Die ersten modernen Menschen jagten Steinböcke und Rentiere, kamen aus viel wärmeren Regionen im Südosten und trotzten dem unwirtlichen Klima an der Donau vor 43.500 Jahren.

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Evolution
09/22/2014

Am Anfang war Willendorf

Nirgendwo sonst in Europa haben moderne Menschen sich so früh niedergelassen wie in der Wachau.

von Susanne Mauthner-Weber

Sie kamen in kleinen Gruppen entlang des Donautals aus dem Nahen Osten. Insgesamt werden es wohl kaum mehr als einige Hundert, vielleicht Tausend, gewesen sein. Eine kleine Gruppe ließ sich in Zelten in Willendorf in der Wachau nieder. Sie jagten Steinböcke und Rentiere, die in der vegetationsarmen Steppe an der Donau lebten. Rentiere? Ja, denn damals war es kälter als heute – die Eiszeit hatte Europa im Griff. Wir schreiben 43.500 Jahre vor unserer Zeit und der moderne Mensch schickt sich gerade an, Europa zu erobern.

Dass wir Ort und Zeit heute so genau kennen, ist Bence Viola und Philip Nigst zu danken. Der eine ist Anthropologe am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der andere Archäologe in Cambridge. Beide sind Österreicher und haben ihre Forschungsergebnisse nun im Wissenschaftsmagazin PNAS veröffentlicht. Ihre Kernaussage: Die bisher ältesten Spuren moderner Menschen in Europa finden sich in der Wachau und datieren in die Zeit vor 43.500 Jahren. Bis jetzt hatten Wissenschaftler die Ankunft der modernen Menschen auf knapp vor 40.000 Jahren vor heute geschätzt.

Bei wem es nun klingelt – Wachau? Willendorf? Venus? – dem sei gesagt: Richtig, es handelt sich um die Fundstelle der Venus von Willendorf, die allerdings mit ihren etwa 25.000 Jahren um vieles jünger ist.

Alter Siedlungsraum

Wissenschaftler wissen schon lange, dass die Donau-Hänge seit Urzeiten als bevorzugte Siedlungsräume dienten: "Willendorf ist nur für die Venus bekannt, dabei gibt es dort viel mehr. Nämlich neun Kulturschichten. Wie auf einer Perlenkette aufgereiht findet sich eine Fundstelle neben der nächsten. Sie decken den Zeitraum von 60.000 bis 23.000 Jahren vor heute ab", sagt Viola.

Besonders spannend in der Menschheitsgeschichte ist die Phase vor etwa 45.000 Jahren. Die Theorie lautet: Damals tauchten die ersten modernen Menschen in Europa auf und begannen, die Neandertaler zu verdrängen. "Blöderweise gibt es aus dieser Zeit keinerlei Fossilien-Funde, weil die Böden zu sauer waren und sich kein Knochen erhalten hat", sagt der Anthropologe und kann jetzt trotzdem nachweisen, dass moderne Menschen hier so früh wie nirgendwo sonst in Europa gesiedelt haben.

Indiz

Der Nachweis ist winzig und Viola hat mit seinem Team im Rahmen seiner Grabung von 2006 bis 2011 "extra danach Ausschau gehalten ", erzählt er. "Nach den Lamellen. Das sind ganz kleine Klingen aus Feuerstein – nur eineinhalb Zentimeter lang und ein paar Millimeter breit –, die mit Birkenpech auf Knochenspitzen aufgeklebt wurden und als Jagdwaffen dienten." Warum sie ihm so wichtig waren? "Die Lamellen kennen wir nur von modernen Menschen, sie sind typisch für diese Zeit (die jüngere Altsteinzeit), diese Kultur (Aurignacien genannt) und den moderne Menschen", sagt Viola. "Somit sind die Artefakte der älteste, gut datierte Nachweis von Menschen mit modernem Verhalten in Europa."
Die neuen Daten aus Willendorf zeigen, dass moderne Menschen schon im heutigen Österreich lebten, als der Rest Europas noch fest in der Hand von Neandertalern war: "Die beiden Arten trafen also möglicherweise aufeinander, und es kam zu einem Partner- und Ideen-Austausch", sagt Philip Nigst. "Und sie koexistierten hier relativ lange", ergänzt Bence Viola.

