Leben
02.08.2018

Wie der Penis ins Schulbuch kam

Sexualaufklärung: Eine Wienerin hat aktiv dazu beigetragen, dass im Unterricht Klartext gesprochen wird.

„Sie müssen zuerst Vertrauen zu den Kindern aufbauen“, erklärt die Pädagogin im Ruhestand. Und sie klingt dabei so, als würde sie – so wie in ihrer aktiven Zeit – an der Pädagogischen Akademie angehende Lehrer unterweisen. „Dann müssen Sie vollkommen wertfrei die Organe beim Namen nennen.“

Maria Klebl-Fischer, 1921 geboren, sitzt im Fauteuil ihres Wohnzimmers in einer Wiener Seniorenunterkunft und wundert sich noch heute, mit wie viel Prüderie sie zu Beginn ihrer beruflichen Karriere konfrontiert war. „Die Marie stirbt!“ Hört sie die Zweitklassler einer Wiener Hauptschule auf Schullandwoche noch immer um Hilfe rufen. Dabei hatte die Marie nur ihre Regel bekommen.

Hilflose Kolleginnen

„Schlimm war für mich weniger, dass die Schüler nichts über den weiblichen Zyklus wussten“, sagt Frau Klebl-Fischer heute. „Schlimm war für mich eher, dass ich zunächst meine Kolleginnen über die äußeren und inneren Geschlechtsmerkmale aufklären musste. Da gab es nicht wenige, die sich sogar genierten, das Wort Penis in den Mund zu nehmen.“

Die junge Direktorin der Kursana Senioren-Residenz lächelt. Sie kennt die „Frau Doktor“ schon seit einigen Jahren. Und sie schätzt sie als Bewohnerin, die jeden Tag aufs Neue viel zur guten Stimmung in der privaten Unterkunft neben dem Schlosspark Schönbrunn beiträgt.

Maria Klebl-Fischer wurde in Wien geboren, auf der anderen Seite des Wientals. „Als Blume eines Gemeindebaus“, wie sie mit einem Augenzwinkern hinzufügt. „Ich wollte Lehrerin werden“, erzählt sie. „Aber meine Mutter sah in mir eine Schneiderin. Zum Glück war der Vater auf meiner Seite.“

Unter finanziellen Entbehrungen ihrer Eltern durfte das Gemeindebaukind die Matura machen, musste dabei manche klassenfeindliche Lehrerrhetorik über sich ergehen lassen. Einmal wurde ihr erklärt: „Fischer, man trägt in der Schule keine Bluse mit kurzen Ärmeln.“

Es ist erstaunlich, wie wenig ihr die menschenverachtende Pädagogik der Nazis anhaben konnte. Sie promovierte an der Universität Wien, kurz vor Kriegsende. Danach endete ihre akademische Karriere. Als an ihrem Institut die Biologen mit dem Hakenkreuz das Weite suchten und die Biologen mit dem roten Stern das Ruder übernahmen, war für die junge Assistentin kein Platz mehr. Daher bemühte sie sich um einen Posten beim Stadtschulrat, als „Bio“-Lehrerin.

Ihren ersten großen Auftritt hatte Maria Klebl-Fischer vor einer Gruppe pubertierender Burschen. Vom Nazi-Regime noch im Frühjahr 1945 als Flakhelfer in den Krieg geschickt, hatten diese mit Glück überlebt. Jetzt sollten sie mithilfe der blutjungen Lehrerin den Hauptschulabschluss nachholen.

„Der Andy hat a Schwester gekriegt“, erklärte einer der Schüler. Darauf fragte die Lehrerin in die Runde: „Interessiert’s euch ned, wie ein Kind entsteht.“ Nach der ersten vorlauten Antwort „Na im Bett“ lauschten die Burlis mit roten Ohren ihren Ausführungen. Und auch die älteren Kollegen staunten: „Die Neue is’ a Wucht.“

Belächelte „Sextante“

Fortan wurde sie selbst von Lehrern anderer Schulen um ihre Expertise gebeten, was ihr im bornierten Wien der 1950er-Jahre nicht nur Freunde bescherte. Die Pädagogin erinnert sich: „Am Häkerl haben sie mich gehabt.“ Obwohl dem Dr. Sommer der deutschen Jugendzeitschrift Bravo um einige Jahre voraus, tat man sie hierzulande als „Sextante“ ab.

Doch eine selbstbewusste Biologin wie Maria Klebl-Fischer ließ das wie eine Lotos-Blume an sich abperlen. Noch in ihrer aktiven Zeit als Lehrerin in der Schule und als Lehrende an der Pädagogischen Akademie sowie Autorin mehrerer Biologie-Schulbücher hat sie sich unbeirrt für eine moderne ungenierte Sexualaufklärung starkgemacht. Dafür wurde sie von der Republik Österreich mit dem Goldenen Ehrenzeichen ausgezeichnet.

Und wie hat sie sich ihre geistige Frische so lange erhalten? Die Pädagogin deutet auf ihr Wasserglas: „Bei mir ist das Glas immer halb voll.“