Soldaten in Uniform stehen in Reih und Glied und werden von einem Vorgesetzten auf dem Exerzierplatz inspiziert.
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Kurze Hosen bei Männern: Von skandalös zu stylisch

Die Geschichte der kurzen Männerhose führt von britischen Admirälen über Verbote bis ins legendäre Studio 54.

Vorbei die Zeiten, als die New Yorker Komikerin Fran Lebowitz noch unter Beifall unkte: „Da ist es mir immer noch lieber, jemand kommt mir mit einer Handgranate entgegen.“

Mittlerweile haben sich die kurzen Hosen nicht nur am Laufsteg, getragen von grimmig blickenden Burschen, etabliert. Gerade bei Shorts ist der Ton erstaunlich eindeutig: Antonio Cristaudo, Kurator der Männermodemesse Pitti Uomo, brachte es kürzlich im Standard auf den Punkt: „Die mag ich sehr, besonders wenn man gute Beine hat. Will Mann stylisch sein, rate ich zu kurzen Shorts.“

Vielleicht heißt das ja irgendwann wirklich: Keine Etikette-Panik mehr vor dem Sommer. Kein ewiges „Das ist stillos!“, kein „Pf, Touristen“, kein „Darf man das überhaupt?“ Hurra!

Kurze Hosen waren aristokratisch

Eigentlich war früher nicht die kurze, sondern die lange Hose das aufrührerische Statement. Vor der Französischen Revolution trug der Adel Culottes, diese knieumspielenden Beinkleider. Bauern und Arbeiter hingegen waren in langen Hosen unterwegs. Mit 1789 drehte sich die Symbolik. Die langen Hosen wurden zum Zeichen des neuen Selbstverständnisses. Sie waren klassenübergreifend und bewusst unaristokratisch.

Ein Porträt von König Ludwig XVI. von Frankreich in prunkvollem Krönungsornat mit Hermelinmantel und Lilienmuster vor einer Säule.

Die Sansculotten mit den langen Hosen beendeten die Herrschaft Ludwig XVI mit seinen kurzen Hosen.

©Wikimedia Commons/Antoine-François Callet

Die kurze Hose, wie Männer sie heute tragen, lieben oder verdammen, hat ihre Wurzeln im Militär. Fotos aus den 1880er-Jahren zeigen nepalesische Soldaten in knieumspielenden Varianten in Khakihosen. Die Briten, die die Gurkhas im Anglo-nepalesischen Krieg Anfang des 19. Jahrhunderts besiegt hatten, holten die tapferen Kämpfer später für eigene Kriege. Und damit auch ihre Mode.

Der entscheidende Schnitt – im wahrsten Sinn – folgte auf den Bermudas. 1816 richtete die Royal Navy dort ihr Nordatlantik-Hauptquartier ein. In Hamilton betrieb Nathaniel Coxon ein Teegeschäft. Dort war es angeblich so feucht und heiß, dass seine Angestellten unter der Last von Blazern und langen Khakis fast eingingen. Coxons Lösung: Hosenbeine kurzerhand über dem Knie ab. Ob er selbst zur Schere griff oder einen Schneider beauftragte, darüber gibt es unterschiedliche Berichte.

Churchill und die Kurze? „Schrecklich!“

Dem Marineadmiral Mason Berridge, der hier Tee kaufte, gefiel der Look. Mit seinen Offizieren übernahm er ihn. Bald zog die Idee weiter: in Yachtclubs, Offizierskreise und Kolonien. Die kurze Hose wurde in den warmen Teilen des Empires zur Uniform des gepflegten Durchhaltens. Sogar Winston Churchill soll seinen Segen erteilt haben, wenn auch mit bekannter Schärfe: „Die kurze Hose ist eine schreckliche Modewahl, außer sie ist von den Bermudas.“

Da die Bermudas in den 1920ern ein beliebtes Ziel für Dampfschiffe und Touristen waren, die vor dem Winter flohen, verbreitete sich die Mode bald in den USA und auch sonst fast überall auf der Welt.

Zwei junge Männer in Hemden und kurzen Hosen gehen nebeneinander auf einem städtischen Gehweg entlang.

Ein Bild aus dem London der 1930er. Die kurze Hose war zunächst im Sport verbreitet, setzte sich dann aber allmählich auch bei Hitze durch.

©Getty Images/A. Hudson/Getty Images

Lange Zeit war die kurze Hose in der westlichen Welt vor allem eines: Kindersache. Buben trugen Shorts. Als Babys wiederum steckten sie noch in weißen Kleidern. In Großbritannien sind kurze Hosen bis heute fixer Bestandteil vieler Schuluniformen. Es ist ein Kleidungsstück, das Disziplin und Ordnung signalisieren soll. Ironischerweise hatten Uniformen ursprünglich eine ganz andere Funktion: Karitative Organisationen entwarfen sie, damit man bedürftige Kinder auf den ersten Blick erkannte.

