Leben
06.11.2015

Supervision hilft, wenn Lehrer an ihre Grenzen stoßen

Gute Lehrer sind mehr als bloße Wissensvermittler: Sie sehen das Kind in seiner ganzen Persönlichkeit und steigern so den Lernerfolg. Supervision unterstützt dabei.

Werner Marek ist ein begeisterter Lehrer: "Es ist ein wunderbarer Beruf mit vielen schönen Momenten. Dennoch gibt es Situationen, in denen wir Pädagogen an unsere Grenzen stoßen."

Solche Situationen kennt jeder Lehrer: Da gibt es das Kind, das den Klassenkasperl gibt. Oder das Mädchen, das dauernd andere haut; den Buben, der immer tratscht und nie Hausübungen bringt. Auch verhaltensauffällige Kinder werden für viele Pädagogen häufig zu einer Herausforderung.

In solchen Fällen nutzt Marek die Supervision, um professionell zu reagieren: "Dort erhalte ich keine Gebrauchsanweisungen, nach dem Motto: Das ist das Problem, und so sieht die Lösung aus. Wir arbeiten vielmehr gemeinsam mit Kollegen und Supervisoren Möglichkeiten aus, wie man reagieren kann. Wenn man danach wieder zu seinen Schülern geht, wird der Unterricht besser."

Mit Kopf und Herz

Eine, die Lehrerinnen und Lehrer professionell bei ihrer Arbeit betreut, ist die pensionierte Volksschuldirektorin und Supervisorin Elfriede Bauer. Sie ist überzeugt: "In allen sozialen Berufen ist Supervision unerlässlich, auch für Lehrer." Denn: "Die Aufgabe der Pädagogen ist ja nicht nur, den Kopf des Kindes zu erreichen. Ein guter Lehrer betrachtet ein Kind in seiner Gesamtheit, mit seinen Stärken und Schwächen. Wenn er das schafft, steigert er den Lernerfolg."

Supervision bedeute immer auch, dass Lehrer das eigene Verhalten reflektieren und sich ihre eigene Geschichte, ihre persönlichen Werte und Einstellungen bewusst machen. Aus Erfahrung weiß Bauer: "Wer sich Gedanken über sich und seine Schüler macht, geht beim nächsten Mal ganz anders ins Klassenzimmer. Der Lehrer sieht das Kind plötzlich mit anderen Augen und geht anders auf dieses zu. Das macht den Unterschied."

Werner Marek kann das bestätigen. Aber nicht nur im Klassenzimmer, auch innerhalb eines Lehrerteams kann Supervision hilfreich sein: "Allzu oft verstehen sich Pädagogen noch als Einzelkämpfer ", sagt Bauer. Dabei wird Teamteaching, bei dem zwei oder mehr Lehrer gemeinsam in der Klasse stehen, immer üblicher. In der Neuen Mittelschule ist es bereits selbstverständlich.

Auch Lehrer Marek arbeit oft im Team: "Die Arbeit funktioniert dann besser, wenn sie von einem Profi begleitet wird", sagt er. "In Diskussionen mit Kollegen erweitere ich mein eigenes Weltbild und erkenne, verstehe das der anderen. In so manchen Supervisionsgesprächen entstehen plötzlich Vertrauen, Respekt und Verständnis für die Bedürfnisse der Kollegen und Kolleginnen. Zum Beispiel dann, wenn ich mitbekomme, welchen Schwierigkeiten sie sich täglich stellen müssen. Wenn Lehrer miteinander können, wirkt sich das natürlich positiv auf den Unterricht aus."

Sowohl Lehrer Marek als auch Coach Bauer sehen deshalb die Supervision als einen wesentlichen und wichtigen Bestandteil einer erfolgreichen Schulentwicklung. Denn: "Schule ist mehr, als ,nur‘ zu unterrichten. Die Pädagoginnen und Pädagogen einer modernen Schule sind Mentoren ihrer Schüler, sie geben Hilfe zur Selbsthilfe." Doch obwohl die Supervision ein wichtiger Beitrag zur Professionalisierung des Lehrerberufs ist, ist sie noch keine Selbstverständlichkeit (siehe rechts). Im Gegenteil: Oft müssen Lehrer diese sogar selbst finanzieren.KURIER.at/leben

Hilfe für den Lehrer ist noch nicht selbstverständlich

Die Supervision als wichtigen Bestandteil der Lehrerausbildung – das fordert die Österreichische Vereinigung für Supervision (ÖVS) seit Jahren. Denn: Jeder Pädagoge sollte sich schon früh mit der Berufswahl, mit seiner eigenen Persönlichkeit sowie mit seiner Rolle als Lehrer beschäftigen.

Auch berufsbegleitend müssten Lehrer und Lehrerteams gecoacht werden, lautet eine Forderung. Dadurch könnte Burn-out bei Pädagogen verhindert und die Qualität des Unterrichts verbessert werden. Deshalb fordert die ÖVS, dass die Schulbehörden entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.

Wer eine Supervision wünscht, kann sich an die Pädagogischen Hochschulen oder deren Beratungszentren wenden. Coaches in freier Praxis müssen meist vom Lehrer selbst bezahlen werden. Wer in der Fortbildung eine Supervision macht, bekommt diese wenigstens zum Teil erstattet. www.oevs.or.at