Holy rats at Karni Mata temple, Deshnoke, near Bikaner, Rajasthan, northern India
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Nichts für schwache Nerven: Hier wird der Tempelbesuch zur Mutprobe

Im Rattentempel in Deshnoke im Bundesstaat Rajasthan leben über zwanzigtausend Ratten. Nicht weil man sie nicht loswird, sondern weil man sie ehrt. Aus der Mutprobe wird hier ein Lehrstück des religiösen Respekts.

Es könnte eine Prüfung im Dschungelcamp sein. Man geht barfuß durch einen engen dunklen Gang, links und rechts klettern kleine Ratten über grobe Gitter die Wände nach oben, verschwinden in Mauerritzen, kriechen aus Löchern hervor. Manche schnell, manche langsam, manche in Gruppen, manche als Einzelgänger. Je weiter man in den Tempel vordringt, desto mehr Tiere werden es. Umdrehen geht nicht. Augen zu und durch. Und beten, zu welchem Gott auch immer, dass man nicht versehentlich auf eine Ratte tritt. Oder eine unter dem Hosenbein verschwindet. Oder eine den großen Zeh anknabbert.

Nein, es ist keine Dschungelprüfung. Die Menschen hier ziehen freiwillig die Schuhe aus, bringen Süßigkeiten oder Milch und warten, dass eine Ratte über die nackten Füße läuft. Das soll Glück bringen. Zwanzigtausend der Nagetiere sollen hier im Karni Mata Tempel in der Nähe der nordindischen Wüstenstadt Bikaner leben. Nicht etwa, weil man die Viecher nicht mehr loswird. Der Tempel wurde eigens für die Ratten errichtet. Gewidmet ist er der Heiligen Karni Mata, die im 14. und 15. Jahrhundert gelebt haben soll und eine Reinkarnation von Durga, einer der wichtigsten Hindu-Göttinnen, ist. Der Legende nach soll Karni Mata den Todesgott Yama gebeten haben, die Seele eines ertrunkenen Fürstensohnes freizugeben. Nachdem ihr dieser Wunsch verweigert wurde, schwor sie, dass künftig niemand ihres Volkes ins Totenreich eintreten solle, stattdessen als Ratte in ihrem Tempel wiedergeboren und danach als Barde auferstehen werde. Die Ratten tragen also die Seelen verstorbener Vorfahren in sich, so der Glaube. Als besonders heilig gelten weiße Ratten.

Info

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Der Tempel selbst strahlt in der Farbe Rosa.

©Lea Moser

Gemeinsames Mahl

Manche Pilger essen aus denselben Schüsseln wie die Nagetiere, auch das soll Glück bescheren. An Orten wie diesem ist es leicht, naserümpfend über die Skurrilitäten anderer Religionen zu urteilen oder aus dem Heiligtum eines anderen sein eigenes Ekel-Sensationsspektakel zu machen. Beides wäre falsch. Ein Besuch lehrt den Respekt. Auch, wenn man es nicht versteht. Auch, wenn man sich ekelt. Auch, wenn man froh ist, am Ende wieder draußen zu sein. Unangeknabbert.

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