Tipps für 4 Tage: Ein langes Wochenende in Brüssel
Eine Stadt, die sich trotz ihres EU-Etiketts selbst nie so ganz ernst nimmt. Höchste Zeit also, Brüssel den Blumenteppich auszurollen.
von Nicola Afchar-Negad
Und plötzlich sind sie alle weg. Die Lobbyisten und EU-Beamten, die Schar der Anzugträger – verschwunden. Im August machen die Europa-Gremien Pause und die Hauptstadt des Kontinents dreht auf. Im Parc du Cinquantenaire, der direkt ans Europaviertel grenzt, pritscheln die Kinder im Wasser, weit und breit ist niemand mit um den Hals baumelndem Ausweis zu sehen. Aus den donnerstäglichen Afterwork-Drinks am Place Lux werden Aperitif-Stunden auf den Rooftop-Bars, und das fast täglich. Brüssel atmet durch und hat Gelegenheit, sein etwas steifes, formelles, ja, wenn man ehrlich ist, eher langweiliges Image einzumotten.
Kuriose Fakten. Wussten Sie dass...
- am Flughafen Brüssel mehr Schokolade verkauft wird als an jedem anderen einzelnen Verkaufsort der Welt?
- das aktuell weltbeste Eis aus Brüssel kommt? In der Gelateria Giotto gibt es die Sorte Hundertmorgenwald (Il Bosco dei Cento Acri).
- Manneken Pis nicht allein ist? Neben dem berühmten Buben gibt es auch Jeanneke Pis – und mit Zinneke Pis sogar einen pinkelnden Hund
London ist lässig, Paris romantisch – aber Brüssel assoziiert man automatisch mit Regeln und Vorschriften. Mit despektierlichen „Die in Brüssel“-Satzanfängen. Wer die Akte Brüssel aufschlägt, findet aber etwas ganz anderes: Die Hauptstadt Belgiens ist kosmopolitisch, ein bisschen chaotisch, architektonisch faszinierend – und hat einen speziellen Humor, für den es sogar ein Wort gibt.
Zwanze: die Kunst, nichts allzu ernst zu nehmen. Gerade vor dem Hintergrund des EU-Machtapparats ergibt das einen faszinierenden Kontrast.
Brüssel gilt als Welthauptstadt der Comics, kein anderes Stadtbild ist so davon geprägt. Tim und Struppi, die Schlümpfe und Gaston sind belgische Sprechblasen-Legenden, auch Asterix und Obelix hat man nicht ohne Grund auf den Zuschauerrängen der Fußball-WM entdeckt, wenn Belgien am Ball war. Und Manneken Pis – die urinierende Bronzestatue – macht unmissverständlich klar, dass man den Dingen hier mit Humor begegnet. Brüssel zwinkert seinen Besuchern zu, nimmt sie an der Hand und wirbelt sie durch Jugendstilpalais, Flohmärkte und Markthallen, statt ehrfürchtig an Monumenten entlangzuführen, obwohl es davon reichlich gibt.
Ein Bouquet an Ideen
Etwa den Grand-Place, für viele der schönste Platz der Welt – und man versteht, warum. Gildenhäuser aus dem 17. Jahrhundert, detailreiche vergoldete Fassaden, ein Ensemble, das immer wieder Menschen mit Skizzenblock oder Staffelei anzieht.
Vom 13. bis 16. August werden sie sich aber eher schwer tun, denn dann blüht der Platz auf, ein monumentaler Blumenteppich aus über 700.000 Dahlien und Begonien verdeckt das Kopfsteinpflaster. Der „Flower Carpet“ ist eines der größten vergänglichen Kunstwerke Europas und zieht alle zwei Jahre Tausende von Besuchern an.
Auf einer Fläche von knapp vier Tennisplätzen wird in wenigen Stunden – dank über 100 Helfern – ein Bild ausgelegt, dessen Entwurf bereits Monate zuvor der Öffentlichkeit präsentiert wird. Heuer: die große Welle vor Kanagawa. Wer das florale Fresko in voller Pracht von oben begreifen möchte, muss eventuell improvisieren. Die offiziellen Tickets für den Rathaus-Balkon sind meist Monate im Voraus ausgebucht, die Restaurants am Platz bieten teils spezielle Packages an – oder auch mal Drink und Foto-Option um 10 Euro.
Oder aber man pflückt schöne Erinnerungen beim Streifzug durch die umliegenden Straßen, denn um die 50 Geschäfte ziehen mit und dekorieren ihre Schaufenster mit allem, was sprießt und blüht. Und danach zieht man am besten weiter ins Jugendstil-Stadtpalais Maison Hannon, um zu verstehen, dass florale Muster ganz Brüssel durchziehen. Blätter wuchern – als Wandmalerei – um Türrahmen, schmiedeeiserne Geländer wachsen wie Ranken empor, Lilien blühen in Glasfenstern und an Decken.
