Leben
05.06.2018

Wandercoach: "Ich führe sie an die eigene Grenze"

Der Wandercoach Martin Weber bringt Menschen auf den Weg und bis an ihre Grenze. Er weiß, was sie wollen.

Was braucht eine Gesellschaft, die einerseits einen fast religiösen Natur- und Bergboom pflegt, andererseits für fast alles einen Coach bucht? Führung. Gab es früher nur Bergführer, reicht das Spektrum heute von Spaziergehtrainer über Naturerlebnisvermittler bis zum Wandercoach.

Martin Weber ist so einer. Der diplomierte Reiseleiter und geprüfte Wanderführer organisiert und begleitet Reisen rund um das Gehen – kurze wie lange, nahe wie ferne. Er führt Menschen an ihre Grenzen – wenn sie wollen.

KURIER: Herr Weber, braucht man zum Wandern einen Coach?

Martin Weber: Ich versuche eine Lücke zwischen den unzähligen Informationsangeboten zu schließen, die es zum Thema Wandern im Internet gibt. Kein noch so guter Online-Tourenplaner kann dir wirklich sagen, welchen Schwierigkeitsgrad die Wege vor Ort in Bezug auf dein Können haben werden. Welche für dich passende Alternativrouten ideal wären. Wie du ohne Auto an den Ausgangspunkt deiner Wanderung und wieder zurück kommst. Geschweige denn, was du tun kannst, wenn du dich verlaufen hast. Internetplanung frisst enorm viel Freizeit. Zeit, die meine Gäste lieber begleitet und sicher in der Natur unterwegs genießen wollen statt vor dem Computer. Der Planungsaufwand wird ausgelagert, zugleich gibt es ein maßgeschneidertes Naturerlebnis inklusive Unterhaltung, Sicherheit und Information, wenn man geführt mit mir unterwegs ist.

Ist der Bedarf dafür so groß? An wen richtet sich Ihr Angebot?

An alle Menschen, die sich gerne mehr bewegen würden, die in die Berge gehen möchten oder sich ein besonderes Projekt wie einen Weitwanderweg vorgenommen haben, aber nicht wissen, wie sie das alleine angehen sollen. An Menschen, die Orientierungsschwierigkeiten haben, mit Landkarten nicht vertraut sind, keine Partner für eine Wanderung haben und vor allem nicht wissen, wo es die lohnendsten, schönsten und für sie passendsten Ziele gibt. Menschen mit durchschnittlicher Kondition, Genießer, neugierige Quereinsteiger ins Thema Wandern. Fast 95 Prozent meiner Gäste sind Frauen ab 40, gesundheitsbewusst und naturliebend, gerne alleine oder mit Freundinnen unterwegs. Meine bislang älteste Kundin ist über 80 Jahre.

Sie machen das seit 15 Jahren. Verändert sich der Bergboom aus Ihrer Sicht? Ändern sich die Typen, die „hinauf“ wollen?

Vor dem „Hinauf“ steht erst mal das „Hinaus“ – in neue Umgebungen, neue Erfahrungen, neue Begegnungen. Die Sehnsucht nach dem „Hinauf“ erlebe ich differenziert. Einerseits liegen beim Wandern klarerweise die Berge in der Assoziation nahe. Andererseits geht es zunehmend um Streckenwanderungen, Fernwanderungen, wo die Überwindung reiner Höhenmeter sekundär ist, weil es um Ausdauer und längeren Genuss geht. Auch das Winterwandern gewinnt an Bedeutung.

Ob Höhenmeter oder Fernwandern – überschätzen sich Wander-Neulinge nicht oft?

Frauen trauen sich fast immer weniger zu, als sie körperlich leisten können. Immer wieder wird der Wunsch geäußert, begleitet an die eigene Grenze geführt zu werden, sie vielleicht behutsam und ohne völlige Erschöpfung überschreiten zu können – allerdings mit jederzeitiger Umkehroption. Ich führe die Menschen dorthin. Eine Kundin kam aus Kanada und wollte während eines Wien-Besuchs im Nahbereich der Stadt wandern. Wir waren auf dem Schneeberg, es war Anfang Mai, wir sind am Weg zum Gipfel bis zu den Oberschenkeln im Schnee versunken. Trotzdem war sie so glücklich und begeistert, über ihre Grenzen hinweg motiviert und geführt worden zu sein. Oder bei einer Wanderreise an der portugiesischen Küste: Eine etwas ältere, sehr ernsthafte und resolute Teilnehmerin, die an einem Aussichtsplatz ihre Begeisterung nicht mehr kontrollieren konnte. Sie breitete die Arme weit aus und völlig überwältigt vom Panorama rief sie: „Martin, ich liebe dich!“

Warum ist der Mensch in der Natur oder auf dem Berg so glücklich?

