Leben
24.12.2017

Sakrale Musik: Die Top 5 für die Feiertage

Stille Nacht ist nicht alles. Wo Religion ist, klingt auch Musik – fast immer. Ein Streifzug.

Die kommenden Tage eignen sich hervorragend, um Neues auszuprobieren – zum Beispiel die schönsten Nummern religiöser Musik. Von Christentum bis Hinduismus, subjektiv, aber liebevoll ausgewählt:

Suite, Op. 5 von Maurice Duruflé - Empfehlung von Organist Wolfgang Reisinger: "Duruflé hat akribisch an seiner Musik gearbeitet. Am Schluss haben Sie eine Toccata, dass Ihnen die Ohren schlackern."

Kantor Azi Schwartz - Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde an der Park Avenue Synagoge verehren ihren jungen Kantor wie einen Rockstar. Sieben Alben hat er bereits aufgenommen. Besonders schön: seine hebräische Version von Leonard Cohens "Hallelujah".

Aarti Kunj Bihari Ki - Eines der populärsten Bhajans, in denen Hindus ihre Liebe zu Gott besingen.

Take My Hand, Precious Lord - Dieser Gospel-Song lässt keinen kalt. Mahalia Jackson sang es auf der Beerdigung von Martin Luther King.

Siyahamba - "We Are Marching In The Light Of God" heißt es im afrikanischen Kirchenlied. Ertönt es im Chor, fällt es schwer, still zu sitzen.

Der Ton einer einzelnen Orgelpfeife ist sanft und gehaucht. Dieser kleine Hauch breitet sich aus, umfließt die Säulen und erobert alle Nischen des Kirchenschiffs. Er trifft den Gläubigen wie den Atheisten. Ein zweiter Ton dazu, viel höher – dann die Wucht der tiefen, langen Pfeifen. Richtig kalt lässt das niemanden.

Religion und Musik sind untrennbar verbunden. Wo eine höhere Macht angerufen wird, bedienen sich Menschen eines Kanals, der stärker und größer ist als das gesprochene Wort. In Naturreligionen bis hin zum Schamanismus treten die Inhalte der spirituellen Musik sogar hinter den Klang. Einheitliches Trommeln setzt die feiernde Gemeinde in Gleichklang, in Trance. Die tiefen wummernden Bässe bei Technomusik funktionieren nach dem gleichen System, eine unsichtbare Verbindung der Gleichgesinnten. Es bedarf keiner Worte, um sich mit dem göttlichen Wesen zu verbinden.

Durch Musik auf ein höheres Niveau

Über solche Wirkungsweisen denkt auch Wolfgang Reisinger nach, während der Organist und Komponist in die Tasten haut: „Jede Religion hat das Bedürfnis, sich mit Musik an Gott zu wenden, weil man das Gefühl hat, dass das Gebet so stärker transportiert wird. Das gesprochene Wort wird durch Musik auf ein höheres Niveau gehoben.“ Das erlebt man, wenn der Zelebrant plötzlich singt. Wenn der Priester zum Sprechgesang wechselt – „deinen Tod oh Herr verküüüünden wir“ – oder der Muezzin mit Sonnenaufgang sein Gebet ansingt oder der jüdische Kantor losträllert. „Die Musik transportiert eine rationelle Aussage auf einer emotionellen Ebene“, nennt das Reisinger.

Die Vermittlung von Botschaften ist aber nur ein Motiv sakraler Musik – sacer ist Latein für heilig, sakral bedeutet heute „dem Religiösem dienend oder zugeordnet“. Dabei unterscheidet man echte Kirchenmusik von jener, die nicht Teil der Messe ist – Händels Oratorien oder Brahms’ Requiem. Besonders in der katholischen Liturgie, aber im gesamten Christentum, dient die Musik dem Gemeinschaftsgefühl. Wenn alle „Grohoßer Gohott, wir lohoben dich!“ anstimmen, geht der Einzelne in der Gemeinschaft auf – eine Urbotschaft, die allerdings erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil so transportiert wird. Mitte der 1960er-Jahre wurde dort die Landessprache in die Messe integriert (statt Latein) und der Gesang vom Priester auf die Gemeinde erweitert.

Chart-Erfolge

Seitdem wird modernisiert und in der Kirche geswingt und verjazzt, kaum eine Hochzeit ohne Whitney Houston, fast jede Taufe von „You’re the Sunshine of my Life“ bis „Circle of Life“. Sogar der Gregorianische Choral, das Töne-Aneinanderreihen der mittelalterlichen Mönche, wurde ausgemottet und feiert Chart-Erfolge.
Im Sinne des erstarkten Gemeinschaftsgefühls feiert derweilen der Chor fröhöliche Urstände, Jungschar-Gospelchoirs bis großes ORF-Wettsingen. Auch der Chor ist mehr als die Summe der einzelnen Teile, plötzlich klingen alle Stimmen richtig, quasi: Der Sünder wird in der Gemeinde aufgefangen.

Stärkung der Gemeinschaft in allen Religionen

Auch im Hinduismus und Buddhismus – aus dem Lotus-Sutra: „Wenn Menschen durch Gesang die Verdienste der Buddhas gepriesen haben, haben auch diese den Buddhaweg erreicht“ – ist das gemeinsame Singen als Stärkung der Gemeinschaft beliebt, allerdings hierarchischer geordnet als im Christentum. Und besonders im Islam wird deutlich, wie unterschiedlich Musik in der Religion verankert ist: Während im Sufismus Instrumente und Tänze zur sakralen Praxis gehören, verurteilen radikale Denkschulen des Islam Musik an sich als Laster.

In der westlichen Welt hingegen schaffte es sakrale Musik sogar aus der Kirche, sagt Reisinger: „Es gibt Manager, die sich im Dienstauto Gregorianische Choräle reinziehen, weil es sie beruhigt. Die wissen nichts über die Intention dieser Musik, aber die Wirkung ist trotzdem da.“ Mit der Kenntnis der Inhalte steige die Begeisterung, aber sie sei von Anfang an da: „Ich könnte mit einer Schulklasse Ganztagswandertage in einer Orgel abhalten und es würde niemandem fad.“

"Der Raum ist das zweite Instrument"

Dafür sei er auch Musiker geworden, sagt Reisinger, der schon in Notre Dame und der Kathedrale von Chicago orgelte: „Der Raum ist das zweite Instrument. Ich kann mir nicht vorstellen, einen Radetzkymarsch im Stephansdom zu spielen. Die Verbindung von sakraler Musik und dem sakralen Raum ist ganz innig. Die Akustik ist hochindividuell: Es gibt trockene Holzkapellen, die kaum Hall haben. In Notre Dame klingt ein Ton zwölf Sekunden. Wir passen uns an und sind uns bewusst, dass wir die Schönheit der Architektur in der Musik replizieren.“ Für die Zuhörer, die sich dem höheren Wesen nähern. „Wir Musiker sind auch dazu da, dass für Menschen Weihnachten werden kann. Auch wenn ich nach 15 Strophen ‚Stille Nacht‘ schon genug hab.“