Wer auf den Geschmack kommt: Im Hochsommer gibt es auch geführte Jugendstil-Touren durch den Stadtteil Saint-Gilles. Spätestens hier realisieren wohl die meisten, dass Brüssels Rückgrat nicht aus Stahl und Sichtbeton besteht. Das EU-Viertel ist hier weit weg, fast vergessen.
Surrealismus und Concept-Stores
Es dauert vielleicht ein bisschen, bis sich die einzelnen Puzzlestücke zu einem großen Ganzen fügen, aber irgendwann sieht man die Stadt als das, was sie ist. Eine Stadt der Architektur, des Designs, des Surrealismus (Magritte-Museum!) und des Sammelns. In Vierteln wie Dansaert, Saint-Géry, Grand Sablon und den Marollen liegen Concept Stores neben Antiquitätenhändlern, Interiorlabels neben Flohmärkten und historische Markthallen neben modernen Konzepten.
Insbesondere in Sachen Collectible Design – also dem Sammeln von Designobjekten – hat man sich in Brüssel einen Namen gemacht, bestes Beispiel: die Galerie „Objects with Narratives“ am eleganten Grand Sablon, der auch für seinen Antiquitätenmarkt am Wochenende bekannt ist. Im benachbarten Marollen kann man sogar täglich auf den einen Flohmarkt-Glücksgriff hoffen und ganz nebenbei beobachten, dass hier die Vinyl-Szene wächst und gedeiht.
Wer sich in den Marollen oder am Grand Sablon von schönen Dingen oder in Dansaert von belgischer Mode hat bezirzen lassen, kehrt danach am besten in einer der neuen Markthallen ein. Auch hier geht es ums Entdecken, Finden – und Sammeln neuer Eindrücke. Wenn man bedenkt, dass wir bei Brüssel von gerade mal 1,2 Millionen Einwohnern reden, ist es fast absurd, wie viele Food-Halls es hier gibt.
Nach Wolf und Fox kamen 2026 gleich drei weitere Konzepte hinzu: die Rückkehr des „Marché Saint-Géry“, der neue „Ratz Food Market“ in einem ehemaligen Parkhaus und „Kay 36“ am Kanal. Alte Bankgebäude, Markthallen und Industrieareale werden dabei zu Treffpunkten für Streetfood, Design und Kultur, von eher elegant-erwachsen (Saint-Géry) bis avantgardistisch-jung (Ratz). Und in der ehemaligen Citroën-Garage soll diesen November das „Kanal – Centre Pompidou“ eröffnen – trotz Brand im Juli.
Generell kann man in der Stadt von Papa Schlumpf und Pommes eine gewisse Radikalität beobachten – wenn es darum geht, aus dem Erwartbaren auszuscheren. Im ehemaligen Botanischen Garten Botanique finden Konzerte und Ausstellungen statt, vor dem Atomium – dem Wahrzeichen der Weltausstellung 1958 – legen Größen wie Tiësto auf und der Triumphbogen im Parc du Cinquantenaire dient als Kulisse für Open-Air-Partys.
Und wenn gerade nichts Großes im Kalender steht, isst man bei Noordzee rund um Sainte-Catherine Austern oder Muscheln im Stehen, trinkt ein Glas Weißwein oder Champagner – Santé! – und skizziert dabei den nächsten Tag. Waffeln und belgische Pommes werden darin ziemlich sicher vorkommen. Vielleicht auch ein Abstecher zu einem der Chocolatiers – schließlich wurden die Pralinen in Brüssel erfunden.
Jeden Tag Weihnachten
Nicht nur an den heißen Pommes selbst kann man sich die Finger verbrennen, auch am Versuch die beste Friterie zu benennen oder daran, einfach nur „eine Waffel“ zu bestellen. Wichtig: es gibt Brüsseler Waffeln (luftig und rechteckig) und Lütticher Waffeln (kompakt und karamellisiert) – serviert von klassisch bis „ein Topping geht noch“.
Rechteckig mit Staubzucker ist der Goldstandard bei den Locals, hat was von Weihnachten mitten im Hochsommer.
Bei den Frites – die man wohl besser mit „belgische Pommes“ als mit „Fritten“ übersetzt – darf man dafür in die Vollen gehen, man bekommt sie im Stanitzl und mit extra Sauce überreicht. Ketchup und Mayonnaise sind da nur was für Anfänger, es darf experimentiert werden, wilde Kombinationen sind durchaus erwünscht. Genau das ist irgendwie belgisch: Sich nie ganz mit dem Offensichtlichen zufriedenzugeben, der Ernsthaftigkeit die Melone aufzusetzen und darauf zu pfeifen, was „Die da in Brüssel“ angeblich machen. René Magritte hätte am Brüssel der Jetztzeit vermutlich seine surreale Freude gehabt.
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