Wir konfrontieren uns in der Natur mit dem, was uns in Städten und Büros verloren gegangen ist: mit oft milden, oft unerbittlichen Elementen. Wir spüren unseren Körper wieder, erleben Kälte, Durst oder Müdigkeit ganz anders. Die Gefühle nach Wanderungen sind individuell, aber bei fast jedem ist danach das Gefühl von Dankbarkeit vorhanden. Vielleicht wählen wir den Umweg Berg, um die existenziellen Grundlagen für Glück wieder stärker zu spüren: Erfüllung und Stolz, selbst aktiv geworden zu sein. Wandern ist Lebensschule, es geht um Aufbrüche, um Vorfreude, um Pläne, um Motivation, um Überwindung von Grenzen, Umgang und Reifung an unvorhersehbaren Widrigkeiten.

Und um Reduktion.

Ja, man macht dabei – reduziert auf basale Grundbedürfnisse wie Gemeinschaft, Essen, Trinken, Rast und Wärme – beglückende körperliche, aber auch spirituelle Erfahrungen. Sorgen und Probleme sind nach der Rückkehr die gleichen wie vorher. Aber sie fühlen sich ein Stück weit bewältigbarer an.

Auf welchen Wegen sollen Wander-Einsteiger beginnen?

Die großen Abenteuer beginnen vor der eigenen Haustür. Ich empfehle, die eigene Stadt auf Wegen im grünen Umland zu Fuß zu umrunden. Oder jenen, die am Land wohnen, für den Besuch bei Freunden im nächsten Ort anstelle des Autos die eigenen Füße zu wählen. Wichtig ist, die subjektive Grenze zwischen Spaziergang und Wanderung mutig zu überschreiten. Das kann ein dreistündiges, aber auch ein fünfstündiges Erlebnis sein. Von der Ausrüstung her ist das Schuhwerk zentral, da sollte man nicht sparen. Du wirst sie hassen, wenn du sie falsch wählst. Du wirst sie lange lieben, wenn du dich für wirklich gut passende entscheidest.

Haben Sie nach all den Jahren eine Lieblingsroute oder -region?

In Österreich ist die karge Schroffheit der nördlichen und südlichen Kalkalpen zwar beeindruckend, doch ich persönlich liebe den fantastischen Wasserreichtum der Niederen Tauern, die unzähligen Almen, Bergseen und Wasserfälle. Ein Sprung in einen kalten Gebirgssee ist ein unbeschreiblicher Genuss. Außerhalb der alpinen Bereiche liebe ich das Waldviertel, besonders im Herbst und im Winter. Hier findet der Wanderer Wege in völliger Abgeschiedenheit. Für Wanderungen im Süden wähle ich gerne Portugal, die Costa Vicentina hat für mich die traumhaftesten Küstenwanderwege unseres Kontinents. Aber auch der Norden zieht mich seit über 30 Jahren an, zuletzt auf einer Hundeschlittenexpedition in Ostgrönland.

Geführtes Wandern: Der Coach, Angebote und Ausbildung

Zur Person: Der Wiener Martin Weber (52) studierte Geografie und arbeitet in dem Bereich. 2004 beschloss er, seine Wander-Leidenschaft  zu professionalisieren und andere Menschen an seinen Naturerlebnissen und Erfahrungen teilnehmen zu lassen. Er absolvierte die Ausbildungen zum diplomierten Reiseleiter und geprüften Wanderführer, schulte sich auch zum Mobilitätsberater. 2007 gründete er „Ausflug & Reise“ (www.ausflugundreise.at), womit er individualisierte Reisen zum Thema Wandern anbietet – von einfachen Eintagestrips bis zur langen Auslandswanderung. Seine Kunden sind Einzelpersonen wie Gruppen, Weber entwickelt auch für Reiseveranstalter Wanderreisen.

Laut Selbstbeschreibung ist er Optimist und Menschenfreund, der Vater zweier erwachsener Kinder und lebt in Maria Enzersdorf bei Wien.

Geführtes Wandern: Die Nachfrage nach geführten Wanderangeboten steigt, also wird auch die Palette  auf dem Gebiet stetig größer, die Bezeichnungen variieren von Führer über Coach bis Guide. Die alpinen Vereine (z.B. www.alpenverein.at, www.naturfreunde.at) bieten selbst geführte Gruppenwanderungen an, vermitteln aber auch Kontakt zu geprüften Wanderführern. Die bieten von Routenplanung über Naturwissen bis zu  Sicherheit und  Versorgung alles an. Auch viele Touristenverbände und Hotels bieten mittlerweile Vermittlung oder Touren an.

Ausbildung: Der Verband Alpiner Vereine Österreichs VAVÖ bietet die Ausbildung zum Wanderführer an, der Kurs dauert rund vier Tage und kostet aktuell 595 € (www.vavoe.at/ausbildung).