Urlaub im Murtal: Wo die Steiermark ganz entspannt ist
In gemächlichen Windungen schlängelt sich die Mur in der Obersteiermark vorbei an sanften Bergen, üppigen Wiesen und ruhigen Ortschaften. Selten kommt man im Urlaub so zur Ruhe wie hier.
Das Glück riecht taufrisch, saftig und ein bisschen süß nach sonnengewärmtem Heu. Tief einatmen muss man deshalb, als man an der Station „Golfplatz“ von der Murtalbahn auf den schmalen Bahnsteig tritt. Es ist der Geruch von Kindheitstagen: Sommer, in denen man durch Bäche stakste, auf Haflinger über Forstwege preschte und nach Einbruch der Nacht mit anderen Kindern um das große Bauernhaus Räuber und Gendarm spielte.
Zu diesem Bauernhof, dem Zechnerhof, geht es nun. Der Kies knirscht unter den Schuhen, vom Vorplatz hallt das Gelächter zweier Buben, die sich auf Gokarts jagen, eine Gruppe junger Mädchen pilgert in Reithosen und Helm Richtung Pferdekoppel und von der Terrasse hinter dem Wintergarten dringt das Geklimper von Dessertgabeln auf Porzellan.
Ideal für Nachmittage in der Hängematte, als Ausgangspunkt für Wanderungen nd den Grillabend am Donnerstag: Pension Zechnerhof
©ZechnerhofZeit für den Nachmittagskaffee, zu dem an diesem Tag Raffaelloschnitte mit dicker Kokosstreuselschicht serviert wird. Und dann: ein Lesenachmittag in der Hängematte.
Gemächliche Windungen
Das Murtal ist keine Region der Superlative. Obwohl, ganz stimmt das nicht. Mit dem Zirbitzkogel-Schutzhaus gibt es die höchstgelegene Schutzhütte der Steiermark, am nahen Spielbergring eine international bekannte Rennstrecke und nur zwei Kilometer entfernt die längste Holzbrücke Europas, über die auch Schwerverkehr rattern darf. Aber darüber hinaus ist das Tal nicht extrem: die Berge sind nicht hochalpin, die Gipfel nicht schroff, die Schluchten nicht tief. Stattdessen fließt die Mur, der längste Fluss der Steiermark, in gemächlichen Windungen entlang Sommerwiesen und sanfter Berge. An kaum einem Ort kann man derart gut zur Ruhe kommen wie hier.
Keine sechs Kilometer östlich der Pension Zechnerhof, der Mur folgend flussabwärts, befindet sich Murau, eine der kleinsten Bezirkshauptstädte des Landes. In verwinkelten Gassen geht es hier vorbei an mittelalterlichen Bürgerhäusern mit Arkadenbögen und, flussseitig, den wunderbaren Holzveranden und Lauben, die man auch aus dem Ausseerland oder dem Ennstal kennt und die doch hier noch ein bisschen passender sind. Fast zwei Drittel des Bezirks Murau sind mit Wald bedeckt, damit ist es der Fleck mit dem höchsten Waldanteil des Landes: Fichten, Lärchen, Zirben.
Das erklärt nicht nur die Europaholzbrücke und warum als Digestif gerne Zirbenschnaps ausgeschenkt wird, sondern auch das Holzmuseum in St. Ruprecht, keine Viertelstunde westlich von Murau, in dem man etwa lernt, was ein Brocknlotter war (ein Instrument in der Holzwirtschaft), warum Lärchenpech gegen Erkältung hilft (das Harz der Europäischen Lärche schützt nicht nur den Baum, sondern auch Menschen vor Krankheitserregern) und wie man selbst Werkstücke aus Holz bastelt.
Die Herrin von Murau
Doch wir sind an diesem Tag nicht nach St. Ruprecht gebraust, sondern noch in Murau und verlassen nun die Murpromenade an der Bahnhofsbrücke. Es geht durch die Anna-Neumann-Straße, bis rechter Hand eine schmale Gasse bergauf führt.
Das Schloss Murau throhnt über der Bezirkshauptstadt.
©steiermark tourismus/martin kubanekWuchtig baut sich nach kurzem Fußmarsch das Schloss Murau auf. Mit seinen massiven Mauern und schlichten Fassaden erinnert es eher an eine wehrhafte Klosteranlage, doch die Geschichte ihrer früheren Herrin ist doch ein bisschen märchenhaft.
Anna Neumann von Wasserleonburg kam 1535 als Tochter eines reichen Kaufmanns in Villach zur Welt. Durch geschicktes Heiraten (sie hatte sechs Ehemänner) und kluges Wirtschaften wurde sie zur reichsten Frau Innerösterreichs. Selbst Kaiser Ferdinand II. und der Salzburger Erzbischof standen in ihrer Schuld.
