Leben
09.06.2018

Die digitale Putzkolonne von Facebook & Co

Wer kontrolliert, was wir sehen sollen und was nicht? Zwei deutsche Regisseure begeben sich auf Spurensuche.

Auf Manilas Straßen tobt der Verkehr, in einem Hochhausgebäude sitzt eine junge Frau in einem dunklen Raum, starrt auf einen Bildschirm: Delete, ignore, delete – löschen, ignorieren, löschen ... Acht Sekunden hat sie Zeit, um zu entscheiden, ob sie das Foto bzw. Video entfernt oder nicht. Bis zu 25.000 Bilder sichtet sie hier am Tag, darunter Enthauptungen und Kindesmissbrauch. Sie ist ein „Content Moderator“ und beseitigt im Auftrag von Facebook, YouTube und Co. den digitalen Müll.

Ortswechsel: Fast 10.000 Kilometer entfernt sitzen zwei junge Filmemacher in einem Büro in Berlin-Friedrichshain. Hans Block und Moritz Riesewieck wollten herausfinden, wer eigentlich kontrolliert, was wir sehen, denken und wissen. Und stießen dabei auf die digitalen Saubermacher – sie wurden zum Thema ihrer Doku „The Cleaners“, die gerade in den Kinos anläuft.

Schattenindustrie

Weltweit sind es zirka 100.000 Menschen, die als Putzkolonne für Privatfirmen arbeiten, angeheuert von Facebook. Die meisten von ihnen leben auf den Philippinen. Und entgegen der Erwartungen der Regisseure sind es keine Zombies, sondern Leute, die darin eine Mission sehen – oder es versuchen: „Wir, die Nutzer, können uns gar nicht vorstellen, wie unsere Social-Media-Seiten ohne ihre Arbeit aussehen würden“, berichtet Riesewieck aus den Gesprächen mit Menschen, die anonym bleiben wollen. Sie haben sich für den Job, der nicht besonders gut bezahlt ist, zum Schweigen verpflichtet. Es ist eine Schattenindustrie, doch viele der Arbeiter meinten auch: „Die Welt soll wissen, dass wir hier sind.“

Dass die Internetkonzerne ihre „Drecksarbeit“ auf die Philippinen „outsourcen“, hat einen Grund, erklärt Hans Block: „Die Firmen werben damit, dass die Filipinos unser westliches Wertekonstrukt teilen – aufgrund ihres katholischen Glaubens, der auf die Kolonialisierung zurückgeht.“ Es heißt, sie seien in der Lage, die Inhalte der ganzen Welt aus der richtigen Perspektive zu beobachten. So nehmen sie Begriffe aus dem Katholizismus, etwa das Aufopfern für eine Sache oder das Säubern, sehr ernst. Es sind Narrative, die ihnen helfen sollen, ihre Arbeit zu ertragen.

Überfordert

Wie überfordert sie damit sind, wird im Film anhand vieler Beispiele deutlich. Es gibt zwar Richtlinien, doch zum Lernen haben die Arbeiter oft nur drei bis fünf Tage Zeit. Unter Druck entscheidet dann meist das Bauchgefühl.

So passierte es etwa, dass das berühmte Bild des nackten Napalm-Mädchens von Facebook gelöscht wurde – ein Bild, das die Kriegsgräuel im Vietnam dokumentiert. Oder eine Künstlerin gesperrt wird, weil sie Trump nackt zeichnete und postete. „Mit einem sehr katholischen Weltbild guckst du anders auf Nacktheit. Wenn der Ausschnitt zu tief ist, ist das schon obszön, das sehen wir in Europa anders.“ Ebenso was Gewalt betrifft, so wurden Beweisvideos aus dem Syrien-Krieg als IS-Material klassifiziert und zensuriert.

Für einzelne Länder gelten ohnehin gesonderte Löschregeln, die auf Druck der Regierungen entstehen. Die Konzerne gehen darauf ein, um nicht blockiert zu werden, da sie so Nutzer verlieren würden. All das sollte die Menschen in demokratischen Gesellschaften beunruhigen. Skandalös finden es die Regisseure, wie die Verantwortung für die digitale Öffentlichkeit Privatunternehmen überlassen wird. Das einzige Ziel sei es, Business zu machen – und dabei machen sie viele Fehler, gefährden Demokratien.

Kein Wertekonstrukt

Aber was wäre die Lösung? „Ein Wertekonstrukt über die Welt zu spannen ist extrem kompliziert, wir teilen ja nicht in allen Ländern das gleiche“, sagt Block. Würde es etwa Facebook ernst meinen, müsste Mark Zuckerberg ähnlich wie bei den Vereinten Nationen Repräsentanten aller Staaten an einen Tisch setzen und darüber diskutieren, auf welchen Konsens sie sich einigen können. „Aber diese Fragen werden nicht gestellt.“

Ob sich die Filmemacher nach all dem nicht am liebsten vom Medium verabschieden wollen? Beide winken ab. Wenn man sich entscheidet, nicht mehr dabei zu sein, ist man nicht mehr Teil der gesellschaftlichen Debatten. An diesen müsse man teilnehmen und aktiv die Plattform kritisieren und hinterfragen. Die Konzerne selbst haben jedenfalls keine große Lust auf solche Debatten. Alle Anfragen wurden ignoriert.

Wenig Interesse gibt es auch für das Schicksal der „Cleaner“, die täglich mit Hass und Grausamkeiten im Netz konfrontiert sind. Das Sichten hinterlässt Spuren: Schlaflosigkeit, Angst-Attacken – manche Moderatoren trauen sich nicht mehr in die Öffentlichkeit, weil sie der menschlichen Natur misstrauen. Die Suizid-Rate ist dementsprechend hoch, weil sie vieles mit sich selbst ausmachen, berichtet Hans Block. Psychologen in Manila sowie im Berliner Traumazentrum haben ihnen bestätigt, „was die Menschen machen, kann man mit der Arbeit von Soldaten vergleichen, die von Kriegseinsätzen zurückkommen“.