Das Schwarzhäupterhaus in Riga mit seiner verzierten Backsteinfassade und einer davorstehenden Roland-Statue unter blauem Himmel.
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Unentdeckt Schön: Ein verlängertes Wochenende in Riga

Als „Paris des Nordens“ wurde die lettische Hauptstadt früher oft bezeichnet. Doch das blühende Riga versprüht längst seinen eigenen Charme.

von Marko Locatin

Ein Fischbrötchen mit Kaviar am Zentralmarkt? Flanieren am Ufer der Daugava und in einem der weitläufigen Parks Schach spielen? Oder das Flair des Jugendstils atmen? Die rund 800 bestens erhaltenen Ensembles könnten den Besucher ja tagelang in selbigem halten – wie auch das vielfältige  Kulturprogramm von Oper und Ballett bis Livemusik und Clubs mit DJs. Und dann wäre da noch der kilometerlange Sandstrand an der Rigaer Bucht der Ostsee. Riga pulsiert, bietet vieles und präsentiert sich gleichzeitig als erstaunlich entspannte Stadt. 

Vom Plattenbau zum Jugendstil 

Gewiss: Wer vom Flughafen mit Bus oder Taxi Richtung Innenstadt fährt, könnte sich in einigen Klischees bestätigt sehen. Endlose Reihen gleichförmiger Plattenbauten – gegossen in weitläufige Wohnsiedlungen aus Beton – ziehen vorbei wie die weißgefleckten Stämme der allgegenwärtigen Birken. Ein wenig erinnern diese Bauten aus dem unrühmlichen Sowjet-Erbe ja an unsere Gemeindebauten. 

Nur sehr riesig und sehr unfreundlich. Doch Riga zeigt bald ein freundlicheres Gesicht: Holzhäuser in warmen Erdtönen, kleine Gärten, erste Restaurants, Café-Bars und Märkte am Stadtrand sind die Vorboten einer blühenden Stadt, die es zu entdecken gilt – die eigentliche Altstadt am besten zu Fuß. 

Ein Ausflugsschiff fährt auf der Düna vor der Lettischen Nationalbibliothek in Riga im warmen Licht der Abendsonne.

Die neue Nationalbibliothek ist Wahrzeichen und Symbol eines Neubeginns. Architekt: Gunnar Birkerts

©Getty Images/iStockphoto/bruev/istockphoto

Diese wurde anno 1201 vom deutschen Bischof Albert gegründet und stieg bald zu einer bedeutenden Hansestadt auf. Strategisch günstig an Fluss und Ostsee gelegene, weckte die Handelsstadt allerlei Begehrlichkeiten. Riga stand unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, Polens, Schwedens und des Russischen Zarenreichs. Im 20. Jahrhundert folgten die sowjetische und die deutsche Besatzung sowie erneut die sowjetische Okkupation – das Okkupationsmuseum und das KGB-Eckhaus erinnern daran. Erst 1991 erlangte Lettland seine Unabhängigkeit zurück. 

Doch nun rasch in die Gegenwart. Nach einem ersten Kaffee mit Schuss (Empfehlung: Riga-Balsam!) in den magischen Gewölben des „Black Magic Cafe“ empfiehlt sich ein Rundgang durch die Altstadt. Pulverturm, der Dom mit seiner berühmten Orgel, die wichtigsten Kirchen sowie gotische und barocke Bauten liegen dicht beieinander. Einen besseren Überblick gewinnt man jedoch – wie immer – von oben, wofür es eine unschlagbare Adresse gibt. 

Am besten kommt man kurz nach 17 Uhr. Schon die Fahrt mit dem gläsernen Aufzug ist derart spektakulär, dass viele Besucher ihn gleich mehrmals „okkupieren“. Oben angekommen, in der rundum verglasten Rooftop-Bar des legendären Radisson Blu Latvija, glänzen die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirchen im Abendlicht. Unten pulsiert das Leben auf den Boulevards, das satte Grün der Parks bildet im Sommer den perfekten Rahmen für die prächtigen Jugendstil-Ensembles. Ganze 800 übrigens. 

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Die neue Nationalbibliothek  ist Wahrzeichen und Symbol eines Neubeginns. Architekt: Gunnar Birkerts

©Radisson Hotel Group

Mag sein, dass das Latvia kurz auch für andere Geschichten bekannt war – diese Zeiten sind vorbei. Geblieben sind feine Drinks mit Wodka (Espresso Martini!), eine Tanzfläche sowie empfehlenswerte Snacks. Wie das Latvia ist auch Riga längst erwachsen geworden. Zwar ist Lettisch Hauptsprache, doch viele Einwohner sprechen Englisch. Riga ist eine junge Stadt.

Blumen und Geschmack 

Die Universitäten – spezialisiert auf technische Berufe – ziehen Studierende aus aller Welt an, besonders aus asiatischen Ländern. Neben zahlreichen Café-Bars mit Frühstücksangeboten von Lachs und Avocado bis Eggs Benedict haben sich japanische Teehäuser etabliert. Eine Lieblingsadresse ist das Tejo im Wöhrmannschen Garten (lettisch: Vērmanes dārzs), am kleinen Stadtkanal gelegen, der sich malerisch durch einige Parks der Innenstadt schlängelt. Mit etwas Glück ergattert man ein Ticket für eine kleine Bootstour. 

