Die etwas andere Art, Deutsch zu lernen

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Foto: KURIER/Franz Gruber Filme drehen und vertonen: Das Storyboard und die Figuren stammt von den Schülern selbst <span> </span>

Indem Schüler ihren eigenen Film drehen, trainieren sie Deutsch – und das nebenbei.

Lesen macht plötzlich Spaß. Schließlich ist es eine von ihnen erfundene Geschichte, die die Schüler der 4 C Dietmayrgasse Wien-Brigittenau laut vorlesen. Jetzt sitzen sie im Tonstudio des Kindermuseums Zoom und vertonen ihren Film: "Protheus. Die letzte Hoffnung der Menschheit" lautet der Titel.

In drei Sprachen haben die Buben und Mädchen die Geschichte synchronisiert: Deutsch, Türkisch und BKS (Bosnisch, Kroatisch und Serbisch, Anm.) Die Idee zu dem "Projekt Film" kam von Ulrich Gladt, Klassenlehrer der 4 C. "In unserer Schule haben die meisten Kinder nicht Deutsch als Muttersprache. Deshalb lernen sie ab der ersten Klasse auch in Türkisch und BKS zu lesen und zu schreiben."

Eigentlich geht diese zweisprachige Alphabetisierung nur bis zum Ende der 2. Klasse. "Mir war das zu kurz. Ich wollte das fortsetzen", erzählt er. Und kam dabei auf die Idee mit dem Film: "Ich schlug vor, ein Science-Ficton-Drehbuch zu schreiben. Das begeisterte die Kinder, und es ermöglichte uns, dass mehrere Sprachen benötigt werden." Die Kinder waren mit Feuereifer dabei und haben die von ihnen ersonnenen Figuren selbst aus Fimo – einer Knetmasse – gebastelt.

Dolmetscher

Die Geschichte des Films ist schnell erzählt: Auf der Erde herrscht Hungersnot. Ein Expertenteam reist deshalb auf den Nachbarplaneten, um dort neue Nahrungsquellen zu erschließen. Auf dem Planeten werden andere Sprachen gesprochen – Türkisch und BKS. Zum Glück gibt es auf der Erde Menschen, die diese Sprachen beherrschen. Die werden als Dolmetscher mit auf die Reise genommen.

Lehrer Gladt beobachtete seine Schüler dabei sehr genau: "Bei der Vertonung des Films mussten die Kinder zwischen den Sprachen switchen. Sie hörten sofort, was sie sprachen. Das war lehrreich, weil sie auf Anhieb merkten, wenn sie ein Wort falsch betonten." Das entfachte sofort den Ehrgeiz bei den Kindern: "Sie bemühten sich, korrekt zu sprechen."

Die Schüler haben dabei nicht nur ein besseres Gefühl für Deutsch und ihre Muttersprache bekommen: "Sie entdeckten, dass es kein Makel, sondern ein Vorteil ist, zwei Sprachen zu beherrschen", sagt Gladt. Angenehmer Nebeneffekt des Projekts: Das Klassenklima und der Umgang unter den Schülern hat sich verbessert: "Heute kennen die Kinder z. B. die türkischen Schimpfwörter. Wenn sie die anderen reden hören, haben sie nicht mehr das Gefühl, dass sie schlecht über ihre Mitschüler reden", sagt Vanja Glisic, die BKS-Muttersprachenlehrerin.

Ob sich die Mühe auszahlt, die sich Gladt und seine Kolleginnen gemacht haben? "Das wird die Zukunft weisen", sagt der Lehrer. "Laut Forscher macht sich die zweisprachige Alphabetisierung erst im Alter von 12, 13 Jahren bemerkbar. Dann unterrichte ich die Kinder nicht mehr." In einer Hinsicht hat sich’s jedenfalls ausgezahlt: Der Film wurde im Kino gezeigt. Da waren die Kinder sehr stolz.

Das Engagement der Lehrer ist sicher groß. "Doch an einem halben Tag können wir keine Wunder bewirken", sagt eine Lehrerin. "Wir bräuchten für unsere Kinder eine gute Ganztagsschule mit Angeboten, die sie zu Hause nicht haben: Sport oder eine Lernbetreuung etwa." KURIER.atMorgen: Die PTS Schopenhauerstraße macht fit für den Beruf

Neues Buch

Heidi Schrodt: Für Migranten hat das Schulsystem keinen Plan

Pädagogin Heidi Schrodt fragt, warum so viele Kinder scheitern und nimmt die Politik in die Pflicht.

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Foto: KURIER/Franz Gruber

Migranten sind die Verlierer des Bildungssystems. Das ist nicht erst seit PISA bekannt. Die ehemalige Direktorin Heidi Schrodt ist der Frage nachgegangen, warum das so ist. Das Ergebnis ihrer Spurensuche hat sie in einem Buch zusammengefasst: "Sehr gut oder Nicht genügend. Schule und Migration in Österreich" (Molden Verlag, 19,99 Euro).

Erschreckend ihr Befund über die Verhältnisse, in denen manche Schüler aufwachsen: Das Geld ist zum Teil so knapp, dass nicht jeder in der Familie ein eigenes Bett hat. Weil der Vater nach der Nachtschicht im Bett des Kindes schläft, muss dieses tagsüber in die Schule – auch wenn es krank ist. Sicher ein Extrembeispiel. Doch viele Migranteneltern sind so damit beschäftigt, ihr Leben zu meistern, dass keine Zeit bleibt, sich ums das Kind zu kümmern.

Schrodt bleibt nicht bei der Analyse des Ist-Zustandes. Sie zeigt auch auf, was die Politik tun muss, damit die Migranten nicht abgehängt werden. Schließlich handelt es sich um keine Minderheit. In Wiens Volksschulen sind es fast 60 Prozent.

Schritte setzen

Der Grundstein für eine gute Bildung müsse schon im Kindergarten gelegt werden – dieser soll endlich als Bildungseinrichtung gesehen werden. Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr sei unabdingbar. Das alles bringt aber nichts ohne gute Pädagogen – deren Ausbildung müsse verbessert werden: Von der Kindergärtnerin bis zum AHS-Professor sollte jeder auf dem Gebiet der Mehrsprachigkeit aus- und fortgebildet werden.

Der Unterricht müsse ganz anders aussehen als derzeit: Individuelle Förderung heißt hier das Zauberwort. Dazu braucht es aber mehr Unterstützungspersonal wie Psychologen oder Sozialarbeiter. Eine Änderung der Schulorganisation sei nötig: Ganztagsschulen müsse es langfristig flächendeckend geben – das käme nicht nur Migranten zugute. Ganz wichtig: Mehr Ressourcen für Schulen in sozial benachteiligten Regionen sowie die gemeinsame Schule. Nötig wäre, dass Kinder, deren Umgangssprache nicht Deutsch ist, ein Recht auf intensive Sprachförderung sowie auf einen kostenlosen Schulbesuch bis zum Alter von 18 Jahren haben.

Heidi Schrodt… Foto: /Molden Verlag Sehr gut oder Nicht genügend. Schule und Migration in Österreich, Molden Verlag, 19,99 Euro  

(kurier) Erstellt am
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