Leben 23.02.2018

Umgang mit Stottern: "Ich war oft wütend"

© Bild: KURIER/Jeff Mangione

Die Theaterwissenschaftlerin Birgit Gohlke hat einen Dokumentarfilm über die Sprechstörung gedreht.

Zuerst machten ihr die Vokale zu schaffen, später, in der Pubertät, entwickelte sich ein "Glucksen" – der "unbewusste Versuch meines Körpers, aus dem Stottern herauszukommen", erzählt Birgit Gohlke. Die 37-jährige Theaterwissenschaftlerin stottert seit früher Kindheit, hat ineffiziente Therapien, hänselnde Mitschüler, aber auch viel Unterstützung von Eltern und Freunden erlebt. In ihrer Dokumentation "Mein Stottern" (ab morgen im Kino) bringt sie das Thema aus Sicht von fünf Betroffenen auf die Leinwand – inspiriert von einem aufrüttelnden Kinoerlebnis vor sieben Jahren.

KURIER: Als "The King’s Speech" 2011 ins Kino kam, war Stottern plötzlich überall ein Thema. Sie waren damals Anfang 30. Wie haben Sie als Betroffene den Film erlebt?

Birgit Gohlke: Ich saß im Kino und habe mich gefreut, dass endlich einmal eine ordentliche Darstellung darüber gemacht wurde. Dann kam die Szene, in der Colin Firth vor der Menschenmenge steht und versucht, etwas herauszubekommen, aber es funktioniert eben nicht. Man sieht die Panik und die Ohnmacht in seinen Augen. Blöderweise hat genau in dem Moment jemand hinter mir gelacht. Ich fühlte mich sofort in meine Vergangenheit zurückversetzt und wäre am liebsten aus dem Kino gerannt. Aber ich bin sitzen geblieben.

Was hat der Film ausgelöst?

Petra Nickel, die Logopädin, mit der ich den Film gemacht habe, hat nach "The King’s Speech" unzählige Interviewanfragen bekommen, ob sie nicht möglichst schnell ins Studio kommen könne, am besten mit stotternden Kindern. Einerseits fand sie es positiv, dass Interesse besteht, andererseits war es irgendwie ein Vorführen – und das wollen wir alle nicht. Dann meinte sie, dass die Betroffenen selbst zu Wort kommen müssen. Sie wollte das Thema ordentlich bearbeiten, also "von innen heraus", und hat mich kontaktiert. So ist der Film "Mein Stottern" entstanden. Wir wollten Berührungsängste nehmen und aufklären. Ohne erhobenen Zeigefinger.

Birgit Gohlke
© Bild: KURIER/Jeff Mangione

Sie haben David Seidler, den Drehbuchautor von "The King’s Speech", getroffen. Er hat als Kind selbst heftig gestottert.

Es war schön, jemanden zu treffen, der sein Thema auf die Bühne gebracht hat ("The King’s Speech" war ursprünglich ein Theaterstück, Anm.). Er erzählte mir von einem Moment, in dem er wütend auf dem Bett herumgesprungen ist – es hat ihn wahnsinnig gemacht, weil er nichts sagen konnte. Diese Wut kenne ich auch, ich war oft wütend. Man weiß, was man sagen will, aber es geht nicht oder zu langsam. Das ist eine gewisse Ohnmacht, weil man es einfach nicht unter Kontrolle hat – und Menschen haben Dinge gern unter Kontrolle.

Viele sind unsicher, wie sie sich stotternden Mitmenschen gegenüber verhalten sollen. Was wünschen Sie sich?

Das ist sehr individuell. Ich bin der Meinung, man kann vorsichtig und respektvoll fragen, wenn man merkt, dass es für den anderen schwierig ist. Also: Ist es dir lieber, wenn ich ergänze, oder soll ich dich ausreden lassen? Für mich ist nicht aussprechen lassen schlimm, anderen hilft es vielleicht. Schwierig sind immer diese kurzen Alltagssituationen. Ich habe zum Beispiel schon erlebt, dass der Kellner einfach weggeht, ohne dass ich etwas bestelle, weil es ihm nicht schnell genug geht oder er denkt, dass ich nicht weiß, was ich will. Also rate ich, im Zweifel geduldig zu sein und ausreden zu lassen.

Im Film sieht man, wie Sie, schwanger, mit Ihrem Partner über mögliche Namen nachdenken. Wieso hat diese Szene so eine Bedeutung für Sie?

Früher hatte ich oft dieses Szenario im Kopf: Mein Kind ist am Spielplatz in einer gefährlichen Situation, ich versuche, seinen Namen zu rufen, aber ich kann es nicht. Es gibt eben Buchstaben, die schwieriger für mich sind, und die möchte ich dann nicht unbedingt als ersten Buchstaben im Namen meines Kindes. Jemand, der nicht stottert, muss über so etwas niemals nachdenken – da geht es einfach darum, ob der Name gefällt oder welche Bedeutung er hat. Jetzt habe ich jedenfalls einen Josef und eine Martha. Und beide reden wie ein Wasserfall. (lacht)

Welches Vorurteil über das Stottern würden Sie gerne aus der Welt schaffen?

Man weiß mittlerweile, dass die Ursachen nicht psychisch, sondern organisch sind. Dieses Wissen ist ganz wichtig, weil es zeigt, dass niemand schuld ist. Die Mehrheit weiß das nicht, man hört immer noch Sätze wie "Du armes Kind, deine Eltern lassen dich bestimmt nie ausreden". Das ist unangenehm, denn niemand kennt mein Elternhaus, und Schuldgefühle sind sowieso immer da. Alle Protagonisten im Film zeigen, dass man gut mit dem Stottern leben kann. Auch wenn das Umfeld das zunächst nicht glaubt und zum Beispiel sagt, "Wenn man stottert, kann man keinen Sprechberuf machen" – es stimmt nicht. Eine Lehrerin hat damals zu meiner Mutter gesagt, es wäre besser, ich würde Latein statt Französisch lernen, weil es eine tote Sprache ist. Natürlich habe ich Französisch gelernt. Man kann alles machen, nur vielleicht ein wenig anders oder langsamer als andere.

80.000 Österreicher stottern

Männer häufiger betroffen

Stottern bezeichnet eine Störung des Redeflusses, bei der Wiederholungen, Dehnungen von Lauten oder Unterbrechungen auftreten. In der Regel beginnen Kinder vor ihrem 12. Lebensjahr zu stottern, Buben sind dreimal so häufig betroffen. Oft bilden sich Symptome von selber wieder zurück – im Erwachsenenalter stottert nur noch 1 Prozent der Bevölkerung, in Österreich etwa 80.000.

Ursache und Therapie

Bis dato sind die Ursachen nicht vollständig geklärt. Experten gehen von einer Kombination aus neurophysiologischen und genetischen Faktoren aus. Einigkeit herrscht darüber, dass Stottern keine psychische Störung ist. Je früher man eine Therapie beginnt, desto besser – eine Heilung im Erwachsenenalter ist meist nicht möglich.

Info: www.oesis.at

( kurier.at ) Erstellt am 23.02.2018