Leben
24.12.2017

Wunder Geburt: "Eine Kraft, die größer ist als wir"

Es sind besondere Augenblicke – in unserer neuen KURIER-Serie "Glaube, Liebe Hoffnung" sprechen spannende Persönlichkeiten über Dinge, die im Leben wirklich zählen. Heute: Eine Hebamme über den Zauber des Anfangs.

1500 Kinder hat sie auf dem Weg ins Leben begleitet, schätzt Hebamme Johanna Sengschmid, Mitbegründerin des Geburtshauses Nussdorf und Vorstandsmitglied des österreichischen Hebammengremiums. Der KURIER sprach mit ihr über den Start ins Leben und dessen besonderen Zauber. Und über die Herausforderungen, die damit oft verknüpft sind.

KURIER: "Jede Geburt ist eine Wundertüte" habe ich einmal gelesen. Wie würden Sie dieses Wunder beschreiben?

Johanna Sengschmid: Die Geburt ist für mich das Wunder schlechthin, oder guthin, müsste man sagen. Grundsätzlich ist die Natur für mich immer ein Wunder, aber bei der Geburt kommt so viel dazu – wie etwa die Hormone, dieser einzigartige Mix daraus. Das ist großartig.

Wie würden Sie diesen Moment beschreiben, wenn das Kind dann wirklich kommt?

Das ist fast unbeschreiblich und das sagen auch viele Mütter so. Es sind die Momente, die keine Frau vergisst, in der Regel. Wiewohl das, was es auch bedeutet – die Schmerzen, die unglaubliche Wucht, diese Naturgewalt – sehr wohl mit der Zeit in den Hintergrund tritt. Als Glück und Zauber empfinde ich es, wenn man Geburt geschehen lassen kann, wenn Frauen in ihre Kraft gehen können, nicht irgendwas dazugekommen ist oder sich etwas entwickelt hat, was eine medizinische Hilfe notwendig hat machen lassen. Es gibt natürlich Geschehnisse, die wir nicht beeinflussen können, wo es Hilfe braucht. Und das ist auch gut so, dass dafür alles Notwendige, also alles, was die Not wendet, zur Verfügung steht. Ein magischer Moment ist es auch, in die großen wachen Augen der Kinder zu schauen, die durch das Adrenalin und Endorphin entstehen. Dieser erste Blick zwischen Mutter und Kind. Da weiß ich: Jetzt ist es geschafft und Bindung kann beginnen. Faszinierend finde ich auch, wie schnell sich das von einem Augenblick auf den anderen umdreht. Zuerst noch diese unglaubliche Anstrengung und dann das: Das Kind ist da und alles ist gut, vorausgesetzt, es ist gesund. Da dabei zu sein, ist schon etwas Großes. Vor allem ist es immer anders und jedes Kind hat seine eigene Geschichte.

Ein gesundes Kind zu haben, ist ein Geschenk

Richtig. Es ist auch ein Geschenk in einem sozial aufgehobenen Netz die Schwangerschaft mit all ihren Ambivalenzen erleben zu können, die Geburt vielleicht sogar mit einer selbst gewählten Hebamme positiv und selbstbestimmt erleben zu dürfen, im Wochenbett bemuttert zu werden – all das ist nichts Selbstverständliches, sondern eben ein Geschenk.

Hat die Arbeit als Hebamme Ihr Leben verändert?

Ja, das hat es. Und das hat etwas mit Demut zu tun. Da ist eine Kraft im Spiel, die größer ist als wir. Darum würde ich es jeder Frau so wünschen, dass sie die Geburt in ihrer Biografie positiv abspeichern kann, weil da viel Potenzial drin ist, für ihr weiteres persönliches Leben und das ihres Kindes. Darum ist es auch für manche Frauen schwierig anzunehmen, wenn es nicht so gut geht, die Geburt nicht so läuft, wie sie es sich gewünscht und erträumt hat.

Sind Sie gläubig?

Ich glaube, es gibt etwas Größeres als wir. Insofern bin ich gläubig, man kann das aber auch spirituell nennen. Ich kann mir fast nicht vorstellen, eine Hebamme zu sein, die nichts Spirituelles mitbringt. Ich bin wohl nicht zufällig Hebamme geworden, sondern das hat etwas mit meiner Großmutter zu tun. Sie ist im Alter von 97 Jahren gestorben, und hatte 33 Enkelkinder. In dem Dorf, in dem sie lebte, wurde sie immer zu den Geburten geholt, wenn die Hebamme noch nicht da war. Meine Großmutter ist für mich eine wichtige Person, ich spüre sie sehr stark. Sie war sehr gläubig.

Wir sprechen vom Idealbild der Geburt, aber natürlich ist dem nicht immer so.

