© Kurier/Gerhard Deutsch

Leben
06/29/2019

Sprühen vor Glück: Street-Art-Star Nychos kommt ins Museum

30 Wiener Graffiti-Künstler sind über den Sommer beim "Takeover" im Wien Museum zu sehen.

von Barbara Mader

Wenn die Straße zur Galerie wird, kann die Galerie zum Problem werden. In New York, sagt Street-Art-Künstler Nychos, haben Sprayer einen schweren Stand. Per se nichts Neues. Doch heute misstraut man ihnen aus anderen Gründen als früher. Galten ihre Straßenmalereien einst als Zeichen für das Verwahrlosen einer Gegend, so beobachtet man heute das umgekehrte Phänomen: Gute Street Art gilt als Zeichen von Gentrifizierung, also Aufwertung eines Viertels – wo gut gesprayt wird, schnellen die Mieten hinauf.

Der Straßenkünstler und das Establishment, das ist eine alte Geschichte. Einer der wichtigsten Vorläufer der Straßenkunst war der Hofkammerbeamte Johann Kyselak (1799-1831), der seinen Namenszug an Wänden in Wien und Umgebung hinterließ. Der erste Star der Szene war der Amerikaner Keith Haring (1958-1990), der es mit Spraydosenkunst von den Fassaden New Yorks ins Metropolitan Museum schaffte. Heute erzielen die Werke des Streetart-Phantoms Banksy Millionen-Beträge.

New York, San Francisco, São Paulo – und der Donaukanal: Die großformatigen Skelett-Bilder des gebürtigen Steirers Nychos alias Nikolaus Schuller haben ihn zu einer international anerkannten Größe unter den Street-Art-Künstlern gemacht. Seine Innenansichten von Menschen und Tieren findet man an Wänden vieler Metropolen, seine Street-Art- Galerie „Rabbit Eye Movement“ hat neben der Filiale auf der Gumpendorfer Straße seit drei Jahren auch einen Sitz in Kalifornien.

Dieser Tage ist Nychos wieder öfter Wien unterwegs, in der vergangenen Woche ganz konkret fünfzig Stunden im Wien Museum. So lange hat er ebendort an einem Wandgemälde gearbeitet. Das Haus am Karlsplatz öffnet demnächst ein letztes Mal vor dem Umbau seine Türen. Die Wände in den leeren Räumen gehören jetzt 30 Street-Art-Künstlerinnen und Künstlern, die das Stadtbild in den vergangenen 25 Jahren mitgeprägt haben, wie etwa die Künstlerinnen Chinagirl Tile und Frau Isa oder der Wiener Sprayer Tabby.

Nychos ist einer ihrer wichtigsten Vertreter, seine vergänglichen Kunstwerke sind so einprägsam, dass sie trotz ihrer immanenten Flüchtigkeit – Graffitis werden meist binnen kurzer Zeit von anderen Künstlern übermalt– zu Ikonographien der Stadt geworden sind. „Dissection of Sigmund Freud“, ein imposantes Freud-Porträt samt Haut und Knochen, kennt jeder Passant des Donaukanals auf der Höhe Spittelau: Grell, grotesk, gruselig. Und doch auch pittoresk. Ob Mensch oder Tier, neben der Fassade muss das Innenleben, zerlegt in alle Einzelteile, gezeigt werden. Wie ein Kinderbuch, das zum Albtraum wurde, wirken seine überdimensionalen Anatomiestudien.

Und so lassen sich auch seine Murals im Wien Museum beschreiben. An der Außenfassade prangt eine puppenartige Frau im Querschnitt. Innen hat der Künstler erst vor zwei Tagen eine Alligatoren-Wand fertig gestellt. Warum diesmal Reptilien? „Ich brauche die Atmosphäre des Ortes zur Inspiration. Als ich diese leere Wand im Wien Museum gesehen habe, hatte ich augenblicklich die Intuition, dass hier Krokodile schwimmen müssen,“ schildert Nychos.

