© kurier.at

Erfahrungsbericht
07/04/2022

Warum auch die Flughäfen an den Verspätungen schuld sind

Viel war in diesen Tagen von der Schuld der Fluglinien an den zahlreichen Ausfällen oder Verspätungen die Rede. Doch die Gefahr lauert auch am Flughafen.

Wer in diesem Sommer mit den Austrian Airlines oder mit einer Billigfluglinie verreist, der hat im Kopf ja schon eine Verspätung einkalkuliert. Man könnte es Erwartungshaltungs-Management nennen. Daher ist die Nachricht am Handy eine Stunde vor Abflug des Wizz Airline-Fluges nach London Gatwick nicht wirklich überraschend: Eine gute halbe Stunde beim Hinflug von Wien, mehr als eine Stunde Verspätung beim Abflug aus London. Man misst das eigene Schicksal ja eher am Leid anderer - Der Bericht einer Kollegin, die es aus Kopenhagen gar nicht mehr am gleichen Tag heimgeschafft hat, wirkt wie ein heimlicher Trost. Als das Flugzeug, das im Übrigen für eine Billiglinie gut ausgestattet, sauber und geräumig ist, endlich Richtung England abhebt, lässt man sich entspannt in den um einen kleinen Aufpreis reservierten Sitz sinken und ist sich sicher, dass man es bis zum ersten Spiel in Wimbledon, für das man Karten ergattert hat, gut schaffen wird. Doch dann beginnt schier Unglaubliches...

Nach der Landung in Gatwick, dem zweitgrößten Londoner Flughafen, spielen sich im Flugzeug die üblichen Szenen ab. Passagiere springen bereits im noch rollenden Airbus auf, um ihre Koffer aus den Ablagefächern zu holen. Sie wollen ja beim Aussteigen in der Poleposition sein. Sie werden von der freundlichen Flugbegleiterin höflich aufgefordert, wieder ihre Sitze einzunehmen, und sie werden die Sitzposition noch länger einnehmen müssen. Viel länger.

Denn das Flugzeug verharrt zunächst stehend irgendwo zwischen Landebahn und Gate, und das für eine knappe Viertelstunde. Am zugewiesenen Gate sei kein Personal anzutreffen, berichtet der Pilot. Er wird sich noch öfter zu Wort melden. Endlich rollt das Flugzeug zur Luke mit der Nummer 12. Dort gibt es eine Gangway zum Verlassen des Flugzeuges. Man sollte also direkt ins Ankunftsterminal gelangen, keine Treppe, kein Bus, immerhin.

Das Problem dabei: Jener Mitarbeiter, der die Gangway an das Flugzeug andocken soll, ist ebenfalls nicht da. Der Pilot meldet sich wieder und berichtet von Personalproblemen am Flughafen. Es vergehen weitere 20 Minuten bis endlich zwei Flughafen-Mitarbeiter an der Gangway erscheinen. Im Flugzeug brandet kurzer Jubel auf. Die Luft ist schon etwas stickig, corona-bedingt tragen viele Maske.

Doch die beiden Gangway-Driver haben am Flughafen bisher vieles gemacht, aber noch nie eine Gangway bedient. Der Abstand von etwa zehn Metern zwischen dem "Finger" und dem Flugzeug wird zunächst im Schneckentempo zurückgelegt. Doch dann stimmt wieder etwas nicht: Denn es wird an der komplett falschen Stelle angedockt, etwa auf Höhe der vierten oder fünften Reihe, wo es natürlich keine Tür gibt.

Kein Personal auch beim Rückflug

Der Rückflug zwei Tage später verläuft noch unangenehmer. Schon eine Stunde Verzögerung schon vor dem Eintreffen am Flughafen. Die Lounge ist so übervoll, dass wir uns auf Platz 68 der Warteliste befinden. Beim Boarding ist eine einzelne Mitarbeiterin, die sich mit dem digitalen Boarding-System noch wenig befasst zu haben scheint. Als endlich alle Passagiere an Bord sind, scherzt der Pilot noch vom "langsamsten Boarding" in der Geschichte des Flugwesens" und verspricht trotzt Luftraumüberlastung einen raschen Abflug. Doch auch dieses Mal hat er sich getäuscht. Am Gate ist niemand, der das Flugzeug Richtung Startbahn zurückschieben kann. Es vergeht wieder eine knappe Stunde, bis die Briten das Personal zusammen haben. Die Landung in Wien erfolgt drei Stunden nach der angegebenen Zeit.

Das lange Warten am Band in Wien

Am Flughafen Wien sind ähnliche Probleme nicht bekannt. Der Flughafen-Vorstand hat sogar kürzlich berichtet, dass man für den Sommertourismus personell gut gerüstet sei. Doch auch hier kann der Verspätungsteufel zuschlagen. Ein Kollege berichtet von einer einstündigen Wartezeit auf seinen Koffer beim Gepäcksförderband nach einer Ankunft aus Italien. Für das Handling der Koffer verantwortlich: der Flughafen Wien.

Positiv erwähnt sein soll aber das neue Lokal von Starkoch Wolfgang Puck in der Ankunftshalle. Der zuvor telefonisch bestellte Tisch wird trotz der Verspätung noch zur Verfügung gestellt, obwohl das Lokal laut angegebener Öffnungszeit schon längst hätte schließen sollen. Und das ausgezeichnete Wiener Schnitzel lässt den Ärger über der Flugtag ein wenig hinunterschlucken.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare