Massiver Anstieg bei psychischen Krankheiten

dpa/Oliver BergARCHIV - ILLUSTRATION - Das Symbolfoto zeigt eine depressive Frau an ihrem Arbeitsplatz in Köln ivfoto moto mit Zoomeffekt vom 24.06.2010. Das Wort Burnout ist in aller Munde. Wer sich noch nicht ausgebrannt..fühlt, gehört w46;glic;glich sc
Foto: dpa/Oliver Berg (Symbolbild)

Jeder Neunte ist wegen seelischer Leiden in Behandlung – Tendenz stark steigend. Psychotherapeuten schlagen wegen Sparplänen Alarm.

Von außen betrachtet ist es durchaus kurios: Ausgerechnet im Land Sigmund Freuds haben psychische Erkrankungen nach wie vor nur einen geringen Stellenwert im Gesundheitssystem. Dabei zeigt eine aktuelle Studie des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, dass jeder neunte Österreicher unter psychischen Erkrankungen leidet.

Zuerst die Fakten: Laut aktueller Studie vom Juni 2012 erhalten rund 900.000 Österreicher jedes Jahr Leistungen der Krankenkassen wegen psychischer Leiden. Das kostet die Kassen rund 900 Millionen Euro pro Jahr – Tendenz stark steigend. Vor allem die Ausgaben für Psychopharmaka – also Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva, der Antipsychotika und der Tranquilizer (Beruhigungsmittel) – werden jedes Jahr mehr. Dazu kommen noch steigende Kosten für Krankengeld aufgrund psychischer Erkrankungen und für die stationäre Behandlung.

Das Problem dabei, klagen Experten, ist, dass die finanziellen Mittel der Kassen jedenfalls nicht zielgerichtet eingesetzt werden. Mehr als zwei Drittel der Psychopharmaka werden etwa von Allgemeinmedizinern für eine viel zu kurze Dauer verschrieben, die Medikamente würden aber kurzfristig gar nicht wirken können. Einen Großteil dieser Medikamente könne man sich also sparen.

Besonders die Psychotherapeuten beklagen die Situation in Österreich. Denn die Kassen übernehmen nur einen kleinen Teil der anfallenden Kosten für Psychotherapie, obwohl Studien belegen, dass diese Art der Behandlungen enorm hilfreich wäre. "Dabei hat jeder Österreicher laut Gesetz ein Recht auf Psychotherapie. Dieses Recht wird seit 20 Jahren, seitdem es das Psychotherapiegesetz gibt, gebrochen", kritisiert Eva Mückstein, die Obfrau des Bundesverbandes der Psychotherapeuten.

Insgesamt zahlen die Kassen für psychotherapeutische Behandlungen rund 50 Millionen im Jahr, sagt Mückstein. Der Bedarf, schätzt der Verband, wäre aber sechs bis zehn Mal so groß. "Anders gesagt: Das wäre, als ob bei hundert Knochenbrüchen nur zehn Gipsverbände von den Kassen bezahlt werden. Der Rest muss schauen, wie er selber zurechtkommt – oder mit seinem Leiden einfach weiterlebt. Die Funktionäre der Kassen verstehen offenbar noch immer nichts von dem Leid der Menschen, das durch psychische Erkrankungen entsteht. Das ist ja keine Luxuskrankheit."

Dabei hätte eine bedarfsgerechte Versorgung der Österreicher einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen, zitiert Mückstein Studien aus Deutschland und der Schweiz. "Weil sehr viele Krankenstände wegfallen würden, deutlich weniger Krankengeld bezahlt werden muss oder weniger Menschen in Invaliditätspension geschickt werden. Jeder Euro, der in zielgerichtete Therapien fließt, bringt der Volkswirtschaft vier Euro zurück."

Handlungsbedarf

Im Hauptverband der Sozialversicherungen kennt Christoph Klein die Situation sehr gut. Der stellvertretende Generaldirektor gibt zu, dass mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen. "Wir haben unlängst eine neue Strategie beschlossen, die ganz klar sagt, dass die Ausgaben für Psychotherapie erhöht werden sollen." Einen Zielwert gebe es aber nicht, sagt Klein: "Die Kassen müssen ja derzeit auch Sparpakete umsetzen. Aber das Bewusstsein ist vorhanden, wir haben aber wenig Geld. Deswegen wollen wir das System langsam, aber stetig ausbauen und dabei vernünftig steuern."

Dass mehr Geld für die Behandlung psychischer Erkrankungen einen positiven volkswirtschaftlich Effekt habe, davon ist Klein überzeugt. Nur würde der volkswirtschaftliche Nutzen nicht den Kassen zugutekommen, sondern der Wirtschaft und den Pensionskassen, erklärt Klein. "Deshalb unterstützen wir Ideen, wonach etwa die Pensionskassen für mehr Psychotherapie aufkommen sollen."

"Der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm"

KURIER Foto: KURIER Expertin Konrad: "Menschen werden nicht richtig behandelt".

Die Präsidentin der österreichischen Psychologen, Ulla Konrad, fordert ein Umdenken in der Behandlung psychisch Kranker.

KURIER: Ist die Psyche der Österreicher gut versorgt?

Ulla Konrad: 900.000 Menschen haben in Österreich zuletzt Leistungen der Krankenversicherungen wegen psychischer Leiden bezogen. Oft werden Medikamente nur einmalig verschrieben, damit ist keine ausreichende Behandlung möglich. Es gibt eine Fehl- und eine Unterversorgung im System, das betrifft insbesondere Kinder und Jugendliche. Daher wäre eine zielgerichtete Behandlung notwendig.

Ist die Behandlung psychisch Kranker denn unbedingt nötig? Oder ist das ein Luxus, wie manche meinen?

Es geht hier um echte Erkrankungen, über die man mittlerweile sehr gut Bescheid weiß. Das ist doch keine Einbildung der Patienten, die sie loswerden können, indem sie sich mehr zusammenreißen.

Sehen Sie auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen durch eine bessere Versorgung?

Davon bin ich überzeugt. Aber es fehlt eine Gesamtstrategie zur psychischen Gesundheit. Da ist die gesamte Politik gefordert, auch das Ministerium und der Hauptverband. Trotz kleiner Fortschritte brauchen wir eine Prioritätensetzung, denn der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm.

KURIER-Gesundheitstalk

Gesundheitstalk Foto: KURIER

Der KURIER Gesundheitstalk greift aktuelle Gesundheitsthemen auf, Experten stehen Rede und Antwort. Wir laden Sie herzlich ein, der Eintritt ist frei.

Nächster Termin zum Thema "Schmerz":

19. September 2012.

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(kurier) Erstellt am
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