Leben
21.08.2017

Sharing Economy: Wie Teilen allen nützt

Räder, Autos, Werkzeug oder Gartenflächen werden gemeinsam verwendet. Klingt gut. Doch diese Form der Wirtschaft hat auch Schattenseiten.

Haben Sie auch eine Bohrmaschine zu Hause? Sie gehört wie vieles zum Inventar eines Haushalts. Genutzt wird sie nur selten: Im Jahresschnitt ist sie 1 Minute 30 Sekunden im Einsatz. Da liegt die Idee nahe, dass man das Werkzeug anderen zur Verfügung stellt, so lange man es nicht braucht. Internetplattformen und soziale Medien machen es einfach, diejenigen, die Gegenstände und Dienstleistungen anzubieten haben, mit jenen zu vernetzen, die diese Dinge brauchen. Sharing Economy heißt das Phänomen neudeutsch.

Neu ist die Idee nicht. Genossenschaften sind nichts anderes, auch örtliche Maschinenringe oder öffentliche Bibliotheken basieren auf dem Gedanken, dass sich Menschen zusammenschließen und Ressourcen gemeinsam nutzen. Auch Nachbarschaftshilfe gab es schon immer. Neu ist nur, dass durch das Internet weitaus mehr Personen erreicht werden können.

Geteilte Wohnungen

Durch die weltweite Vernetzung sind mittlerweile Plattformen entstanden, die gigantische Skaleneffekte haben, wie das Peter Wieser nennt. Er ist Vize-Abteilungsleiter bei der MA 23 (Wirtschaft, Arbeit, Statistik) der Stadt Wien. Als solcher muss er sich auch mit den Schattenseiten der neuen Wirtschaftsform auseinandersetzen. Geteilt werden nämlich nicht nur Fahrräder oder Bohrmaschinen, sondern auch Wohnungen oder Dienstleistungen: "Früher musste man von Land zu Land ziehen, Niederlassungen gründen und langsam expandieren. Heute hat man mit einer Idee sofort Zugang zum gesamten Weltmarkt. Das erklärt, weshalb alles so schnell geht und solche Maßstäbe erreicht. Konzerne wie Airbnb und Uber werden mit 25 bis 50 Milliarden Dollar bewertet, obwohl die Unternehmen selber gar kein Anlagekapital haben. Sie haben lediglich die Plattform. Airbnb gehört keine einzige Immobilie, Uber kein Auto. Keine schlechte Idee. Was wir aber bemerken, ist die Tendenz zur Monopolisierung. Wenn man sich durchgesetzt und die Konsumenten erreicht hat, ist man der Platzhirsch", stellt Wieser fest. "Solche Monopole schaden letztendlich allen." Das ist nicht das einzige Problem: In Amsterdam gibt es sehr viele Plattformen, die Privatwohnungen für die Touristen anbieten. Für Berlin und Barcelona gilt Ähnliches. Die Folge: Dem Immobilienmarkt werden Wohnungen entzogen, und die Mietpreise steigen, sodass sie für Einheimische unerschwinglich werden. Ein Grund, warum in Spanien derzeit die Wut auf Touristen wächst.

Simon Büchler von der Initiative Leila kritisiert, dass "so Einkommen und Vermögen von vielen abgeschöpft werden, der Großteil des Gewinns aber beim Vermittler bleibt". Solchen Auswüchsen kann die Politik gegensteuern: In Barcelona gibt es mittlerweile hohe Strafen für illegale Vermietungen. In Wien wurde mit Airbnb verhandelt, dass Touristen Ortstaxe bezahlen müssen. Hoteliers sind mit der Konkurrenz dennoch nicht glücklich. Während für sie strenge Auflagen z.B. für den Brandschutz gelten, gelten diese für Privatvermieter nicht. Mit der Grundidee, dass durchs Teilen jeder profitieren kann und Ressourcen geschont werden, haben kommerzielle Firmen also nichts mehr zu tun. Gescheitert ist die Sharing Economy dennoch nicht. Denn es gibt viele, meist kleine Initiativen wie z.B. neighbours.HELP oder auch fragnebenan.com (siehe Beispiele unten), die lokal vernetzen und nicht profitorientiert sind.

Virtuelle Landkarte

Wenig bekannt ist, wie viele solcher Initiativen es gibt, sagt Wieser: "Ein Projekt, an dem wir arbeiten, soll in Zukunft mehr Klarheit schaffen. Wir orientieren uns dabei an der deutschen Idee von i-Share (www.i-share-economy.org), wobei eine Art Landkarte von allen Organisationen gestaltet wurde. Die Palette reicht von Tauschplattformen über Mobilität bis hin zum Crowdfunding. Zuerst wurden Initiativen aktiv gesucht und auf die Seite gestellt. Anschließend konnten sich Unternehmen und Projekte freiwillig registrieren. Das Gleiche soll für Wien gemacht werden, damit wir uns einen besseren Überblick verschaffen können. Es soll noch dieses Jahr noch fertiggestellt wird."

