Leben
22.05.2018

Self-Tracker für den Schlaf: Wenn die App für Unruhe sorgt

In welchen Bereichen Gesundheits- und Fitnessapps sinnvoll sind – und wann es besser ist, sie nicht zu verwenden.

Sie liegen mehr denn je im Trend: Mini-Sensoren, Smartphone-Apps und Tracking-Geräte, die die eigene Fitness und das Wohlbefinden überwachen. Gesundheitsbezogene Apps zeigen hohe Wachstumsraten, heißt es in einer großen Studie zum Thema „ Selbstvermessung“ der Schweizer Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss). Vermessen werden mittlerweile nicht nur Pulsfrequenz, zurückgelegte Schritte oder Höhenmeter, sondern etwa auch der Nachtschlaf oder Stress.

Menschen, die regelmäßig solche Tools verwenden, werden von Trendforschern „Selbstoptimierer“ genannt. „Es sind Personen, denen bewusst ist, dass sie selbst etwas zu ihrem Wohlbefinden beitragen können. Das bezieht sich heute auch auf Körper, Geist und Seele“, sagt die deutsche Trendforscherin Corinna Mühlhausen, die regelmäßig Reports zum Thema „gesunder Lebensstil“ veröffentlicht. Man „coacht“ sich also selbst. Mühlhausen ist überzeugt, dass die Selbstoptimierer-Community stetig wächst. „Weil es heute auch darum geht, nicht nur höher, schneller und weiter zu kommen, sondern – im Gegenteil: langsamer, bewusster, ruhiger zu werden. Damit hat sich die Gruppe derer, für die solche Tools interessant sind, erweitert.“

Gereizt durch Tracker

Der Trend hat allerdings auch seine Tücken. Eine Studie, die vor Kurzem im „Journal of Clinical Sleep Medicine“ veröffentlicht wurde, berichtet von einer neuen Störung namens „Orthosomnia“.

Davon betroffen sind Menschen, die Schlaftracker benützen, um ihren Nachtschlaf zu analysieren. Der gewünschte Effekt, besserer Schlaf, bleibt laut Studienautoren allerdings aus. Eher passiert das Gegenteil: Patienten berichten, dass sie aufgrund der Tracker-Daten an sich selbst Schlafstörungen diagnostizieren und deshalb zum Arzt müssen. Die Daten, die die App ausspuckt, wirken sich also auf das subjektive Erleben des Schlafes und die dadurch empfundene Erholung negativ aus. So wird etwa ein Fall geschildert, in dem ein Mann berichtet, dass er sich immer gereizter und unkonzentrierter fühle und Tagesmüdigkeit verspüre. Der Tracker würde ihm schließlich sagen, er hätte zu wenig geschlafen. Er erzählte auch vom Druck, den die App auf ihn mittlerweile ausübe. „Gerade für Menschen mit Schlafstörungen sind solche Tools kontraproduktiv, weil es beim Schlaf viel eher darum geht, loszulassen und abzuschalten. Ein Tracker versetzt in eine Leistungssituation. Was im Sport durchaus gut sein kann“, sagt der Sportpsychologe Christopher Willis.

Ähnliches gilt für Stress-Tracker, bei denen dazukommt, dass sie technisch noch nicht genug ausgereift sind. Stress ist eben ein hochkomplexes Phänomen, das die derzeit auf dem Markt befindlichen Systeme nicht in seiner Gesamtheit erfassen können. Noch nicht.

Stress schwer messbar

„Stress ist auch mit einer emotionalen Komponente verbunden, etwa mit dem subjektiven Gefühl der Überforderung. Das über physiologische Marker sichtbar zu machen, ist möglich, aber sehr komplex und muss individuell differenziert werden. Hier ein Tool zu entwickeln, das für jedermann nach Kauf leicht einsetzbar ist, ist aus meiner wissenschaftlichen Perspektive derzeit schlichtweg nicht möglich, weil die Qualität der Rückmeldungen vielfach noch zu schlecht sind“, sagt Björn Krenn vom Institut für Sportwissenschaft, Abteilung Sportpsychologie, Uni Wien.

Die Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die die erwähnte Selbstvermessungs-Studie für TA-Swiss machten, fordern deshalb die Einführung eines Qualitätslabels für Tracker im Lifestylebereich. Konsumentenschutz- und Patientenorganisationen müssten diese Tools nicht nur auf Datenqualität oder Nutzerfreundlichkeit abklopfen, sondern auch das heikle Thema Datenschutz berücksichtigen.

Generell begrüßen Sportpsychologen aber die Nutzung von Self-Trackern. „Für den Leistungs-, aber auch therapeutischen Sport sehe ich das positiv, weil sie das Durchhaltevermögen, die Motivation und den Spaßfaktor unterstützen“, sagt Willis. Dazu kommt, dass sie bei der so genannten Selbstwirksamserzeugung helfen würden, so Willis. Und weil sich nicht jeder einen Personal Coach leisten könne, würden diese Geräte und Apps Menschen dabei unterstützen, dranzubleiben,. "Als Einsteiger kann man damit sehr gut in ein Training hineinfinden und hilft in der Folge, Verhaltensroutinen aufzubauen", sagt der Sportpsychologe.  Außerdem können diese Tools, richtig eingesetzt, das Gefühl für den eigenen Körper und dessen Signale fördern. Im Sinne eines Lernprozesses. Eine Art Feedbackschleife. „Hier muss ich aber schauen, was mir die Daten sagen, wie ich mich fühle und wie das zu meinem Empfinden passt. Es geht darum, die Tracker als Parallelsystem zu nützen, um etwas über den eigenen Körper zu lernen, aber nicht die Verantwortung an das Gerät zu delegieren“, sagt Krenn. Was der Sportpsychologe ebenfalls aus der Forschung weiß: Personen, die besser reflektieren, salopp gesagt, besser auf ihre Körpersignale hören können, fühlen sich tatsächlich subjektiv besser und, sind, rein physiologisch betrachtet, auch gesünder.

