Leben
28.03.2017

Tinder-Tipps: Die hohe Kunst des Online-Flirts

Der zweiseitige Liebesbrief ist selten geworden – dank zahlreicher Dating-Plattformen wird beim Anbandeln dennoch so viel getextet wie nie. Ein Experte verrät, was beim schriftlichen Schäkern alles schief gehen kann und warum man eine digitale Abfuhr nicht allzu ernst nehmen sollte.

Die Zahl der Single-Haushalte in Österreich steigt weiter an, meldete die Statistik Austria vergangene Woche – etwa 700.000 der Alleinstehenden bewegen sich pro Monat auf Datingportalen im Internet, mehr als im Vorjahr. Auch Boris Ziefle (34) hat sich jahrelang quer durch das Netz geflirtet (und dort auch einige Male die Liebe gefunden). In seinem Buch ("One-Write-Stand", Schwarzkopf Verlag) gibt der ehemalige Werbetexter und selbstständige Autor Tipps für eine pannenfreie Online-Kommunikation.

KURIER: Ich habe ein Tinder-Match mit jemandem, die Chatfunktion öffnet sich – wie lautet der perfekte erste Satz?

Boris Ziefle: Den gibt es nicht, da jeder Mensch auf andere Dinge positiv reagiert. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass Humor in 90 Prozent der Fälle gut ankommt. Auch wichtig ist es, dass man locker bleibt und nicht zu schnell zu fordernd wird. Denn es ist ja nur ein erster Chat und keine verbindliche Vereinbarung zum Treffen, wenn man ein Match hat. Eine persönliche Bemerkung zum Profil des Matchpartners kommt immer gut an. Ich gehe beispielsweise ganz gerne auf den Musikgeschmack einer Frau ein (Anm.: Bei Tinder kann man sein Lieblingslied angeben) und frage dann, ob sie wirklich den ganzen Songtext von "Bohemian Rhapsody" auswendig kann oder ob sie auch immer nur den Teil mit "Galileo" laut im Auto mitbrüllt.

Und was wäre der denkbar schlechteste erste Satz?

Ich finde ein einfaches "Hi" sehr uninspiriert, da man das so an 100 Frauen innerhalb von 5 Minuten schicken kann. Aber auch alles, was verzweifelt klingt, ist tabu. Wenn ein Mann schreibt, "Endlich mal ein Match", dann ist das nicht die beste Eigenwerbung. Auch Eigenlob kommt nicht gut an. Wer fühlt sich schon zu einem Mann hingezogen, der schreibt: "Ich denke, du hast den geilsten Typen hier gematcht."

Ganz allgemein: Welche Rolle spielt Sprache, das Schreiben bei der Partnersuche im Netz?

Die Sprache ist eines der wichtigsten, vielleicht sogar das wichtigste Element beim Online-Dating, denn mit ihr kann man sich entweder sofort interessant machen oder es auf Anhieb vermasseln. Natürlich sind nette Bilder ein weiterer Schlüssel zum Erfolg. Aber in einer Zeit der Filter und Bildbearbeitungsprogramme kann man sich auch nicht mehr zu 100 Prozent darauf verlassen.

In Ihrem Buch richten Sie sich an Männer. Warum? Immerhin sind etwa 50 Prozent der online suchenden Singles Frauen.

Das stimmt natürlich, aber die größeren Probleme beim Schreiben auf Online-Plattformen haben eindeutig Männer. Denn sie sind es, von denen meistens der erste Schritt erwartet wird und die viel häufiger einen ersten Satz finden müssen. Bei meiner Recherche für das Buch war ich selbst erstaunt, wie viele Nachrichten Frauen täglich in ihrem Postfach haben und wie wenig im Gegensatz dazu die Männer. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass man als Mann einfach weniger angeschrieben wird und die Auswahl demnach nur erhöhen kann, wenn man lernt, kreativ und herausfordernd zu texten.

Na dann: Was sind Ihre drei wichtigsten Regeln beim digitalen Flirten?

Die Wichtigste: Nimm es nicht zu ernst. Es kann etwas sehr Schönes daraus entstehen, muss es aber nicht. Wer jede negative Antwort persönlich nimmt, dem fügen Flirt-Apps viel mehr Schmerz zu, als sie ihm Gutes tun.

Zweitens: Fühle dich wohl beim Schreiben und mit dem, was du schreibst. Wer nur versucht, dem anderen zu gefallen, kommt unauthentisch rüber.

Drittens: Überrasche deinen Flirtpartner mit ausgefallenen Nachrichten. Sei es mit Humor, einer frechen Antwort oder einer überraschenden Frage. Denn auch, wenn du vielleicht mal über das Ziel hinausschießt – beim Online-Dating läuft nun mal viel über Aufmerksamkeit. Wer es schafft, positiv aufzufallen, hat den ersten Schritt zu einem Date bereits getan.