Königshaus: Wir prassen nicht

Auch das britische Königshaus hält an der Tradition fest. Für öffentliche Auftritte werden die Prinzen gern in Shorts mit Kniestrümpfen gesteckt. Im Winter gibt es da kaum eine Ausnahme. Das ist einerseits konservatives Traditionsbewusstsein. Andererseits eine Botschaft: Seht her, wir verprassen euer Geld nicht!

Prinz William und Prinzessin Catherine gehen mit ihren Kindern George, Charlotte und Louis vor der St. George’s Chapel in Windsor spazieren.

Der britische Prinz William, Prinz von Wales (2. v. l.), der britische Prinz George von Wales (l.), die britische Catherine, Prinzessin von Wales (r.), die britische Prinzessin Charlotte von Wales (M.) und der britische Prinz Louis von Wales treffen am 9. April 2023 zum Ostergottesdienst in der St. George’s Chapel im Windsor Castle ein. Louis hat eine kurze Hose an, wie es sich gehört.

©APA/AFP/POOL/YUI MOK

Keine Shorts in der Öffentlichkeit Für Erwachsene waren kurze Hosen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich Sportkleidung. Beim Wandern länger etabliert, beim distinguierten Tennis sollte es bis 1932 dauern. Der englische Spieler Bunny Austin kam in abgeschnittener Flanell-Hose auf den Court der US National Championships in New York. Er selbst sah sich als Erfinder der Shorts. „Meine schweißdurchtränkten Cricket-Flanell-Hosen haben mich langsam gemacht. Also hat mir mein Schneider ein paar Prototypen vorgelegt.“ 

Dieser Pioniergeist imponierte nicht allen. Mancherorts ging die Skepsis so weit, dass Gemeinden in den USA das Tragen abseits von Trainingsplätzen untersagten. Dann kamen die 50er-Jahre: Stars aus dem sonnigen Hollywood oder die benachbarten coolen Surfer von den Stränden bei Los Angeles machten es vor. Die kurze Hose eroberte den Alltag.

Ernest Hemingway steht mit seiner Frau Mary Welsh an einer Küste unter Palmen.

Ernest Hemingway macht es vor. Die Short kommt.  Das Foto entstand in den 1940ern am Strand von Waikiki.  

©Bettmann Archive/Bettmann/Getty Images

Dass ein bissl was immer geht, zeigten die Sechziger: freie Liebe, freier Geist und freie Beine. Auch im Kino wurde Mann deutlich unverklemmter. In „Feuerball“ tauchte und jagte Sean Connery als James Bond in knappen Shorts durch die Handlung. In der Disco-Ära blieb es kurz und eng. Die Szene war stark von schwuler Subkultur geprägt. Im Studio 54 gehörten hautenge Sport-Pants und weiße Stutzen zur spärlichen Körperbedeckung.

Die gar nicht so alte Krachlederne

Die knappe alpine Spielart taufte in den 1960ern sogar ein eigenes Filmgenre: den Lederhosenfilm. Als die Sexwelle über Europa schwappte, lockten die derben Softpornos die Massen ins Kino. Interessant daran: So alt war die Krachlederne zu dieser Zeit noch gar nicht. Bauern trugen zwar seit jeher Lederhosen, aber häufig als Kniebundhosen aus robustem Ziegen- oder Schafleder, Hirsch war Luxus. Anfang des 19. Jahrhunderts verschwanden solche Stücke vielerorts wieder, Loden galt als praktischer.

Menschen in traditioneller Tracht stehen an einem Holzzaun, während ein Mann mit Bierkrug im Vordergrund vorbeiläuft.

Zünftig am Altausseer Kiritag. Eine Lederhose muss hier speckig sein.

©APA/BARBARA GINDL

Mit der Romantik kam die Rückkehr zum vermeintlich Ursprünglichen: Trachtenvereine schossen aus dem Boden, an den Höfen in Wien und München wurde Tracht zum Statussymbol und die „Hirschlederne“ zur Jagd-uniform der besseren Kreise.

Sittenwidrig für die Kirche

Die kurze Lederne, wie wir sie kennen, wird oft mit dem Lehrer Josef Vogl aus Bayrischzell verbunden. In geselliger Runde stellte man fest: die kurze Hose sähe man nicht mehr. Daher gründete er am Pfingstmontag 1883 den Verein für Erhaltung der Volkstracht im Leizachtale, den ersten seiner Art in Bayern. Er ließ ein Modell nach eigenen Vorstellungen anfertigen.

So bieder das klingt, Skandalpotenzial hatte die kurze Lederhose trotzdem. Die Kirche sah sie als unschicklich; mancherorts waren Träger bei Prozessionen unerwünscht. Noch 1913 erklärte das erzbischöfliche Ordinariat in München Kurzhosenvereine für sittenwidrig.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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