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Verluste
12/15/2018

Das ist der beste Bruder der Welt

Marcel verlor am Tag seiner Geburt seine Mutter – und neun Jahre später seinen Zwillingsbruder.

von Laila Daneshmandi

Marcel mag seinen Geburtstag nicht feiern. Wenn er Luftballons sieht und Geschenke auspacken soll, fängt der Neunjährige an zu weinen. Am Tag seiner Geburt ist seine Mutter gestorben – Komplikationen nach einer Schwangerschaftsvergiftung. An seinem neunten Geburtstag ist sein Zwillingsbruder Daniel gestorben. Marcel mag diesen Tag nicht feiern.

Die Zwillinge wurden per Not-Operation geboren, sie waren schwer unterversorgt. Zuerst wurde Marcel geholt, dann Daniel. Sie waren Monate auf der Intensivstation bevor ihre Oma Helena Unger sie zu sich und ihrem Mann holen konnte. Sie hat ihre Tochter Beate verloren – und zwei Enkel mit schweren Behinderungen bekommen.

In dem Reihenhaus in Wien-Floridsdorf hängen überall Fotos von den Buben. Vor Beates und Daniels Foto stehen Kerzen. Frau Unger schiebt den Rollstuhl in das gepflegte Wohnzimmer und hebt Marcel zu sich auf die Couch. Sie ist keine große Frau, aber auch Marcel ist für sein Alter zart gebaut. Er schmatzt und schnalzt mit der Zunge. „Du hast Durst“, sagt sie und gibt ihm mit einer Babyflasche Saft.

Er freut sich über die Gäste und hebt die Arme, strahlt über das ganze Gesicht und gluckst vor Freude. „Er ist gerne im Mittelpunkt und will überall dabei sein – auch beim Kochen oder Staubsaugen“, erzählt seine Oma. Auf seinem Shirt ist ein Tiger, es ist beim Trinken etwas schmutzig geworden.

Wenn Frau Unger ihre Geschichte erzählt, macht sie immer wieder eine kurze Pause, um nicht die Fassung zu verlieren. Sie erzählt von der normalen Schwangerschaft ihrer Tochter Beate, wie sie in der 36. Schwangerschaftswoche plötzlich Schmerzen hatte, zusammengebrochen ist. Sie erzählt, wie sehr die Zwillinge in ihren ersten Wochen um ihr Leben gekämpft haben und wie sie ihren Job aufgegeben hat, um für sie zu sorgen. Sie erzählt, wie sie um jeden Cent kämpfen musste, weil sie wegen der Waisenpension und des Pflegegelds keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und Mindestsicherung hatte. „Man schaut, dass man ihnen Liebe gibt und funktioniert.“

Er kann es nicht leiden, wenn die Oma traurig ist

Marcel wird an ihrer Seite unruhig. Er kann es nicht leiden, wenn die Oma traurig ist. Sein Opa bringt ihn ins Nebenzimmer und lenkt ihn ab: Sie suchen ein Shirt, das er später für die Fotos anziehen kann. „Marcel ist sehr dickköpfig. Er will auch beim Shoppen immer selbst seine Kleidung aussuchen.“

Im Prinzip unterscheidet sich ihr Alltag nicht viel von dem mit Kleinkindern: „Ich muss sie füttern, wickeln, baden – sie werden einfach nie erwachsen.“ Frau Unger spricht noch immer in der Mehrzahl.

Sie kann es noch nicht fassen, dass Daniel vor wenigen Monaten gestorben ist. Nach einer schweren Mittelohrentzündung musste ihm ein Zahn entfernt werden, es folgte ein Spitalsaufenthalt, kurz darauf ist er plötzlich zusammengesunken. „War klar, dass er nicht lang leben wird“, sollen die Ärzte zu Frau Unger gesagt haben. Sie greift wieder zu einem Taschentuch. „Neun Jahre ist nicht kurz. Er hat neun Jahre gelebt.“

Jeder im Raum muss schlucken

Auch Marcel vermisst seinen Zwillingsbruder sehr. Immer wieder sucht er nach ihm, wird unruhig. „Wir versuchen ihn dann abzulenken und gehen mit ihm Straßenbahn- und U-Bahnfahren. Das mag er sehr.“

Sein Opa rollt ihn wieder ins Wohnzimmer, Marcel hat sich ein neues Shirt ausgesucht. Er strahlt vor Stolz, als seine Oma ihn umzieht. „Best Brother in the Universe“ (Bester Bruder der Welt, Anm.) steht da drauf. Jeder im Raum muss schlucken.

Für seine Oma ist er der Mittelpunkt der Welt. Darüber, dass Marcel mit den Jahren größer und schwerer wird, macht sie sich keine Sorgen. „Die Oma schafft das schon. Sie muss es schaffen.“

Helfen Sie mit - Stiftung Kindertraum

Seit 1998 erfüllt die Stiftung Kindertraum Kindern mit Behinderungen oder schweren Krankheiten Herzenswünsche. Das Geld stammt aus Spenden und Erlösen von Benefizaktionen.

Ein Augensteuerungsgerät soll Marcel dabei helfen, besser mit seiner Außenwelt zu kommunizieren (Kosten ca. 26.000 €). Er könnte dann mit den Augen den Computer steuern wie mit einer Maus.

Spendenkonto: Stiftung Kindertraum

IBAN: AT10 6000 0000 9011 8500

Kennwort: Marcel

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