Leben
28.10.2018

Werte: Familie ist hohes Gut, Arbeit nur noch das halbe Leben

Die aktuelle Wertestudie zeigt: Freie Zeit wird genauso wichtig wie der Gelderwerb. Und: Partnerschaft soll Halt geben.

Roland Verwiebe weiß aus eigener Erfahrung, wie anstrengend es ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das vereinbarte KURIER-Interview muss er um eine halbe Stunde verschieben: „Die Tochter“, entschuldigt sich der Soziologe.

Er erlebt privat eine Entwicklung, die er für die gesamte Gesellschaft beschreibt: Die neue Arbeitswelt und die moderne Partnerschaft ändern unsere Sicht auf die Wertigkeiten im Leben. Heißt: „Die Arbeit, die einst ein zentrales Thema im Leben war, verliert an Bedeutung, die Freizeit wird wichtiger.“ Zu dem Schluss kommt Roland Verwiebe u. a. in der Europäischen EVS (European Values Study). Erste Ergebnisse wurden eben zusammen gefasst. Die EVS wird alle acht bis neun Jahre erstellt. Dazu werden Europäer aus mittlerweile 44 Staaten befragt, wie ihre Einstellung zu Themen wie Politik, Familie, Arbeit und Religion ist. Österreich ist seit 1990 dabei. Eine Buchpublikation ist für Frühjahr 2019 geplant.

Ergebnisse aus Österreich

Wer zurückblickt, stellt fest, wie sehr sich Wirtschaft und Gesellschaft verändert haben. Beispiel: „Seit 2005 gibt es 400.000 Beschäftigte mehr – eine gute Nachricht, die oft übersehen wird.“ Die meisten der neuen Stellen sind Teilzeitjobs, die häufig an Frauen gegangen sind. Da ist es nur logisch, dass die Männer sich auch um die Familie kümmern müssen.

Beispiel ist auch der Strukturwandel: Stellen in der Industrie – überdurchschnittlich gut bezahlt – sind rar geworden; an ihre Stelle sind oft schlecht bezahlte Jobs getreten, etwa in der Logistik. Das merkt die Mittelschicht im Geldbeutel: „Ihr Realeinkommen stagniert oder sinkt sogar.“ Das verunsichert.

Und der Arbeitsalltag verändert sich: „Die Mitarbeiter müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten und noch flexibler werden, weil fixe Anstellungen seltener werden.“ Auch das weiß der Soziologe an der Uni Wien nicht nur aus Studien, sondern aus eigener Erfahrung: „Im Wissenschaftsbetrieb muss heute alles schneller gehen, was durch die Digitalisierung auch möglich ist. Forscher müssen internationaler arbeiten und ihre Arbeit der Öffentlichkeit kommunizieren. All das war vor zwanzig Jahren weniger gefragt.“

Balance halten

Diese Verdichtung hat Folgen, Burn-out nimmt zu: „Die letzten Potenziale werden aus den Menschen herausgeholt.“ Wenn immer mehr gefordert werde, sei es nur logisch, dass die Arbeitnehmer mehr mitbestimmen wollen, wann und wie viel sie arbeiten. Work-Life-Balance heißt das auf Neudeutsch: „Die Menschen überlegen sich heute mehr, was in ihrem Leben eine zentrale Rolle spielt – auch bei der Arbeit. Sie wollen ihr Leben selbstbestimmt gestalten“, sagt Verwiebe. Der Beruf soll also nicht nur für den Lebensunterhalt sorgen, sondern auch Sinn stiften, das kann anstrengen.

Eine Folge: Jeder kalkuliert viel mehr, was ihm sein Tun persönlich bringt. „Früher, als klar war, dass ich bei meinem Betrieb in Pension gehen werde, überlegte ich, was ich tun kann, um in meiner Firma weiterzukommen. Heute schaue ich darauf, wie ich im Beruf meine persönlichen Ziele verwirklichen kann“, erläutert Studien-Co-Autorin Lena Seewann und führt aus: „Wenn ich mich fortbilde, bedenke ich immer mit, ob mir das bei einem Jobwechsel etwas bringt.“ Die Loyalität gegenüber der Firma schwindet also.