Ach ja: Wer sich fragt, woher die Forscher wissen, wie Klima und Vegetation vor 43.500 Jahren waren – 150 verschiedene Schnecken-Spezies machen es möglich. War es wärmer, breiteten sich wärmeliebende Arten aus und umgekehrt. Viola: "In der relevanten Schicht fand man Schnecken, die kalte, offene Steppen bevorzugen." Der Ort sei also auch ein Klima-Archiv, zudem zeige sich dort der kulturelle Wandel wie nirgendwo in Mitteleuropa über einen derartig langen Zeitraum.

Willendorf: Ein reicher Fundort

"Schematisch-degenerierte Figur, kein Gesicht, nur dick und feminin. Wohlstand, Fruchtbarkeit". Das schrieb Hugo Obermaier im August 1908 in sein Tagebuch. Gemeint war eine rund elf Zentimeter große, Kalkstein-Figur einer Frau, die später große Berühmtheit erlangen sollte: die Venus von Willendorf. Wenige Tage zuvor hatten der Anthropologe Josef Szombathy, die Prähistoriker Hugo Obermaier und Josef Bayer sowie sieben Arbeiter mit Ausgrabungen an der Donau begonnen. Sie nutzten damals die Bauarbeiten auf einem Grundstück der Bahn, auf dem die Bahntrassen zur Strecke Krems-Krain gebaut wurde. Nicht die Forscher, sondern ein Arbeiter wurde schließlich fündig. In einer Tiefe von 25 Meter fand er, die mit Schmutz bedeckte Statuette aus dem Paläolithikum, die heute zu den weltweit bekanntesten Kunstwerken aus Österreich zählt.

Willendorf II

Nach unregelmäßig stattfindenden Ausgrabungen in den folgenden Jahrzehnten, die insgesamt neun Fundstellen zutage gebracht hatten, gruben österreichische Forscher mit einem internationalen Team zuletzt wieder von 2006 bis 2011, und zwar an der Fundstelle „Willendorf II“, wo auch die berühmte Venus entdeckt wurde. Was diese Stelle heute attraktiv macht, ist ein fünf Meter tiefes Profil aufgeschlossener Löss-Ablagerungen, die einen Zeitraum von gut 35.000 Jahren umfassen. Die ältesten Schichten sind bis zu 60.000 Jahre alt, das obere Ende bilden Schichten im Alter von rund 24.000 Jahr

Klima-Archiv

Dieses Profil ist für die Forscher ein „Klimaarchiv“. Um den jeweiligen Klimatyp und die vorherrschende Vegetation zu einer uralten Schicht zu bestimmen, charakterisierten sie den Bodentyp, suchten nach speziellen Formen etwa für extreme Kälte, analysieren die Mikrostrukturen im Boden und sammelten darin vergrabene Schnecken. Denn die verschiedenen Schneckenarten und -Unterarten reagieren sehr stark auf Änderungen in der Temperatur und der Feuchtigkeit, und sind daher ein guter Hinweis auf das Klima der vergangener Zeiten, erklärte Philip Nigst.
Die Forscher stellten unter anderem auch fest, dass sie hier eine Tundra-ähnliche Steppe mit lichten Nadelwäldern und für eine Eiszeit recht mildes Klima vorfanden. Die Fundstücke lagern im Naturhistorischen Museum Wien, allerdings im Tiefenspeicher, so Nigst. Ähnliche Fundstücke früherer Ausgrabungen aus der selben Schicht seien auch in der Ausstellung zu bewundern.

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