Mittagessen in der Schule, Projekt "Leerer Bauch lernt nicht gern"

© Deutsch Gerhard

Armut
11/27/2013

Voller Bauch, volle Konzentration

Eine Initiative der Diakonie schenkt Schülern Lebensmittel und ein Gefühl der Gemeinschaft

von Ute Brühl

Ohne Frühstück und ohne Jause sitzt die elfjährige Lena* in der Schule. Lehrerin Paula Daniel wundert es daher nicht, dass das Mädchen Kopfweh hat und sich nicht konzentrieren kann. Denn wenn der Magen knurrt, hat ein Kind andere Probleme als die Lösung einer mathematischen Gleichung. Aber nicht nur Lena ist hungrig. Einigen ihren Mitschüler geht es ähnlich.

Denn das Geld in den Familien wird immer knapper. Da muss dann schon einmal eine Mahlzeit ausfallen. Wie sehr die Armut um sich greift, weiß Claudia Röthy von der Stadtdiakonie Wien: „In unserer Stadt lebt jedes vierte Kind in einer armutsgefährdeten Familie“, berichtet sie. Eine Armut, die oft nicht vordergründig sichtbar ist. Aber sie existiert.

Deshalb hat Röthy die Initiative „Lernen mit leerem Bauch? Geht nicht!“ gegründet. Die Idee stammt aus Deutschland: Schulen werden mit Lebensmitteln beliefert, damit die Kinder wenigstens eine vollwertige Mahlzeit am Tag haben. Die erste österreichische Schule, in der das Projekt gestartet wurde, ist die Neue Mittelschule Brüßlgasse in Wien-Ottakring. Seit drei Jahren befüllt die Diakonie ein Mal wöchentlich den Kühlschrank: Milch, Käse, Butter und Joghurt sowie Brot, Flakes, Obst und Gemüse sind immer im Physiksaal, in dem auch gegessen wird.

Jeder darf dabei sein

„Wer sich zur Mittagsaufsicht und zum Essen angemeldet hat, darf mit am Tisch sitzen“, erzählt Direktorin Anneliese Hell. „Ob die Kinder bedürftig sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle.“ So ist gewährleistet, dass keiner aus Scham der Mahlzeit fernbleibt.

Brot und Käse stillen nicht nur den Hunger. Das gemeinsame Vorbereiten und Essen an einem Tisch schaffen Vertrauen und Vertrautheit. Die Aggression unter den Schülern nimmt ab – auch weil sie hier gelernt haben, dass es am nächsten Tag noch Brot und Gemüse gibt. Apropos Gemüse: Vieles, das auf den Tellern liegt, ist für die Kinder ein neues Geschmackserlebnis: „Ich habe zum ersten Mal ein Radieschen gegessen“, sagt zum Beispiel die zwölfjährige Fadime. Auch Paprika kannten viele vorher nicht. Maxi, 11, liebt vor allem Äpfel: „Die sind so knackig“ – während Kurt, 12, am liebsten „süße Bananen mag.“ Praktische Lebensmittelkunde im Physiksaal: Wann ist welches Gemüse reif? Wie halte ich Brot lange frisch? Fragen, die Fadime und Kurt beantworten können. Saisonale Ernährung und keine Verschwendung von Lebensmitteln ist hier selbstverständlich.

Gurke statt Chips

Für die Arbeit von Paula Daniel ist der Mittagstisch eine große Erleichterung: „Früher bin ich manchmal selbst in den Supermarkt gegangen und habe etwas gekauft, wenn ich gesehen habe, dass ein Kind vor lauter Hunger nicht lernen kann. Heute hole ich ihm in solchen Fällen einfach ein Stück Brot und einen Apfel. Bauch- oder Kopfweh sind dann meist schnell verflogen“, berichtet Daniel.

Ihr gefällt, dass ihre Schüler Wert auf gesundes Essen legen: „Gestern war eine Schülerin mit Chips da, die sie verteilen wollte. Doch niemand wollte etwas. Alle bevorzugten Brot und Gemüse.“

Der tägliche Mittagstisch kostet rund 1,50 € pro Tag und Kind. So billig kann Lernhilfe sein. In insgesamt vier Wiener Schulen sorgt die Diakonie für einen „vollen Bauch“. Initiatorin Röthy hofft auf Sponsoren aus der Wirtschaft und auf regelmäßige Spender: „Denn nur wenn die Finanzierung dauerhaft gesichert ist, ist das Projekt nachhaltig. Schließlich müssen sich die Kinder sicher sein, dass der Tisch jeden Tag gedeckt ist. Das gibt ihnen Sicherheit und einen optimistischen Blick in die Zukunft.“ Ein großes Lob spricht Röthy den Lehrkräften aus: „Ohne ihr Engagement wäre die Umsetzung unmöglich.“

*Name geändertwww.diakoniewien.atSpenden: Stadtdiakonie Wien, Kennwort „leerer Bauch“, Konto- Nr. 20-7477.417, BLZ 32000 Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien

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