Leben
05.07.2017

Babys natürlich zur Brust nehmen

Laut Umfrage sieht jeder Vierte das Stillen in der Öffentlichkeit skeptisch. Eine Kampagne soll helfen.

Alltag für junge Mütter: Sie sind mit dem Baby unterwegs, das Kind wird hungrig, will sofort essen, schreit. Zum Glück hat es die Natur so eingerichtet, dass Mamas Milch jederzeit verfügbar ist. Doch jede zehnte Mutter stillt ab, weil die ablehnende Haltung in der Öffentlichkeit sie stört, ergab jetzt eine Umfrage der Nationalen Stillkommission in Deutschland. Kein Wunder: Sechs Prozent der Bevölkerung lehnt Stillen in der Allgemeinheit ab, jeder vierte Befragte steht dem öffentlichen Füttern zwiespältig oder ablehnend gegenüber.

Mit einer Kampagne will die deutsche Stillkommission für mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit und für mehr Selbstbewusstsein bei Müttern werben: "Stillen kann nicht warten", ist eine der Kernbotschaften der Kampagne. So will das Ernährungsministeriums auch betonen: "Stillen ist gesund."

Mit gutem Vorbild ging die australische Parlamentsabgeordnete Larissa Waters voran und gab ihrer Tochter im Sitzungssaal die Brust, bis vor Kurzem war es dort verboten. In Wien hingegen wurde erst kürzlich eine Mutter mit einem 12 Wochen alten Baby im Restaurant des Schönbrunner Bades ersucht, "diskreter zu stillen" (der KURIER berichtete). Sie verließ das Lokal protestierend und erntete Zustimmung auf Facebook.

"Blöd angesprochen"

Durch ihre Mode-Kollektion für stillende Mütter hat Nici Pederzolli-Rottmann viel Kontakt mit Jungmamas: "Jede wurde schon blöd angesprochen, wenn sie ihr Baby gefüttert hat. Eine hat erzählt, dass sie im Zug angeredet wurde. Aber was hätte sie denn dort tun sollen?" Die Frauen bemühten sich, dezent zu stillen, meint sie, "aber manchmal müssen sie ihr Oberteil öffnen und dann sind Brust oder Rücken frei. Wenn das Kind schreit, ist das eine Stresssituation. Das sollte durch die Umwelt nicht noch verstärkt werden." Sie erinnert sich, dass sie ihr schreiendes Kind sogar in der Kirche vor der Taufe stillen musste.

Mit ihrer Schwester Marisa Zanon sorgte sie für Aufmerksamkeit, als sie bei der TV-Show "2 Minuten – 2 Millionen" Investor Peter Haselsteiner für dasMama-Modelabel "zippidoo"begeisterte. Bei den Kleidern und Shirts sorgen Zippverschlüsse im Brustbereich dafür, dass Mütter ihr Baby einfach, schnell und unauffällig an die Brust legen können.

Die Idee stammte von ihrer Schwester, einer Volksschullehrerin: "Es ging ihr gar nicht darum, beim Stillen nicht aufzufallen. Sie hat ihr Baby im Winter bekommen und wollte nicht zu viel vom T-Shirt aufmachen, damit es nicht kalt wird. Außerdem trägt sie gerne Kleider und das war beim Stillen gar nicht möglich."

Aus eigener Erfahrung kennt die dreifache Mutter den Stress, einen Platz zum Stillen zu brauchen: "Oft nehmen Mütter das Baby mit, weil sie mit einem älteren Kind Programm machen, da können sie sich nicht so leicht irgendwohin zurückziehen."

Das Bewusstsein für Mütter mit Still-Babys wächst jedoch. Moderne Shoppingcenter richten nicht nur Wickelräume sondern auch einen Stillraum mit Sitzgelegenheit ein. Die Schweizer Smartphone-App "mamamap" zeigt Müttern geeignete Still-Orte in ihrer Umgebung an. Initiativen in Australien, Großbritannien und Irland lösen das Problem durch Sticker, mit denen sich Kaffeehäuser oder Friseurgeschäfte als "stillfreundlich" zu erkennen geben. Auch die Babyindustrie ist kreativ, um den Müttern das Leben zu erleichtern: Coole Stilltücher zum Umhängen können nach dem Füttern auch als Schal oder als Lichtschutz im Kindersitz verwenden werden.

Das Thema Stillen polarisiert jedoch weiterhin, ärgert sich Pederzolli-Rottmann. Sie kann die Aufregung nicht nachvollziehen: "Auf Werbeplakaten werden oft halb nackte Frauen abgebildet – und da sieht man mehr vom Körper als bei einer Mutter, die ihr Baby stillt."