Leben 18.05.2018

So leben, als gäbe es kein Morgen

© Bild: Getty Images/iStockphoto/BlackbourneA/iStockphoto

Wie lebt es sich mit einem fiktiven Sterbedatum im Kopf? Eine deutsche Autorin hat den radikalen Selbstversuch gewagt.

Stellen Sie sich vor, Sie haben nur noch ein Jahr zu leben. Wie würden Sie die verbleibenden Monate nutzen? Was würden sie aus ihrem Alltag verbannen, mit welchen Menschen am liebsten Zeit verbringen? Die deutsche Journalistin und Buchautorin Alexandra Reinwarth wollte es wissen und setzte sich im Februar 2017 ein fiktives Sterbedatum: den 15. Februar 2018. Am 16. Februar wachte sie auf – und war glücklicher denn je. Seitdem weiß sie: „Jeder Mensch hat zwei Leben – das zweite beginnt, wenn man realisiert, dass man nur eines hat.“

KURIER: Wie kommt man als gesunder Mensch auf die Idee, sich ein fiktives Sterbedatum zu setzen?

Alexandra Reinwarth: Eine Freundin von mir war zum zweiten Mal an Krebs erkrankt. Es war wie immer, wenn man so eine Nachricht hört, ob von Krankheit oder vom Unfall eines Bekannten: kurz schrecken wir dann auf, weil wir merken, dass wir so leben, als hätten wir noch ewig Zeit. Dann besinnen wir uns einen Moment, vielleicht kommt die eine oder andere Erkenntnis, dass man eigentlich einige Dinge anders machen müsste – und dann verfallen wir wieder in den alltäglichen Trott. Bis wieder etwas passiert.

Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich den eigenen Todestag kennt – auch wenn man weiß, dass er nur fiktiv ist?

Das ist schon unheimlich, vor allem, wenn er immer näher rückt. Es war letztlich aber nur ein Trick, um eben nicht permanent zu vergessen, was wirklich zählt, und danach zu handeln – es schärft den Blick ungemein.

Sie hatten bis dato ein glückliches Leben, ein Kind, einen Freund – warum wollten Sie überhaupt etwas ändern?

Ich war nicht unglücklich, aber ich habe schon gemerkt, dass im Alltag die wirklich wichtigen Dinge oft hinten runterfallen. Dass ich oft nicht das mache, was mein Herz mir sagt, sondern das, was die meisten Gründe hinter sich versammelt. Dass ich oft zu vorsichtig bin und lieber nichts riskiere. Aber wenn ich mir vorstelle, ich habe nicht mehr lange zu leben, bin ich geneigt, so zu handeln, wie ich es wirklich möchte. Ohne Angst. Ganz ehrlich: Wenn wir daran denken, wir wir einmal alt mit künstlichem Hüftgelenk im Liegestuhl liegen: Wozu ist dann am Ende die ganze Vorsicht gut?

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Was ist im Leben wichtig? Alexandra Reinwarth (45) wollte es wissen – und wandte einen radikalen Trick an © Bild: Arturo Martinez

Es klingt schön und einfach, dass man sich von allem, was einem nicht passt, trennen soll. Oft ist das aber gar nicht möglich, etwa, weil man keinen anderen Job findet...

Ja. Man kann nur alles dafür tun, einen zu finden. Es gibt aber tendenziell viel mehr Dinge, für die wir eben nicht alles tun – oft einfach, weil wir große Angst vor Veränderung haben und unser Hirn uns dann mit so Sachen beruhigt wie: Es ist schon ok so... Anders wäre es auch nicht besser... Es könnte viel schlimmer sein... Man kann nicht alles haben... Was, wenn es nicht funktioniert... usw. Dann akzeptieren wir erleichtert ein „Es geht halt nicht“, anstatt alles zu versuchen.

Wie ändert sich das Leben, wenn man ständig ein Ablaufdatum im Hinterkopf hat?

Ich hatte so gut wie keine Angst mehr und war bereit, mehr zu riskieren, in allen Bereichen. Ich habe mir einen Traum erfüllt und ein komplett wahnsinniges Projekt begonnen: Zusammen mit  einer Freundin habe ich ein sehr renovierungsbedürftiges Haus gekauft, in das wir unten eine Bar reinmachen und oben ein Bed & Breakfast. Ich  habe aufgehört, mich mit Menschen zu umgeben, die mir nichts bedeuten und ehrlich gezeigt, wie ich mich fühle. Ich habe mich verletzlicher gemacht und das Irre war: Je mehr ich meine Schwächen gezeigt habe, desto stärker fühlte ich mich. Ich habe öfter überlegt, was ich wirklich tun möchte (zum Beispiel eine Freundin auf eine Reise zu einer Beerdigung begleiten) und alles dafür getan (andere Verpflichtungen dafür  abgesagt).  Immer, wenn ich das tat, was ich von Herzen wollte, hat sich das so gut angefühlt, dass ich mehr davon wollte.

Meine Freundin Jana hat sich von der Idee anstecken lassen von der Idee und war plötzlich nicht mehr zu stolz und zu ängstlich, den Typen anzusprechen, der ihr so gut gefiel. Was soll schon passieren? Aller Stolz ist am Ende nicht wichtig, sondern nur, dass man alles versucht hat.

Wie ging es Ihnen, als Sie am Tag nach Ihrem „Sterbetag“, am 16. Februar 2018, aufgewacht sind?

Ich war wahnsinnig glücklich – einfach, weil ich noch einen Tag hatte. Und dann noch einen und noch einen, zumindest wenn alles gut läuft. Ich werde das Kind größer werden sehen, wieder einen Frühling erleben, meine Lieben im Arm halten und wenn ich will noch hundert Hunde adoptieren, einen Blumenladen aufmachen, nach Mexiko reisen oder Gebärdensprache lernen. Das kann ich alles, weil ich das große Glück habe, noch hier zu sein. Sie haben dieses Glück übrigens auch.

Was ist wirklich wichtig im Leben?

Das Herz. Nur das Herz.

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„Das Leben ist zu kurz für später“ von A. Reinwarth ist im mvg Verlag erschienen. 240 Seiten, 17,50 € © Bild: Mvg verlag
( kurier.at , jup ) Erstellt am 18.05.2018