Nah und doch exotisch: Armeniens Treppe in eine andere Welt
Man braucht länger als eine Reise, um das Land zwischen Berg Ararat und Kaukasus zu verstehen. Dabei machen es einem die Menschen einfach.
Im Prinzip könnte man sich das Land nur von der Kaskade in der Hauptstadt Jerewan aus anschauen. Da hätte man das moderne Armenien ganz gut verstanden mit seinem Kunstsinn, der sich im Skulpturenpark vor und den Ausstellungen innerhalb der Kaskade widerspiegelt. Gleich nebenan trinken schicke Menschen hippen Kaffee. Und geht man die fünfhundertsechsundfünfzig Stufen hinauf, sieht man auch das sowjetische Plattenbauerbe, die typischen Tuffstein-Bauten und in der Ferne den Berg Ararat – der zugleich die größte Freude und der größte Schmerz dieses stolzen Volkes ist.
Der Tempel beim einstigen Sommer-Königssitz Garni wurde längst renoviert und ist wenig typisch für Armenien, die Szenerie rundum aber umso mehr: Der Süden des Landes ist karg.
©Getty Images/EvaL/istockphoto.comAllerdings würde man vor der wunderschönen Kaskade sitzend keine Klöster sehen und das wäre ein Problem. Armenien ist nämlich auch die Geschichte von der ersten christlichen Kirche, genauer gesagt des ersten Staates, der das Christentum als Religion hatte: Im Zuge seiner brutalen Verfolgung von Christen hatte König Trdat III. der Legende nach Gregor den Erleuchter in ein Erdverließ gesperrt. Als der nach dreizehn Jahren aber noch immer lebte und den König auch noch von einer todbringenden Krankheit heilte, schoss Trdat die Christenliebe ein und er rief im Jahr 301 (oder 303 oder 315, die einen sagen so, die anderen so) die Staatsreligion aus. So gilt die Armenisch Apostolische Kirche als die älteste und das macht Ostern zu einem fantastischen Zeitpunkt für eine Armenienreise, im ganzen Land gibt es jetzt Zeremonien von Fußwaschungen bis zur Osterliturgie in Etschmiadsin, dem Heiligen Stuhl der Armenischen Kirche.
Ein Essen bei Familien (mit viel Fleisch) gehört ebenso dazu wie der Sewansee, natürlich mit Kloster.
©Getty Images/iStockphoto/Nazar Rybak/istockphoto.comAber auch, wenn man Armenien zu anderen Zeiten bereist, entkommt man den Sakralbauten nicht. Die teils uralten alten Kirchen und Klöster sind eines der Hauptreisemotive in das Land am Kleinen Kaukasus, es wäre sinnlos, dem ausweichen zu wollen. Im Gegenteil: Man soll sich auf die legendenreiche und uns so ferne Geschichte einlassen.
Alte, tolle Steine
Zum Beispiel auf die bedeutungsvollen Chatschkaren, die ebenfalls Teil der Seele Armeniens und sogar ein UNESCO-Erbe sind: 50.000 alte soll es im Land noch geben, seit einigen Jahren werden sogar neue gemacht, das Handwerk blüht wieder auf. Alle erzählen sie eine Geschichte, nach der man nicht gefragt hätte. Aber wenn Führerin Liana Santroisan im schön gelegenen Kloster Haghpat („dicke Mauern“) den Unterschied der Darstellung auf einem der ältesten Chatschkare aus dem 9. Jahrhundert mit jener auf dem aus dem 13. Jahrhundert erläutert, ist man doch froh, das einmal gehört zu haben. Haghpat liegt übrigens im Norden an der „Klösterstraße“, wo es natürlich noch mehrere davon gibt. Und ob man es glaubt oder nicht: Jedes hat seine eigenen Geschichten und eine eigene Magie.
Jedes Kloster hat Geschichte und Geschichten. Hier im Geghard Kloster soll die „Heilige Lanze“ gewesen sein.