Auf der anderen Seite verschwimmen die Bereiche Arbeit und Freizeit – aus vielen Gründen: „Smartphone und Internet machen es möglich, dass ich ständig erreichbar bin. Kollegen sind oft zugleich Freunde.“ Besonders die junge Generation trenne nicht mehr so wie ihre Eltern, die einen geregelten Acht-Stunden-Tag kannten.

Ihre Arbeitswelt wird sich noch schneller verändern, ist Soziologe Verwiebe überzeugt: „In Österreich ging dieser Prozess langsamer vonstatten – auch weil die Volksparteien ein Verständnis von Gesellschaft hatten, das sich im Wohlfahrtsstaat niederschlug.“

Ausscheren

Verwiebe treibt sichtlich um, dass jetzt „eine Volkspartei ausschert und das Land mit aller Entschlossenheit umbaut. Ein Blick nach Deutschland oder in die Slowakei zeigt, welche Konsequenzen das haben wird“. Auch wenn er nicht alle Reformen kritisieren will, so wünscht er sich, „dass man offen diskutiert, in welcher Gesellschaft wir leben wollen“.

Aber vielleicht ist gerade das fehlende Gesellschaftskonzept ein Grund für die Krise der Volksparteien. Davon geht der Freizeitforscher Peter Zellmann aus: „Die Menschen müssen Kinder, Beruf, Freunde in einem Leben vereinen. Das ist ihr Alltag. Die Politik denkt noch in Ressorts und bearbeitet immer nur ein Feld: Sie redet etwa über Arbeitszeiten, ohne die Kinderbetreuung mitzudenken. Da fehlen die Antworten auf die Lebenswirklichkeit der Menschen.“

Familienleben

Neben dem Berufsleben hat die aktuelle Wertestudie auch Einstellungen zum Privatleben abgefragt. Ergebnis: Die Familie bleibt für 90 Prozent der Österreicher das Wichtigste im Leben. Das ist heute genauso wie vor 30 Jahren. Neu ist, dass mittlerweile viel mehr Lebensformen als Familie akzeptiert werden.

Eva-Maria Schmidt, Co-Autorin der Europäischen Wertestudie, zeigt das am Thema „Wilde Ehe“ – ein Begriff, den Jüngere kaum mehr kennen. „Heute macht man fast keinen Unterschied, ob Paare mit oder ohne Trauschein zusammenleben. Es sind viele Lebensverlaufsmodelle möglich, auch homosexuelle Beziehungen werden toleriert.“ Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.

Stabilität

Ihr emotionales Glück suchen die Menschen aber mehr denn je in der Partnerschaft: „Die soll ihnen Stabilität geben, weshalb Werte wie Treue unverändert einen hohen Stellenwert haben, während die wirtschaftliche Absicherung durch die Ehe kaum noch eine Rolle spielt.“ Auch weil Frauen für sich selbst sorgen können. „Da sehen wir einen grundlegenden Wandel im Denken.“ Frauen sollen arbeiten. Nur Vollzeitjobs sollten junge Mütter eher nicht haben: Zwei Drittel glauben, dass die Kleinkinder darunter leiden.

Toleranz

Die wichtigsten Erziehungsziele sind nach wie vor „gute Manieren, Verantwortungsgefühl und Toleranz.“ Sparsamkeit wird weniger wichtig – die meisten sind ja abgesichert. „Wichtiger ist Eltern heute dagegen, dass Kinder lernen, sich durchzubeißen und durchzusetzen.“ Schmidts Vermutung: „Sie sollen  auf die neue Arbeitswelt vorbereitet werden.“

Kinder

Die wichtigsten Erziehungsziele sind nach wie vor „gute Manieren, Verantwortungsgefühl und Toleranz.“ Sparsamkeit wird weniger wichtig – die meisten sind ja abgesichert. „Wichtiger ist Eltern heute dagegen, dass Kinder lernen, sich durchzubeißen und durchzusetzen.“ Schmidts Vermutung: „Sie sollen  auf die neue Arbeitswelt vorbereitet werden.“