Corinna Mühlhausen ist ein deutscher Trendcoach und veröffentlicht regelmäßig Reports zum Thema "Gesunder Lifestyle". Der KURIER sprach mit ihr über die immer größer werdende Gruppe der " Selbstoptimierer" und wie sie Self-Tracker einsetzt, um sich besser zu fühlen.

Sie zeichnen das Bild der „Selbstoptimierer“, was ist darunter zu verstehen?

Das ist grundsätzlich jemand, dem es bewusst ist, dass er selber etwas beitragen kann, dass es ihm gut geht. Und das bezieht sich beim Selbstoptimierer keinesfalls nur auf die äußere Hülle, also auf das Aussehen, sondern tatsächlich auf Körper, Geist und Seele.

Wird diese Gruppe immer größer?

Ja, die wird definitiv größer, vor allem aber aus dem Grund, weil das, was wir unter Selbstoptimierung verstehen, nicht mehr das gleiche ist, wie zu Beginn der Entwicklung. Als wir vor einigen Jahren medial aufgeklärt wurden, dass es die Selbstoptimierer gibt, bedeutete dass, einen Fitnesstracker am Arm zu haben und man geht ganz viel laufen und versucht immer schneller und besser zu werden. Dieser Trend hat sich insofern vergrößert, als viel mehr Bereiche unter Selbstoptimierung zusammengefasst werden. Dass es nicht mehr um höher, schneller, weiter geht, sondern – im Gegenteil: langsamer, bewusster, ruhiger zu leben. Damit hat sich die Gruppe derer, für die das interessant ist, erweitert. Der zweite Grund, weshalb es mehr geworden sind, dass es nicht mehr nur um die technologische Überwachung, sondern viel stärker wieder um Gefühl geht. Ich verlasse mich mehr auf mein Bauchgefühl.

Geht die Ära der Fitnesstracker oder Healthtracker wieder vorbei oder ändert sich das permanent?

Nein, Ich glaube nicht, dass sie verschwindet. Im Gegenteil, ich denke, dass diese Geräte smarter werden und dass sie ganzheitlicher messen. Gerade, wenn ich mir anschaue, was es bei Medikationsapps oder Schlaftracking alles gibt, zeigt sich, dass es nicht weniger Geräte werden, sondern die Geräte mehr können und dass es mehr Spezielles gibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in Zukunft für jedes Bedürfnis etwas kommt.

Aber offenbar sind solche Tracker nicht immer sinnstiftend. So zeigte eine Studie, dass Schlaftracker eher verunsichern und zu mehr subjektiv empfundenen Schlafproblemen führen.

Das kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das zu mehr zu Stress führt. Zum einen, weil man die Ergebnisse hat, die man mit anderen Menschen vergleichen kann. Mein Mann, meine Frau haben länger, tiefer etc geschlafen. Dann hat  man noch die Angst, dass das Gerät wirklich alles aufgenommen und registriert hat. Man legt sich hin und muss überprüfen, ob das Gerät mitkriegt, wie toll man gerade geschlafen hat. Das ist ein Backlash. Ich glaube, viele Menschen erkennen, dass sie durch das Weglegen des Geräts ihr Leben viel leichter optimieren können als mit. Das ist der Gegentrend, den es zu jedem Trend gibt. Die Hersteller müssen aufpassen. Die können sich nicht einbilden, dass sie irgendwas auf den Markt bringen können. Das muss vom Menschen her gedacht sein. Auch wie ich an meine Daten komme, und wer die Daten bekommt. Wenn es nicht zu Ende gedacht ist, dann wird es nicht funktionieren.

Wohin wird diese Selbstoptimierung noch führen? Idealerweise wäre ja das Ziel, dass Menschen mehr Körpergefühl und Gespür entwickelt. Das kann aber nicht von Technik abhängig sein, oder?

Nein. Da ist Technik ein Hilfsmittel und die Hersteller, die das so umsetzen, die werden den größten Erfolg haben. Es gibt Gadgets, wo ich mich frage, wie nachhaltig die sein werden. Etwa einen „In-Ear-Foodtracker“, das stecke ich mir in mein Ohr und das Gerät zeichnet meine Kaugeräusche auf. Das ist so eine Spielerei, die schon komisch ist. Man muss sich fragen: Wenn sowas entwickelt wird, was sind die tatsächlichen Bedürfnisse? Wenn man etwa auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien schaut – da ist noch eine breite Entwicklung möglich, dass da kluge Geräte entwickelt werden. Da wird noch was kommen, in diese Richtung gedacht, gibt es noch viel Spielraum nach oben.