Bei allen Bedenken: Die Sharing Economy bietet viele Chancen. "Konzepte wie Carsharing helfen bei der Entlastung des Verkehrs und bei einer effizienteren Nutzung der Ressourcen. Doch auch gut Gemeintes funktioniert nicht immer. Beispiel Bohrmaschine: Die sind gar nicht für den täglichen Gebrauch gebaut."

Mitarbeit: Isabella Radich

Registrieren und dann geht’s los

Dass heute ein schöner Tag wird, sieht Hans Erich Dechant, wenn er auf sein Handy schaut. Eine App prognostiziert 5000 Fahrten für den Tag. "So viele sind es nur bei Schönwetter", sagt der Chef des Vienna City Bikes.

In Wien begann die Geschichte der Leihfahrräder holprig. 2002 wurde " Vienna Bike" gegründet. Da man die Räder nicht an Stationen abgeben und sich registrieren musste, waren sie schnell zerstört und man fand sie in Hinterhöfen und auf G’stetten. Aus Fehlern wurde man klug: 2003 wurde City Bike gegründet – Räder werden nur für registrierte Nutzer angeboten. Anfangs wurden diese von Gewista finanziert, später – als die Räder auch jenseits des Gürtels zu haben waren – übernahm die Stadt die Finanzierung. Mittlerweile gibt es in der Bundeshauptstadt 121 Stationen, an denen man sich eines von insgesamt 1500 Radl’n ausleihen kann. Die erste Stunde ist gratis.

Die meisten Nutzer sind Wiener, nur elf Prozent sind Touristen, wie Dechant weiß. Auf mehr als einer Million Fahrten wurden im vergangenen Jahr 3,7 Millionen Kilometer zurückgelegt. Wien war sozusagen ein Pilotprojekt – die Gewista exportierte die Idee nach Paris und Lyon. Dort hat man nachgerechnet, was jeder davon hat, wenn die Räder allen zur Verfügung stehen: Rund 2000 Autos fahren seither täglich weniger in die Innenstadt von Lyon.

Zur freien Entnahme

Plötzlich stand mitten am Gehsteig in Wien -Neubau ein volles Bücherregal mit Glastür. Erster Gedanke kritischer Geister: Morgen ist alles leer geräumt. Aber der Künstler Frank Gasser hatte Recht mit seiner Initiative: Die "Offenen Bücherschränke" funktionierten. Manche Menschen nehmen Bücher heraus, manche legen welche hinein – der Markt regelt sich selbst. Ein Stempel sorgt dafür, dass "das Buch dauerhaft dem Warenkreislauf, also dem Tausch gegen Geld, entzogen ist", so die Erklärung. Regelmäßig werden Ladenhüter und verbotene Bücher entsorgt.

Ohne Geld geht die Gratis-Aktion jedoch nicht. Die speziell entworfenen Bücherschränke müssen aufgestellt und gewartet werden; einer wurde vor fünf Jahren sogar vom Maler Hermann Nitsch neugestaltet."Mir ging es weniger um die Bücher als darum, im öffentlichen Raum etwas zu tun, das nichts mit Geld zu tun hat", erklärte Gasser damals.

Tatsächlich lässt sich das Entnahme-Konzept auch auf andere Waren anwenden. In mehr als 30 "Fairteilern" in Wien können Menschen übrig gebliebene, aber noch haltbare Lebensmittel hineinlegen. Meist steht der wohltätige Kühlschrank bei einer Organisation wie der Volkshochschule oder in einem Bio-Geschäft, wo sich jemand darum kümmert (www.foodsharing.at).

Daniela Davidovits

Leitern, Surfbrett oder Bohrmaschine: In Hernals ist alles da

Die Idee kam aus Berlin. Auf einer Konferenz für Nachhaltigkeit haben Simon Büchler und einige Kollegen das Konzepts des Leihladens kennengelernt und später nach Wien gebracht.

Sieben Studenten und Studentinnen haben sich vor drei Jahren zusammengetan, um den Leihladen Leila ( leihladen.at) zu gründen. In der Herbststraße in Hernals sammelten und sammeln sie funktionierende Dinge, die man nur selten braucht: Angefangen von der Säge über die Bohrmaschine bis hin zu Musikinstrumenten, Fondue-Sets oder Faschingskostümen findet man hier alles. Auch Gästebetten oder Adapter für den Urlaub können ausgeliehen werden. Insgesamt 600 Artikel werden gelagert.

90 Prozent geschenkt

"So gut wie alles stammt aus Privatbesitz. Die meisten Dinge, fast 90 Prozent, bekamen wir geschenkt, weil die Menschen sie nicht mehr benötigen. Manchmal wollen sie ihre Dinge auch wiederhaben. So ist zum Beispiel eine Dame mit einem Tandem gekommen, auf dem sie oft mit ihrer Tochter gemeinsam geradelt ist. Später will sie es einmal mit ihrer Enkeltochter nutzen. So bleibt es in Gebrauch und wird zudem von uns regelmäßig gewartet", erzählt Büchler.