Die „Herrin von Murau“, so heißt es, war streng, aber sozial. Sie bewirtete arme Leute, gab ihnen Kleidung und erweiterte das hiesige Spital. 1617, im Alter von 81 Jahren, heiratete sie ein letztes Mal den erst 31-jährigen Graf Ludwig von Schwarzenberg, in dessen Familienbesitz das Schloss bis heute ist. Die Erkundung führt durch den Arkadenhof, vorbei an Renaissancearchitektur und erlaubt schweifende Blicke über das umliegende Land.
Schlossführungen machen durstig. Zurück auf der Anna-Neumann-Straße geht es also weiter stadtauswärts zur ehemaligen Salvator-Apotheke. Heute, so erfährt man in der Bier-Apotheke, werden hier aber nur mehr Produkte der heilenden Hopfenpflanze ausgeschenkt. Konkret das Murauer Bier, das seit 1495 in der Stadt gebraut wird und deren Brauerei mit rund 300.000 produzierten Hektolitern Bier zu den größten Privatbrauereien des Landes zählt.
Rezepte aus dem Mittelalter
Bier ist auch ein paar Stunden später im Garten des Gasthaus Winter präsent. Nicht nur als Krügerl, sondern im knusprigen Teig, der den steirischen Käse ummantelt. Das folgende Forellenfilet ist butterweich, der Hirschrücken saftig, und zur Nachspeise gibt es Marillenpalatschinken nach jahrhundertealtem Rezept. Ein Schmankerl ist auch der Ort an sich: „Älteste Gaststätte der Steiermark“ steht in verschnörkelten Lettern auf der Häuserfront. Bereits 1152 soll Gräfin Hemma dem Kloster Sittich diese Taverne geschenkt haben.
Allzu lange wird nicht versumpert, denn tags stapft man bereits kurz nach neun Uhr mit Wanderschuhen über den Gitterrost des Einstiegs, den man aus der kalten Jahreszeit kennt. Denn die Gondel des Kreischbergs ist auch im Sommer aktiv. Mit 2.118 Metern ist das Skigebiet kein besonders hohes, international dennoch ein Begriff. Seit 1996 findet hier der Snowboard-Weltcup statt, seit 2015 auch die Freestyle-Ski-Bewerbe.
Die Schmalspurbahn fährt auch am Kreischberg vorbei.
©steiermark tourismus/Tom LammLeicht schwankt die Zehnergondelbahn beim Einsteigen, bevor sie flugs nach oben zieht. Wer genau hinsieht kann auf den ersten Hügeln kuriose Tierfiguren ausmachen. Nicht nur Wildschwein und Hirsch, die man hier erwarten würde, sondern auch eine Riesenhornisse und einen Dinosaurier. Insgesamt 30 Schaumstofftiere kann man beim „Bogenpark Schopfart“ mit Pfeil und Bogen anvisieren. Die Route über Forststraße, Skitrasse und Waldstücke nimmt etwa zweieinhalb Stunden in Anspruch. Doch wer nicht ganz so gut geübt ist, sollte ein bisschen mehr Zeit einplanen. Die Pfeile aus dem Dickicht zu befreien kann dauern. Dafür hat man sich die Jause danach verdient.
Ein Meer aus Berggipfeln
Auf der Bergstation des Kreischbergs in 1.800 Metern Seehöhe bläst der Wind. Dicke Wattewolken bringen immer wieder kühlenden Schatten, und die Almwiese, die es bergauf geht, riecht wie ein Kräuterzuckerl. Immer wieder muss man sich umdrehen, um das Panorama zu genießen: Mal spitzer, mal breiter stechen grün-blaue Zacken der Niederen Tauern und Gurktaler Alpen wie ein unruhiges Meer in die Höhe.
Obgligatorisch nach dem Gipfelkreuz: eine Brettljause.
©tv murau/7filmsEin wenig niedriger, aber immer noch eindrucksvoll präsentiert sich das Panorama beim Abendessen. Der Silvano liegt auf einer Anhöhe über St. Lorenzen ob Murau.
Anfang der 1980er kamen Vita Muth und Silvano Moro von München in die Steiermark und verwandelten das Bergbauernhaus in den vielleicht besten Italiener des Murtals. Die Holzofenpizza kommt in der Variante Kreisch Indios mit aufgeschlagenem Ei und scharfen Pfefferoni, die Tagliatelle sind hausgemacht und die Crème brûlée wird mit Johannisbeersorbet abgerundet.
Doch der schönste Moment des Tages ist, wenn man gestärkt und ausgepowert in die Pension Zechnerhof zurückkehrt, aus dem Garten gedämpftes Gelächter hallt, man nur noch kurz vorbeischauen möchte und am Ende fast bis Mitternacht am Plaudern ist.
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