Eine möglichst selbstbestimmte, natürliche Geburt ist in meinen Augen ein Wert, mit Auswirkung auf die Bindung, auf das Leben von Mutter und Kind. Das gilt es zu fördern und zu unterstützen. Aber es ist eben nicht immer so. Ich möchte die Frauen nicht vergessen, die sich schwertun, die Schwangerschaft, das Kind anzunehmen. Missbrauchte Frauen, Frauen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, geschlagene Frauen. Sie bedürfen unseres besonderen Schutzes. Ich habe zum Beispiel Flüchtlingsfamilien in zwei großen Flüchtlingshäusern betreut. Da habe ich schwer traumatisierte Frauen und ganz stille Neugeborene erlebt. Frauen, die unter Bombardement ihr Kind noch in ihrer Heimat entbunden und sich dann auf die Flucht gemacht haben. Frauen, die entwurzelt, ohne Deutschkenntnisse, ihre Geburten tapfer gemeistert haben, auch wenn es oft in einem Kaiserschnitt gemündet ist. Eine Ursache, die nicht selten zu einem Kaiserschnitt führt, ist ja oft große Angst – große Verspannung, das Nicht-Fallenlassen können, weil das viel zu gefährlich erscheint in dieser fremden Welt. Doch jede Frau braucht zum Gebären Schutz und Geborgenheit. Ich sehe es als die ureigenste Aufgabe von uns Hebammen, allen Frauen Schutz und Halt zu geben, egal, in welchem Umfeld.

Geburt einst und heute, was sind die Unterschiede?

Jede Zeit hat ihr Positives, Fortschrittliches, aber auch weniger Erfreuliches. Zu 1970ern gehörte etwa die programmierte Geburt, wo man dachte, man gibt ein Wehenmittel, leitet die Geburt ein und hat alles unter Kontrolle. Da wusste man noch nicht, wie sensibel und komplex das Zusammenspiel der Hormone ist. Bei unseren Müttern in den 1950er 60er war es so: Die Frau wurde vom Mann im Krankenhaus abgeliefert, man lag damals im Bett während der Geburt, man war viel alleine. Als ich 1981 die Hebammenschule gemacht habe, lag die Kaiserschnittrate bei zwei bis fünf Prozent. Jetzt sind wir bei ca. 30 Prozent – fast jede dritte Frau hat einen Kaiserschnitt. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es international betrachtet, aber auch in Österreich große regionale Unterschiede gibt.

Der Wissensstand heute ist hoch, gleichzeitig scheint die Machbarkeit Einzug in den Kreißsaal gehalten zu haben.

Wir wissen so viel wie noch nie. Man weiß, wie die Hormone zusammenspielen, welche Rolle z. B. das Oxytocin, das Liebes- und Bindungshormon spielt und vieles mehr. In puncto Kaiserschnitt gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Kaiserschnitt ist natürlich oft einfacher, schneller – damit sind wir bei der Machbarkeit. Wir müssen uns schon immer wieder der Frage stellen, warum es so eine hohe Kaiserschnittrate gibt. Es wird oft unnötig interveniert und dieses Eingreifen hat seinen Preis. Oft spielt Zeit eine Rolle. Es muss was weitergehen, wir müssen funktionieren. Aber was eine Geburt am meisten braucht, ist Zeit, Geduld und Vertrauen.

Sie betreuen Frauen im Wochenbett, Was braucht es dafür?

Es ist die Zeit des gemeinsamen Ankommens und Kennenlernens. Es ist eine Zeit, die möglichst ruhig ablaufen soll, wo Frauen bekocht, betreut und bemuttert werden sollten, sodass sie selbst in die Mutterrolle hineinwachsen können. Ich bin kein Fan von zu viel Besuch in den ersten Tagen. Das Wochenbett braucht Intimität. Es geht darum, das Kind kennenzulernen, es zu bestaunen. Heute werden Frauen ja sehr rasch aus dem Krankenhaus entlassen, oft schon am zweiten Tag nach der Geburt. Das begrüße ich sehr, allerdings braucht es dafür die Sicherheit, dass jede Frau dann auch eine Hebamme für zu Hause an ihrer Seite haben kann.

Wie hilfreich sind Männer im Kreißsaal?Das ist sehr unterschiedlich. Manche Männer nehmen ihr eigenes, oft unbewusstes "Binkerl" mit in den Kreißsaal. Manchmal kann das bremsen. Es kann aber auch sein, dass sich die Frauen bremsen und sich nicht in ihrer vollen Kraft zeigen, weil das so etwas Wuchtiges ist, wo sie sich den Männern nicht so zumuten wollen. Wenn ich das alles als Hebamme merke, und den Mann mal auf einen Kaffee schicke, dann legen die Frauen oft richtig los. Andererseits können Männer eine unglaubliche Kraft sein und Halt geben. So wie ich Frauen für das Gebären bewundere – da steckt auch das Wort Wunder drin – habe ich auch immer wieder Männer bewundert. Wie sie sich einfühlen können, in die Frau, wie sie da sind für sie. Oft je weniger sie reden, desto besser. Die Präsenz zählt. Wenn der Mann das mitbringt, ist der Frau sehr geholfen.

Info: www.hebammen.at