lassen. Das Ruhemodusnetzwerk wird also dann aktiv, wenn wir uns entspannen.

 

Unternehmenspsychologin Natalia Ölsböck.

Diese Terra incognita des schweifenden Geistes ist aus mehreren Gründen interessant. Einerseits werden in dem Zustand gegenwärtige Erfahrungen verarbeitet und für die Zukunft in den „Ordner Erfahrungsschatz“ abgespeichert. Andererseits beeinflussen auf diese Art aktivierte Hirnareale nachweislich die Kreativität. „Das ist mit einer der Gründe, weshalb einem beim entspannten Nichtstun oft die besten Ideen, mitunter echte Geistesblitze kommen“, sagt Ölsböck und plädiert für mehr Müßiggang im Alltag.

Stricken hilft.

Das muss nicht heißen, dass man gar nichts tut. Den Zustand schöpferischer Nichtarbeit und produktiven Träumens kann man auch durch „tätige Entspannung“, wie Ölsböck es nennt, erreichen. „Rasenmähen, Gartenarbeit, ein Spaziergang in der Natur fördert das. Ich persönlich stricke gerne. Solche Dinge schaffen Raum für Kreativität“, sagt die Psychologin und ermutigt ihre Klienten zu solchen mentalen Auszeiten.

Klingt logisch und einfach – wäre da nicht die Leistungsgesellschaft, unser getakteter Alltag, der tägliche Stress in der Arbeit – alles Umstände, die Abstecher ins Nichtstun verhindern. Beschleunigung regiert den Alltag. Wer Pause macht und dem süßen Nichtstun frönt, ist schon verdächtig. Ja, ja, der Müßiggang hat viele Feinde und in unserer schönen, digitalen Welt einen besonders schlechten Stand. Und selbst dann, wenn sich die eine oder andere Minute der Ruhe auftun würde, wird sofort nach Ablenkung gesucht.

Sogar Kinder haben schon „Kurs-Stress“: Flötenstunde, Ballettkurs, Fußballtraining. Sich langweilen, schlendern, ins Narrenkastl schauen? Bloß nicht, wo kämen wir denn da hin. Für Nichts ist heute einfach keine Zeit. Keine weiß das besser als Natalia Ölsböck. Ihre Praxis ist voll mit Menschen, die – im wahrsten Sinn des Wortes – nicht mehr abschalten können.

„Tatsächlich fällt das vielen heutzutage zusehends schwerer. Ich erlebe sogar immer wieder Menschen, die praktisch gar nicht wissen, wie sie ihr Handy überhaupt abdrehen. Dabei ist gerade Abschalten der Schlüssel zum Abschalten“, sagt Ölsböck und hat für Dauer-unter-Strom-Steher Tipps, um aus dem Hamsterrad auszusteigen. Regelmäßig Muße-Minuten, wenn schon nicht Stunden sind das Ziel.

Dem Müssiggang liegt eine definitive Entscheidung zugrunde. Man ist bereit, das Nichtstun auszukosten, auszubeuten, auf absichtslose Weise aktiv zu sein. Somit ist Müssiggang alles andere als eine Ermattung des Geistes, sondern ein aufregender Zustand.

 

So schreibt Siegfried Lenz bereits 1962 für die Zeit.

Berühmte Müssiggänger.

Eine weitere Möglichkeit: Man nimmt sich ein Beispiel an Menschen, die den Müßiggang Zeit ihres Lebens gepflegt haben und damit gut gefahren sind, ja sogar Geld damit verdient haben. Man denke nur an den guten alten Diogenes, ein begnadeter Müßiggänger. Als ihn Alexander der Große einmal nach seinen Wünschen gefragt hat, soll dieser nur gesagt haben: „Geh mir aus der Sonne, Kleiner.“

So viel Gelassenheit muss man erst einmal haben. Dagegen war Winston Churchill, wenngleich auch ein Müßiggänger vor dem Herrn, beinahe ein Waisenkind. Der Politiker und Philosoph gönnte sich täglich konsequent seinen Mittagsschlaf. Der war ihm heilig.

Sprach man ihn auf seine, von vielen als Schrulle abgetane Lebensweise an, sagte er nur: „Zwischen Mittagessen und Abendessen muss man schlafen, und zwar keine halben Sachen. Ziehen Sie Ihre Kleider aus und legen Sie sich ins Bett – denken Sie nur nicht, dass Sie weniger Arbeit schaffen, wenn Sie am Tag schlafen. Das ist eine dumme Idee von Leuten ohne Vorstellungsvermögen. Sie werden sogar mehr bewerkstelligen.“

Wie man mit Muße auch ein Vermögen machen kann, zeigte John Lennon, der sich selbst als „Meister des Müßiggangs“ bezeichnete. Er war der Faulste und trotzdem der Produktivste der Beatles. Der Autor Ulrich Schnabel erzählt in seinem Buch „Muße, vom Glück des Nichtstuns“ folgende Geschichte: „Der Sänger hatte morgens geschlagene fünf Stunden versucht, einen Song zu schreiben, der gut war und Bedeutung hatte.“

Weil ihm das aber nicht und nicht gelingen wollte, ging Lennon einfach wieder ins Bett. Und wie so oft, wenn man gerade nichts tut, hatte er einen dieser genialen Geistesblitze: „Da kam Nowhere Man, Text, Musik und das ganze Ding“, erzählte Lennon. Später inszenierte er mit seiner Frau Yoko das Thema Muße sogar als Friedensprojekt, indem sie sogenannte Bed-ins veranstalteten. Dazu legte sich das Paar von 10 bis 22 Uhr ins Bett. Jeder, der zu Besuch kam, wurde mit philosophisch Gedanken empfangen. Let it be – nie wieder wurde Müßiggang so medienwirksam inszeniert wie damals.

Zeitgeist.

Dass das Thema heute wieder medienpräsent ist, ist der Zeitbeschleunigung geschuldet. Ölsböck: „Umso wichtiger ist es, sich solche Auszeiten ohne Ziel zu nehmen. Wer das tut, ist weniger krank, hat mehr Widerstandskraft, um auch problematische Situationen im Leben zu meistern. Das spielt stark in die Resilienzforschung hinein. Am Ende sind solche Menschen stabiler und gelassener.“

In diesem Sinn: Handy aus, Tablet aus und raus auf die Wiese. In den blauen Frühlingshimmel lassen sich die schönsten Löcher starren. Siegfried Lenz sprach in dem Zusammenhang einst sogar von einem „großen Augenblick schöpferischer Faulheit“.