Den Studenten und Studentinnen geht es um mehr als nur ums Teilen. "Wir wollen, dass die Menschen ein Bewusstsein entwickeln, wie wir mit Ressourcen umgehen und wie wir sie schonen können. Zudem wollen wir die Menschen miteinander verbinden", sagt Simon Büchler. "Communitybuilding" nennt er das. Derzeit sind 160 Hernalser Teil dieser Initiative. An zwei Nachmittagen in der Woche – dienstags und freitags – hat der Leihladen geöffnet. Büchler und Kollegen investieren dafür 20 Stunden pro Woche: "Zehn Stunden haben wir geöffnet, zehn Stunden benötigen wir für die Reinigung und Wartung der Geräte."

Wer den Service nutzen will, muss einmal im Jahr 24 Euro (ermäßigt) bzw. 36 Euro bezahlen. Wer sich das nicht leisten kann, kann den Betrag auch abarbeiten, in dem er etwa Putzdienst leistet.

Nicht umsonst

Das Team arbeitet zwar unentgeltlich. Dennoch sehen sie auch für sich einen nutzen: "Wir haben alle sehr viel gelernt", ist Büchler überzeugt: "Wie man ein Team zusammenschweißt, wie Projektmanagement funktioniert, haben wir hier live mitbekommen. Auch Gründungsprozesse und wie man etwas organisiert, haben wir trainiert." Und auch Handwerkliches wird geübt, wenn zum Beispiel ein Fahrrad auf Vordermann gebracht werden muss.

Stadtbewohner mit grünem Daumen

Mitten in der Wiener Leopoldstadt wachsen hohe Sonnenblumen, daneben Tomatenstauden und Karotten. Dass sie so gut gedeihen ist Anrainern mit grünem Daumen zu verdanken. Überall sprießen urbane Gärten im öffentlichen Raum, in denen Nachbarn ihre Gartenträume verwirklichen. Das Wiener Stadtgartenamt hat eine eigene Anlaufstelle für Interessenten geschaffen.

Der private Verein Gartenpolylog initiiert und begleitet solche Gemeinschaftsgärten. "Dabei spielt nicht nur das Gärtnern eine Rolle, sondern auch das gemeinsame Arbeiten und die Mitgestaltung des Stadtteils", heißt es dort. Auf der Online-Gartenkarte kann man sich über laufende oder neue Projekte informieren. Manche sind auf eine Zielgruppe beschränkt wie der Nova-Garten für die Schüler und Eltern der gleichnamigen Ganztagsvolksschule oder der Sonnenblumen-Garten für die Bewohner einer Hausanlage. Neben dem Augartenspitz wurden 120 Beete heuer an Interessenten verlost.

Öko-Wandel

"Urbane Gärten sind Teil eines gesellschaftlichen Wandels und wir verfolgen leidenschaftlich das Ziel, grüne Räume der Begegnung und der Vielfalt zu verbreiten", heißt es bei Gartenpolylog. Im Leitbild sind die großen Ziele festgehalten: "Wir sehen uns als Teil einer Bewegung, die den sozialen, ökologischen und ökonomischen Wandel der Gesellschaft vorantreibt. Der sparsame Umgang mit Ressourcen ist uns wichtig, daher fördern wir in unserer Arbeit Ideen wie Recycling, Do-it-yourself (DIY), sparsamer Umgang mit Wertstoffen, Flohmärkte und Tauschbörsen."

Nicht alle gemeinsame Grünflächen zeigen sich im Stadtbild: In den Städten boomen Gemeinschaftsterrassen am Dach, auf denen die Bewohner Pflanzen anbauen. Sehr begehrt sind auch Selbsternteflächen am Stadtrand, auf denen jeder Hobbygärtner eine eigene Parzelle pachtet und dort sein Obst und Gemüse erntet.

Daniela Davidovits

Hilfe von den Online-Nachbarn

Von Französisch-Nachhilfe über Hundesitting bis hin zum Verleih von Rasenmähern – die Website neighbours.HELP bietet eine Plattform für jegliche Art von Aufträgen. "Jeder Nutzer, der bei irgendetwas Hilfe benötigt, soll hier fündig werden", erklärt Patrick Schranz, Hauptinitiator des Projekts. Nachbarschaftshilfe war für den Burgenländer schon immer selbstverständlich gewesen, weshalb er "den Gedanken der unkomplizierten, gegenseitigen Hilfe im ländlichen Bereich in die Großstadt bringen wollte". Nutzer der Plattform können Aufträge in neun verschiedenen Kategorien erstellen und auch annehmen. Sucht man beispielsweise jemanden, der einem beim Ausmalen hilft, so schickt neighbours.HELP Mitgliedern, die sich in der Kategorie "Handwerk" eingetragen haben, eine Nachricht. Diese können sich beim Auftraggeber melden und ihre Hilfe anbieten.

"Der Vorteil dabei ist, dass man nicht selbst stundenlang im Internet nach passenden Helfern suchen muss, sondern in wenigen Minuten eine Anfrage erstellt und aus mehreren Bewerbern auswählen kann", meint Schranz. Ob man für die erbrachte Arbeit ein Entgelt verlangt oder sich einfach auf einen Kaffee einladen lässt, bleibt den Helfern selbst überlassen. Wichtig ist das Miteinander und die gegenseitige Unterstützung.

Isabella Radich