©Getty Images/tunart/Istockphoto.comAlter, toller Berg
Wenn man sich von der Kaskade in Jerewan zu einem Kloster aufmacht, wird man als erstes Chor Virap besuchen – wo man in den Kerker des nämlichen Gregors noch heute hinabsteigen kann. Vor allem kommen aber alle her, um das mit Abstand häufigste Armenienfoto zu machen (siehe erste REISE-Seite), was an dem Berg dahinter liegt. Auch von dem aus kann man die große Geschichte des heute nur 29.743 Quadratkilometer kleinen Landes gut nachvollziehen: Auf dem Ararat soll nach der Sintflut Noah mit seiner Arche gestrandet sein. Das muss nicht stimmen, aber es zeigt die religiöse Bedeutung des 5.137 Meter hohen ruhenden Vulkans. Der war immer Zentrum des armenischen Reichs, das in der größten (antiken) Ausdehnung bis ins heutige Israel reichte. Vor über hundert Jahren erlitten die Armenier dann den Völkermord und großflächige Vertreibungen in der Türkei, die sich schließlich mit der Sowjetunion neue Grenzen ausmachte, am Fuße des Ararats. Von Chor Virap schaut man auf den Grenzfluss Aras und in die beeindruckende Araratebene mit Wachtürmen, Stacheldraht und Grenzstreifen. Der nationalheilige Ararat ist greif-, aber unerreichbar, über dreißig Jahre sind die Grenzen nun dicht ... aber seit ein paar Jahren sprießt immerhin die Hoffnung auf eine Aussöhnung.
Guide Liana erklärt die Unterschiede der Kreuzsteine aus dem 13. (li.) und dem 9. Jh. (re.).
©Halbhuber AxelHoffnung passt zu Ostern ebenso wie zum armenischen Gemüt. So regelmäßig das Schicksal hart zugeschlagen hat – zuletzt Bergkarabach, Sie erinnern sich? –, so fröhlich und warmherzig begegnen die Menschen hier dem Reisenden. Besonders bei einem Essen in einem Privathaus, das jedenfalls auf dem Reise-Programm stehen sollte. Da hat (neben viel Fleisch, aber immer auch Gemüse, Körbe voll frischer Kräuter zum Selbstzupfen und natürlich dem Nationalstolz Lavash: das hiesige Fladenbrot) sowohl das Traurige als auch die Fröhlichkeit Platz: Jemand erzählt vom schrecklichen Erdbeben 1988 und dass es dann jahrelang nur eine Stunde Strom am Tag gab. Die Schäden erkennt man übrigens auf einer Rundreise noch immer in der zweitgrößten Stadt Gyumri, manchen Häusern fehlt bis heute eine Wand, vor den beiden großen Kirchen liegen herabgefallene Turmspitzen.
Alte, tolle Wurzeln
Und noch etwas lernt man in Gyumri: die Bedeutung der armenischen Diaspora. Auf dem Charles Aznavour-Platz steht hier die große Statue des klein gewachsenen französischen Chansonniers, dessen Mutter vor dem Völkermord nach Paris geflohen war. Aznavour war Helfer und Held des armenischen Volkes, zum Beispiel nach dem Erdbeben. Damit ist er kein Einzelfall, viele Prominente betonen ihre armenischen Wurzeln: Sängerin Cher, Tennisspieler Andre Agassi, Formel 1-Weltmeister Alain Prost, Schachgenie Garri Kasparow, die Kardashian-Familie und viele mehr.
Der heilige Berg Ararat ist der Grund, warum das Kloster Chor Virap das häufigste Fotomotiv unter Armenien-Reisenden ist.
