Ein Mann mit Fahrradhelm trägt ein Fahrrad auf der Schulter über eine Brücke in der Stadt bei Sonnenschein.
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Gravelbikes statt Citybikes: Warum das klassische Stadtrad out ist

Das Gravelbike erobert alles, das Stadtrad verschwindet. Am E-Antrieb führt wenig vorbei. Welche Räder noch out sind – und welche Riesendinger kommen könnten.

Das klassische Herrenrad mit einem geraden Lenker, Schutzblechen und Gepäckträger wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Während es früher selbstverständlich durch die Stadt rollte, ist es heute absolut out. „Das klassische Citybike ist bei uns am Aussterben“, sagt Jan Hannreich vom Wiener Radgeschäft Ciclopia. Noch deutlicher wird Kurt Stefan vom Wiener Radsalon Veletage: „Das Stadtrad ohne Motor ist komplett tot. Das liegt bei uns im einstelligen Prozentbereich.“

Stattdessen greifen Männer wie Frauen seit einigen Jahren zur Allzweckwaffe auf zwei Rädern: dem Gravelbike. Robust genug für Schotter und Waldwege, schnell für Asphalt und damit perfekt für eine Zeit, in der Grenzen zwischen Stadt, Sport und Abenteuer verschwimmen. „Das ist ein Rad für Leute, die noch nicht genau wissen, was sie damit machen wollen“, sagt Hannreich. Das sei aber keinesfalls negativ gemeint. „Man kann einfach alles damit machen. 

Genau deshalb wird das Gravelbike zunehmend auch im urbanen Alltag genutzt. Gepäckträger, Schutzbleche, Licht: Alles, was man im Alltag braucht, lässt sich auch hier montieren.

Gravelbikes bei jungen Frauen gefragt

Während Fahrräder lange Zeit eine eher männlich dominierte Angelegenheit waren, hat sich das Bild deutlich verändert. Trendige Gravelbikes und Rennräder sind laut Hannreich derzeit besonders bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren gefragt.

Alles, was noch nach dem gewohnten Rad von früher aussieht, zieht heute kaum mehr. „Angesagt sind futuristische, dynamische Modelle, die ein bisschen wie Tragflügelboote wirken“, sagt Kurt Stefan. Vor allem moderne Rennräder sehen inzwischen so aus, als wären sie direkt einem japanischen Manga entsprungen: schnell und hochgezüchtet.

Auch bei den E-Bikes für die Stadt geht es längst nicht mehr nur ums Fortkommen. Sie sind durchdesignt und ein klares Lifestyle-Statement. Vorgemacht hat das die zwischenzeitlich insolvente niederländische Marke VanMoof, die ihre Räder wie ein edles Auto bewarb. Durch diese aufgestoßene Tür sind viele andere gefahren. Stefan verweist etwa auf die Marke Urwahn aus Magdeburg: „Vorne wie ein klassisches Rad, hinten sehr speziell.“

Die coolen Fixies sind out

Selbst Fixies und Singlespeed-Räder, einst unverzichtbares Accessoire hipper Großstadtmenschen vom New Yorker Brooklyn über Berlin bis in manche Wiener Innenbezirke, stehen inzwischen vielfach im Keller – zumindest bei den Jüngeren. Laut Hannreich liegt die verbliebene Fangemeinde heute eher in der Altersgruppe zwischen 40 und 50 Jahren. Einige aus dieser Gruppe lassen sich dann noch für hochwertige Retro-Modelle begeistern, etwa aus der Werkstatt Falkenjagd: klare Farben, reduzierte Formen und Riemenantrieb. Das ist klassisch im Look, aber technisch am Puls der Zeit und vor allem weniger wartungsintensiv. „Damit hat man schon etwas Besonderes.“

Diese Modelle kommen auffallend oft aus Stahl oder Titan daher – für Hannreich neben den Gravelbikes der zweite große Trend auf zwei Rädern. Auch sie lassen sich mit allem konfigurieren, was man im Alltag braucht. „Das ist ein Rad für die Ewigkeit“, sagt er. Klar ist aber auch: Gutes Rad ist teuer. Für die kleine Geldtasche sind diese Bikes nichts. Allerdings gibt es mittlerweile Leasing-Modelle und sobald diese Option ins Spiel kommt, fallen bei vielen die Hemmungen.

Wie bei Autos gilt auch beim Fahrrad: Es darf heute gern etwas größer, breiter und markanter sein. Entsprechend rollen inzwischen auch SUVs auf zwei Rädern durch die Stadt, durchs Land, die Berge hinab – Fatbikes. Ihren Höhepunkt allerdings scheinen die klassischen Modelle mit extrabreiten Reifen fürs reine Gelände bereits überschritten zu haben.

Rasante Fatbikes mit E-Antrieb 

Stattdessen tauchen vermehrt Fatbikes mit E-Antrieb auf: optisch irgendwo zwischen italienischem Motorrad und urbanem Spielzeug, mit wuchtigem Rahmen, breiten Reifen und teils zwei Sitzen. In Amsterdam und Umgebung rasen damit viele junge Menschen – besonders Burschen mit Flaum über den Lippen – zu zweit durch die Straßen. Hierzulande sind diese Modelle deutlich seltener zu sehen. „Die skandinavischen Länder und Holland sind da immer voraus“, sagt Hannreich, in dessen Geschäft man mit E-Bikes wenig Freude hat. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Mächtig wirken auch Räder mit 32-Zoll-Reifen, die derzeit bei Mountain- und Gravelbikes auftauchen. Was vor zehn Jahren noch als Aprilscherz in der Szene kursierte, ist inzwischen Realität: Erste Modelle setzen tatsächlich auf Reifen mit mehr als 80 Zentimetern Durchmesser. Dabei hatte man doch gerade erst von den lange dominierenden 26 Zoll auf die deutlich größeren 29-Zoll-Räder umgestellt.

Größer und schwerer: Die 32-Zoll-Reifen

Der Vorteil: Größere Räder rollen im Gelände leichter über Unebenheiten. Was nun aber 32 Zoll bringen sollen? „Das frage ich mich auch“, sagt Hannreich. In der Szene sorgt das bei nicht wenigen für Stirnrunzeln. Denn größere Räder sind auch schwerer, die rotierende Masse nimmt zu und das Bike wird träger. Groß sollte man dafür wohl ebenfalls sein. Dennoch: Prominente Marken wie Cube haben entsprechende Modelle angekündigt. Und es wird sich wohl jemand finden, der zugreift.

Vielleicht dann doch wieder ein klassisches Citybike? Ganz verschwunden sind sie nämlich noch nicht. In einfacher, robuster Ausführung und zu Preisen um die 1.000 Euro finden sie weiterhin ihre Käufer. Die Zielgruppe legt dabei weniger Wert auf Stil oder Trends, sondern auf Verlässlichkeit. „Die Gründe sind pragmatisch“, sagt Hannreich. „Man will einfach ein vernünftiges Fahrrad.“

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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