Tango wurde ursprünglich von zwei Männern getanzt, und so ist es auch keine Überraschung, dass mit Sigrid Mark und Andrea Tieber, den "AdanzaS" zwei Frauen Tango lehren.

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Leben
06/04/2019

Von Sünde, Hingabe und dem aufrechten Gang

Tango Argentino. Warum dieser Tanz keine Rose im Mund braucht

Irgendwann ließ sich die Sehnsucht nach dem Tango Argentino, „dem schönsten und verrücktesten Tanz, den es gibt“, nicht mehr verdrängen. Sigrid Mark (im Bild re.) und Andrea Tieber kündigten ihre Jobs, verzichteten auf ihr sicheres Netz, gingen nach Buenos Aires und verdingten sich als Straßenkünstlerinnen. Sie zogen durch Europas Straßen und über seine Plätze, um zu tanzen. Tango. Jenen Tanz, über den das Klischee sagt: Erotisch aufgeladene Bewegungen und strenge Blicke. Mann mit Hut, Frau mit viel Schminke und ausgiebiger Körperkontakt. Er befiehlt, sie gehorcht.

In manchen Kreisen wurde der Tanz einst als „Sünde“ bezeichnet. Weshalb Papst Pius X. den Tango verbieten ließ. Er hätte sich nicht träumen lassen, dass der sündhafte Tanz ein Jahrhundert später Gotteshäuser erobern würde. Nach Kirchen in Stuttgart und Heidelberg heißt es nun auch in Wien: „Tango goes Church“ – das nächste Mal am 16. Juni in der Auferstehungskirche in der Wiener Lindengasse – mit Sigrid und Andrea, die sich als Tango-Duo AdanzaS nennen.

Abgesehen davon, dass der amtierende Papst Argentinier ist und ihm sogar ein Tango gewidmet ist („Obwohl du heute Franziskus heißt, bleibst du für uns Jorge aus Flores“, heißt es in dem Stück von Enrique Bugatti): Was hat Tango mit Kirche zu tun? Es ist möglicherweise die Hingabe beim Tanz, die eng verwandt mit der Spiritualität des Glaubens ist.

Der Tango, um die Jahrhundertwende von italienischen Auswanderern in Argentinien erfunden, war damals nicht salonfähig. Die bessere Gesellschaft rümpfte die Nase über die vom Weltschmerz geprägte Musik der Elenden in den heruntergekommenen Vierteln von Buenos Aires. Die vom Heimweh geplagten Arbeiter hatten Frauen und Kinder im verarmten Europa zurückgelassen, um in Argentinien nach einem besseren Leben Ausschau zu halten. Der Tanz, den sie mit musikalischen Versatzstücken aus ihren italienischen und spanischen Heimatländern improvisierten, war der einzige Rückhalt dieser einsamen Männer.

Von daher kommt wohl die berühmte aufrechte Haltung des Tangos: Denn ihren aufrechten Gang, auch im übertragenen Sinne, wollten sich die Männer auch angesichts der demütigenden Lebensumstände nicht nehmen lassen.

Wenn Tango ursprünglich von zwei Männern getanzt wurde, dann ist es auch keine Überraschung, dass mit Sigrid Mark und Andrea Tieber zwei Frauen Tango lehren. Dem in Europa entstandenen Tangoklischee entsprechen die beiden nicht. Jenem Klischee, das vom Verführer mit dem schmalen Bürstenbart und der Verführten mit den roten Lippen erzählt. Von der Rose im Mund und von den ruckartigen Kopfbewegungen.

Führen und Folgen auf Augenhöhe

Bei Sigrid und Andrea, beide ursprünglich Lehrerinnen aus Graz, wird nicht mit dem Kopf herumgeruckelt. Die Schminke ist dezent und Rosen im Mund braucht es auch nicht. In ihrem Tango findet Führen und Folgen auf Augenhöhe zweier Partner statt. Es ist ein Geben und Nehmen. „In unserem Tango Argentino geht es um die Umarmung. Um die gemeinsamen Gehschritte und um Dialog auf gleicher Ebene“, erklärt Sigrid Mark. Den Tango Argentino haben die AdanzaS in Buenos Aires gelernt. Dort sind bis heute Tanzpaare, die nur aus Männern oder nur aus Frauen bestehen, keine Seltenheit. Im Unterschied zum europäischen Tango ist er ist ein Improvisationstanz, der nicht auf Figuren aufgebaut ist, sondern in jedem Tanz neu entsteht. Die Grundlage ist das gemeinsame Gehen.

Was braucht man, um ihn zu erlernen? „Die Liebe zur Musik“, schwärmt Andrea und erzählt von argentinischen Bandleadern wie Juan D'Arienzo oder Osvaldo Pugliese, Carlos Di Sarli. Zu deren Klassikern lässt sich besser tanzen als etwa zur Musik des Tango Nuevo-Stars Astor Piazzolla oder der Pariser Electrotango-Gruppe Gotan Project, die für Tango-Anfänger eine Herausforderung sind.

Stammten die ersten Tangomusiker aus Argentinien, wurden die ersten Platten jedoch in Paris verlegt: Der Tanz aus den Straßen von Buenos Aires wurde erst in Europa legendär. Doch das freie, improvisierte Element fiel einer neuen Ordnung zum Opfer. Fixe Tanzschritte samt jener berühmten Zackigkeit waren die neuen stilbildenden Elemente. Vom damals tonangebenden Paris aus trat der Tanz seinen weltweiten Siegeszug an – die goldenen Jahre des Tangos mit großen Orchestern dauerten bis in die 1940er. Seit den 1980ern erlebt der Tango wieder einen Boom, nicht selten allerdings unter größtmöglicher Ausschlachtung aller erdenklichen Klischees.

Tango ist mehr als ein Tanz. Es ist eine Lebenseinstellung – wenn man sich darauf einlässt“, sagt Andrea.

Kann man eigentlich zu untalentiert für Tango sein?

„Nein. Aber der Perfektionismus könnte einem in die Quere kommen. Und für manche Paare kann es schwierig sein, sich auf Führen und Folgen einzulassen. Manchmal tut man sich mit einem fremden Partner leichter.“ Oder man tanzt gleich ganz allein: Auch im „Solo Tango“ lässt sich leidenschaftliche Musik erleben und elegante Körperhaltung samt Schrittkombinationen und Tanztechnik erlernen.

Schon als Kinder träumten Andrea und Sigrid davon, zu tanzen. Jede freie Minute wurde dafür geopfert, doch der Mut, den sicheren Posten für ein Leben als Straßenkünstlerinnen an den Nagel zu hängen, brauchte Jahre, um zu reifen.

Heute ist das Tanzen ihr Leben.

Es ist, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.

TIPP: Die nächsten Tango-Termine: 10. Juni, 15-18 Uhr: Internationales Storytelling Festival Graz erzählt, Schloßberg Graz. 14. Juni,17 Uhr: WO/MEN TANGO ACT beim 10. Friedensfest Kandlgasse 44 , 1070 Wien 16. Juni, 16 Uhr: Tango Goes Church: Tango Argentino Workshop Aufbau „Vom Solo ins Paar“, Auferstehungskirche, Lindengasse 44a, 1070 Wien. www. adanzas.at.