Sympathischerweise hat der Mitdreißiger, der heute einen Gutteil seiner Zeit in Kalifornien verbringt, nicht vergessen, welcher Ort ihn geprägt hat. „Den Donaukanal hab ich eine Zeit lang ziemlich besetzt“, erzählt er lachend. Von der intensiven, fünfjährigen Auseinandersetzung mit den Betonwänden entlang des Kanals ist heute nicht mehr viel übrig.

„Ich war einer der ersten, die am Kanal gesprüht haben. Langsam sind dann die anderen gekommen, ich habe dort viele Bilder gemacht, die oft am nächsten Tag wieder weg waren, ich habe mich daran gewöhnen müssen. Es gab durchaus Reibereien. Irgendwann war es mir dann egal. Ich weiß heute, dass jedes Bild, das ich male, auch wieder verschwindet. Nichts ist für die Ewigkeit. Wer ein Problem damit hat, darf nicht Straßenkünstler werden.“

Warum der „Freud“ am Donaukanal noch existiert? „Die Nachbarn wollten es behalten.“ Was zur nächsten Frage führt: Was wird aus der Street Art, wenn sie gewünscht und somit zur Auftragskunst wird? Ein Fassadenverschönerungsverein? Nychos schmunzelt. Sein erstes Bild war natürlich nicht legal. Die Strafe ist längst abbezahlt, das Bild gibt’s noch immer. Ausgerechnet an der Wand einer Polizeistation.

Info: Die Ausstellung Takeover. Streetart im Wien Museum ist vom 5. Juli bis zum 1. September 2019 zu sehen. wienmuseum.at

Street Art wird (Eis)salonfähig   

Wenn Sprayer erwachsen und unter Umständen  zum „Weichei“ werden.

Seine erste Leinwand war eine Garage im 14 . Bezirk. Später kamen  der Donaukanal und die Nordbrücke dazu. Heute gestaltet  El Lasso Bühnenbilder,  Kaufhausauslagen und zuletzt sogar einen Eissalon: Das jüngst im Wiener Palais Harrach eröffnete   Eisgeschäft „Vanillas“ ziert ein Schwarz-Weiß-Gemälde des   Künstlers,  umrahmt von einer filigranen  Konstruktion aus Papierzweigen und bunten Blüten.

Der Wiener Otto Girsch alias El Lasso ist seit mehr als  zwanzig Jahren im Street-Art-  und Graffiti-Business. Im bürgerlichen Leben arbeitet er als Bühnenmeister im Theater – was ihn auch zum Gestalten von Bühnenbildern brachte. In der Vergangenheit etwa im Ronacher,  derzeit  bei  „Carmen“ in Winzendorf, das am Donnerstag Premiere hatte. Dass er als ehemaliger Straßenkünstler heute hauptsächlich Auftragsarbeiten macht, ist für ihn kein Problem: Das Heimliche, Illegale, mit dem seine Kunst ursprünglich assoziiert wurde, braucht er heute nicht mehr als Inspiration. „Ich bin 38, habe zwei Kinder und ein Haus am Land.  Da passt es ganz gut, dass ich Aufträge habe und natürlich auch mein eigenes Haus mit Graffitis gestalte.“ Wenn es zeitlich drin ist, darf’s  auch wieder einmal der Donaukanal oder eine der anderen  legalen  Sprayer-Wände Wiens sein.  „Es ist mir  klar, dass ich in der Szene als Weichei abgestempelt werde.  Aber in meinem Alter ist das ok.“ Was er zu jenen Sprayern sagt, die sich weiterhin auf nicht behördlich dafür vorgesehen Plätzen künstlerisch  betätigen? „Ich habe Respekt vor den Leuten. Aber mein Ding ist es nicht mehr.“

Wo Sprayen erlaubt ist, erfahren Sie auf der Website spraycity.at/legal-walls-wien