Leben
19.12.2017

Wie man sich in WhatsApp-Gruppen verhalten sollte

Partyplanung bis Elternverein – unser Leben wird zunehmend in Gruppenchats organisiert. Ein Knigge.

Manchmal fragt sich Martina, wie sie ihren Familienalltag vor der Ära WhatsApp organisiert hat. Alle paar Minuten bimmelt das Smartphone der 40-jährigen Dreifachmama: Da gibt es eine Gruppe für den Fußballverein ihres Ältesten, für die Elternvertreter der Schule, für den Kindergarten der Tochter, für die anstehende Erstkommunion. Und eine, in der die Eltern "Playdates" für ihre Kleinen arrangieren.

Auch immer mehr Senioren wollen via WhatsApp mit ihren Freunden und Familienmitgliedern in Kontakt blieben. Die VHS Penzing hat auf den Trend nun reagiert und bietet ab April WhatsApp-Kurse für über Sechzigjährige an. "Senioren wollen auf diese Art ihr soziales Leben erweitern, ohne dass sie physisch aktiv werden müssen", erzählt EDV-Trainer und Kursleiter Christian Lahner. Omas und Opas möchten über Gruppenchats am Leben ihrer Enkel teilhaben, Fotos schicken und empfangen. "Der Bedarf ist auf jeden Fall riesig", sagt Lahner.

Psychologie

Wir simsen nicht mehr, wir whatsappen, konstatierte der britische Guardian kürzlich. Gegründet vor acht Jahren von zwei ehemaligen Yahoo-Mitarbeitern in Kalifornien, avancierte der Messengerdienst (" WhatsApp" ist eine Abwandlung der englischen Begrüßungsfloskel "What’s up?") rasch zum wichtigsten Kommunikationstool mit Freunden und Familie, aber auch Mitschülern und Kollegen. Mehr als eine Milliarde Menschen in mehr als 180 Ländern nützt die App mittlerweile – und wohl jeder von ihnen ist Mitglied in mindestens einem Gruppenchat. Bis zu 256 Personen können auf diese Weise miteinander kommunizieren, Fotos, Videos und Sprachnachrichten verschicken, das Geschenk für die Kindergartenleiterin organisieren oder Erinnerungen an die letzte Partynacht austauschen.

So wie Teresa, Anfang 20: Sie ist Mitglied in zwölf Gruppenchats, unter anderem mit ihren WG-Kollegen, ihrem engen Freundeskreis, ihrem erweiterten Freundeskreis, einer Lerngruppe und den drei Mädels, mit denen sie sich ab und zu zum Laufen verabredet. In der "Family"-Gruppe hält sie Mama und Papa über das Studentenleben in Wien auf dem Laufenden (meistens zumindest).

Auch die Forschung beschäftigt sich mit dem Phänomen WhatsApp-Gruppen. Sarah Buglass, Professorin für Sozialpsychologie an der Nottingham Trent University, kam in einer Studie zu dem Schluss, dass Gruppenchats das Gemeinschaftsgefühl und den Selbstwert stärken. " WhatsApp bedient unser ureigenes Bedürfnis nach Zugehörigkeit", sagt die Psychologin.

"Das Spannende ist, dass es sich dabei nicht mehr um ein reines Jugendkulturphänomen handelt", berichtet Matthias Rohrer, Experte für Jugendkommunikation am Institut für Jugendkulturforschung. "In unseren Forschungen stellen wir fest, dass zunehmend alle Generationen auf WhatsApp sind. Man hat jetzt also Familiengruppen, in denen Oma und Opa vertreten sind." Daher haben die Experten für das Kommunikationstool intern ihren eigenen Namen gefunden: "Generationen-App".

Tipps für einen pannenfreie Kommunikation in Gruppenchats:

An der Oberfläche bleiben

WhatsApp-Gruppen sind nicht dafür da, Heikles zu diskutieren – das gilt besonders für Familiengruppen. Streitereien zwischen Geschwistern haben im Gemeinschaftschat nichts verloren. "Dieser eignet sich hervorragend, um Fotos der Enkelkinder oder aus dem Urlaub zu verschicken", sagt Matthias Rohrer, Kommunikationsexperte am Institut für Jugendkulturforschung. "Ernste Themen und Lästereien sollten aber gemieden werden."

Stress lass nach

Sie sitzen im Büro und es trudeln im Sekundentakt neue Gruppennachrichten ein? "Wir sehen in der Forschung, dass diese Masse an Kommunikation mittlerweile Stress auslöst", sagt Social-Media-Experte Rohrer. Daher empfiehlt sich, die Benachrichtigungen für große Gruppen aus- oder auf stumm zu stellen. Rohrer rät außerdem dazu, die "zuletzt online"-Information und die Lesebestätigung zu deaktivieren (funktioniert in den Account-Einstellungen). "Es kam schon vor, dass die Tochter an die Tür der Mutter klopfte, weil sie online war, aber vier Stunden nicht zurückgeschrieben hat."

Trinken und texten? Lieber nicht!

Man kann es nicht oft genug betonen – vor allem in der Weihnachtsfeierzeit: Alkohol und WhatsApp vertragen sich nicht. "Die Gefahr, Dinge versehentlich in die falsche Gruppe zu posten, ist einfach zu groß", weiß Matthias Rohrer. Nicht vergessen: Mitglieder können Geschriebenes abfotografieren. Und bis in alle Ewigkeit aufbewahren.

Einen Abgang machen

Der Wunsch, eine Gruppe zu verlassen, kann verschiedene Ursachen haben: etwa, dass der Chat "Urlaub ’17" brachliegt oder der Freund jeden Gedanken in eine Nachricht verpackt. Ein Abgang sollte wohlüberlegt sein, sagt Rohrer: "Man muss sich bewusst sein, dass man damit ein eindeutiges Signal sendet und das auch ein Stück soziale Isolation bedeutet." Besser ist es, den Ausstieg kurz zu begründen, etwa mit zu wenig Speicherplatz (Tipp: oft genügt es, den Gruppenverlauf zu löschen). Warum viele User trotz Inaktivität in einer Gruppe bleiben, liegt laut einer Studie der Nottingham Trent University am Phänomen "fomo" (fear of missing out): der Angst, etwas zu verpassen. Die sei, sagt Rohrer, zunehmend auch bei Erwachsenen ein Problem.

Danke! Danke! Danke! Danke!

Ein Phänomen, das vor allem in großen Gruppen mit organisatorischem Zweck bekannt ist: Auf eine Meldung ("Gemeinschaftsgeschenk wurde besorgt") folgt zigfach die gleiche Antwort, das Handy zeigt nach fünf Minuten Inaktivität 57 ungelesene Nachrichten an. "In Gruppen mit vielen Mitgliedern hat es Sinn, dass der Administrator Regeln vorgibt", findet Rohrer. Dazu zählt auch, dass sich nicht jeder einzeln bedanken muss.