Apropos: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um nach einem Date zu fragen?

Sobald eine gewisse Vertrautheit in den Nachrichten ist, sollte man das möglichst bald tun, bevor man in die "Friendzone" rutscht. Das kann nach zwei Nachrichten der Fall sein oder nach zwei Wochen. Es kommt auch auf die Intensität an und wie schnell sich beide Partner öffnen. Ich habe oft schon gegen Ende der ersten Konversation gefragt, ob ein Kaffee oder ein Spaziergang drin ist. Sollte sich der andere noch nicht wohl dabei fühlen, wartet man eben noch einige Tage und schreibt weiter. Allerdings sollten sich alle immer bewusst machen, dass es Dating-Apps sind, und ein Date findet nun mal immer von Angesicht zu Angesicht statt.

Viele Singles kennen das Phänomen des "Ghosting", bei dem sich der andere ohne ersichtlichen Grund plötzlich nicht mehr meldet. Wie kann man dem vorbeugen?

Das ist leider ein sehr verbreitetes Phänomen, dem schwer zu entkommen ist. Das liegt zum einen daran, dass vor allem Frauen so viele Anfragen bekommen, dass sie es sich aussuchen können, mit wem sie schreiben. Und selbst wenn sie mit vier Männern anfangen zu schreiben, kristallisiert sich irgendwann ein Favorit heraus – vergleichbar mit der TV-Show "Der Bachelor". Leider haben nur die wenigsten den Anstand, allen anderen eine nette Absage zu schreiben. Ignorieren ist die einfachste Variante. Das ist zwar schade, aber auch ein wenig verständlich. Darum schreibe ich in meinem Buch, dass man Nichtantworten nicht zu persönlich nehmen sollte. Es ist ja nur Online-Dating.

Ich kenne viele Frauen, die einem Mann nicht antworten, wenn er die Rechtschreibung nicht beherrscht. Legitim oder oberflächlich?

Grundsätzlich finde ich es sehr legitim zu sagen, dass eine Grundbildung in Sprache Voraussetzung ist, um sich weiter mit einem Profil zu beschäftigen. Daraus lässt sich dann ja meistens das Bildungsniveau eines Menschen ablesen, das vielen doch nicht unwichtig ist. Zudem zeigen viele Fehler im Anschreiben auch, dass demjenigen die Kontaktaufnahme nicht so wichtig ist. Mit ein wenig Online-Wörterbuch kann jeder einen fehlerfreien Text hinbekommen. Das zeugt auch von Respekt und ehrlichem Interesse.

Kann man sich rein übers Schreiben in jemanden verlieben?

Ja, und meistens ist das dann sogar ein tieferes Verlieben als in die Oberflächlichkeit von Bildern. Mir ist das jedenfalls schon passiert: Eine Frau hat sich in mich verliebt, nur durch das, was ich geschrieben habe. Ich war einfach offen und ehrlich und mein direkter Humor hat ins Schwarze getroffen. Leider ist am Ende nicht mehr draus geworden, da wir nach ein paar Treffen gemerkt haben, dass wir beim Schreiben mehr gemeinsam haben als im realen Leben. Sowas kommt auch vor.

Skurriles Sprüche-Sammelsurium

"Wenn du deinen Charakter mit einer Sexstellung beschreiben solltest, welche wäre das?" – Fragen wie diese wären für ein normales erstes Date undenkbar. Auf der beliebten Dating-App Tinder sind sie aber an der Tagesordnung. Nach dem "Wisch- und Weg-Prinzip" werden flirtwillige Singles ausgewählt oder eben nicht. Häufig geht es nur um schnellen Sex – und dafür werden die Nutzer oft so richtig kreativ. Viele der vermeintlich witzigen Sprüche gehen aber deutlich unter die Gürtellinie. Die skurrilsten Dialoge sind im Internet nachzulesen, etwa auf tinderwahnsinn.de, gegründet von zwei ehemaligen Tinder-Nutzern aus Deutschland. Die 28-jährige Marie Kober und ihr Freund Tim Dünschede hatten die langweiligen und einfallslosen Flirtsprüche satt. Gemeinsam mit Freunden beschlossen sie, eine Sammel-Seite zu gründen: "Tinder gehört einfach in unsere heutige Zeit. Wir wollen eine Mischung aus romantischen, kitschigen, dreisten Dialogen zeigen und die Perlen aus den vielen deutschsprachigen Tinder-Chats sammeln", so Kober im Interview mit Ze.tt.

Sie und ihr Team entscheiden, welche Einsendungen auf der Website oder in den sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. Vorbild ist der US-amerikanische Instagram-Account Tindernightmares (Tinderalbträume), wo fast täglich Screenshots von Dialogen gepostet werden. Anprangern wollen die Gründer aber niemanden: Die Namen werden anonymisiert, Fotos verpixelt – es geht ihnen nur um die Lacher.