Apropos malerisch: An den Rändern der drei schönsten Innenstadtparks Bastejkalns, Esplanāde und Kronvalda bieten ältere Frauen in traditionellen Gewändern frische Schnittblumen an. Bis in die Nacht. Ja, Rigaerinnen und Rigaern ist zeitweise so „blümerant“ zumute, dass es sogar eigene Automaten für frische Blumen gibt. Jedoch ist Lettland  nicht nur ein Land der Blumen, sondern auch ein Land der tausend Seen und Wälder. Die Küche schöpft daraus aus dem Vollen. Wild hat Tradition, Schweinefleisch spielt eine Hauptrolle. Dazu kommen Pilze, Beeren und eingelegtes Gemüse – fixer Bestandteil aller Märkte. 

Die Lage an Ostsee und Daugava liefert Fisch und Meeresfrüchte. Angela Merkel soll einst Biber-Ragout probiert haben; man könnte sich auch an einen kalten Bibersalat wagen – irgendwo zwischen Wild und Rind. Interessant, aber kein Muss.
Ein Muss hingegen ist der Besuch in der Gastro-Kette „Lido“, um lettische Klassiker zu probieren: Borschtsch, die kräftige Rote-Rüben-Suppe, allerlei Spieße oder Fleischlaibchen – meist aus Rind und Wild – mit cremiger Pilzsauce oder einer süßlichen Variante mit Rosinen. Deftig, aber gut. Bei den Beilagen spielen Erdäpfel die Hauptrolle: als Gratin, Rösti, Pommes oder gebraten. 

Bunte Markthalle in Riga mit vielen Ständen und Menschen unter hohem Glasdach.

Der Zentralmarkt ist der größte des Baltikums. Spezialitäten sind etwa Fisch, Würste und Teigtaschen

©Getty Images/momo11353/istockphoto

Riga überrascht auch mit moderner Gastronomie und bestens sortierten Weinbars. Bründlmayer und Dorli Muhr genießen hier einen ausgezeichneten Ruf. Rund um die Elizabetes iela (Elisabethstraße) finden sich mehrere spannende Adressen. Angesagt sind derzeit John’s Chef Hall (Michelin-Stern) und 3 Chefs (Michelin-Empfehlung).

Auch ambitionierte kreative Küche boomt – etwa im Bistro „Smor“ oder in der „Garage“. Viele Restaurants orientieren sich technisch an der französischen Küche, stilistisch oft an Skandinavien. Entscheidend bleibt aber die Verbindung zu lokalen, saisonalen Zutaten. Besonders eindrucksvoll erlebt man diese Vielfalt am Zentralmarkt: In fünf riesigen Hallen, einst als Zeppelinhangars erbaut, findet man eine beeindruckende Auswahl von Fleisch, Fisch, Gemüse und Spezialitäten. Pflicht: ein Lachsbrötchen. Beim Kaviar hingegen heißt es aufpassen – empfehlen würde ich nur bekannte Markenhersteller. 

Ein Tag am Meer 

Unbedingt einplanen sollte man einen Tag an der Ostsee. Mit dem Zug erreicht man den Hauptort der Rigaer Bucht, Jūrmala, in etwa 30 Minuten. Stilvoller und schöner ist allerdings die Anreise mit dem Schiff über die Daugava. Am Strand kann man stundenlang spazieren, im Juli und August sogar baden (ja, die Ostsee ist kalt!) oder einfach in einem Café sitzen und bei dem einen oder anderen Drink das Schauspiel der Möwen und Seevögel beobachten.  Wer es nobler mag, geht ins Luxushotel „Baltic Sea“

Eine bronzene Katzenfigur thront auf der Spitze eines kegelförmigen, mit Metallschindeln gedeckten Turmdachs in Riga

Das Katzenhaus wurde 1909 erbaut. Katzen sind aber wegen des Oscars für „Flow“, 2025, hipp geworden.

©Getty Images/benedek/istockphoto

Kuriose Fakten. Wussten Sie, dass…

  • ... es in Riga Automaten für frische Blumen gibt?
  • … die schwarze Katze auf dem berühmten Katzenhaus der mächtigen Handelskammer frech ihr Hinterteil zeigt?
  • ... Riga beansprucht, anno 1510 auf dem Rathausplatz den ersten Weihnachtsbaum der Welt aufgestellt zu haben?

Ist die Reise eine längere, empfiehlt es sich auch neben Oper, Theater und Ballett in die unberührte Natur im Inneren des Landes einzutauchen: In die Nationalsparks und die  Wälder oder in einen der  Seen und Flüsse. Der schönste ist wohl die Gauja, die sich auch via Kanu entdecken lässt.
Und falls Ihnen im Stadtbild Rigas eine graue Katze mit großen Augen auffällt: Sie hat nichts mit „Black Magic“ zu tun. Sie entspringt vielmehr dem Film „Flow“, mit dem Lettland erstmals einen Oscar gewann. Gefeiert wurde in der ganzen Stadt – fast wie bei den weißen Nächten zur Sommersonnenwende. Auch da lohnt sich eine Reise.

Blick über Riga bei Sonnenuntergang mit dem Freiheitsdenkmal und Sternen darüber.
©Getty Images/Wirestock/istockphoto

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