©Getty Images/iStockphoto/YuliaGr/istockphoto.comAznavour betonte stets, er verdanke die Musikalität den armenischen Wurzeln – auch das versteht man beim Privatessen, wenn sich plötzlich wer ans Klavier setzt, denn in fast jedem Haus steht ein Klavier und viele Kinder lernen es zu spielen. Die Geschichten, die Musik und das hemdsärmelige Essen machen es einem unmöglich, sich hier nicht wohl und willkommen zu fühlen.
Die armenische Variante des Fladenbrotes Lavash ist seit 2014 UNESCO-Erbe. In getrockneter Form dient es als Mess-Hostie.
©Halbhuber AxelArmenier nennen ihr Land auch nicht „Armenien“, sondern Heijastan – „Ort der Armenier“. Es ist immer ein Spirit (sagen wir zu Ostern lieber: ein Geist), obwohl es rein landschaftlich viele Armeniens gibt. Der Norden ist waldreich und jetzt zu Ostern schon grün. Aber die Berge nördlich des Sewansees (der eine eigene Geschichte wert ist) bilden die Wetterscheide – südlich davon „wächst kein Baum“, wie man in Armenien sagt. Ganz im Süden, an der Grenze zum Iran, ist das Land auch weniger bereist.
Neben der Erlöserkirche in Gyumri liegt die Turmspitze, die beim Erdbeben abbrach.
©Halbhuber AxelAlte, tolle Stadt
Kein Wunder, es gibt zwischen der georgischen Grenze, dem riesigen See und Jerewan schon so viel zu sehen. Vom mächtigen Selimpass (mit der erhaltenen Karawanserei aus dem 14. Jahrhundert) über das Kloster Norawank (das in einer gewaltigen Schlucht von roten Felsen liegt und für ein Außenrelief berühmt ist) bis zum Höhlenkloster Geghardi-wank (wo angeblich lange Zeit die Lanze bewahrt wurde, mit der Christus am Kreuz durchbohrt wurde) bis zum alten Königssitz Garni (das für den längst nachgebauten hellenistischen Tempel aus dem 1. Jahrhundert berühmt ist). Übrigens: Ganz richtig, Wank heißt „Kloster“.
Gerade die letzten beiden Highlights kann man auch als Tagesausflug ab Jerewan besuchen. Womit wir wieder in der Hauptstadt wären, die mit 980 Meter fast tausend Meter tiefer als Armenien im Durchschnitt liegt – daher ist es hier auch wärmer. Die Stadt gilt als eine der ältesten der Welt, sie ist als urartäische Siedlung Erebuni seit 782 vor Christus belegt.
Republik-Platz: Die großteils offiziellen Gebäude sind zwar alle aus Tuffstein gebaut, aber weil Tuff vierzig Farbtöne hat, wirkt der Platz auch bunt.
©Halbhuber AxelWenn man nicht so viel im Land verpasste, würde sich Jerewan im Prinzip auch als Städtereise eignen – es ist gut erreichbar und eine bunte Mischung von historischen Bauten bis moderner Party, dazwischen Geschäfte und Lokale. Bildungsprogramm gibt es vom Opernhaus und dem Haus des legendären „Radio Eriwan“ bis zum Genozid-Denkmal, jedenfalls sollte man den Republik-Platz besuchen: Die großteils offiziellen Gebäude sind zwar alle aus Tuffstein gebaut, aber weil Tuff vierzig Farbtöne hat, wirkt der Platz auch bunt. Im Sommer gibt es hier ein Springbrunnen-„Feuerwerk“ und vor allem viel Leben, das sich in die Gassen rundum ausbreitet.
Aber am buntesten ist das Leben bei der Kaskade, wo zu Ostern schon die vielen Blumen und Büsche blühen. Man muss übrigens nicht hinaufgehen, im Inneren gibt es eine Rolltreppe. Ja, das ist schräg.
Aber so ist Armenien.
Armenien
Anreise Direktflüge Wien – Jerewan bei Austrian und FlyOne Armenia, CO₂-Kompensat. 26 € (atmosfair.de); Länderinfos: armenia.travel
782v. Chr.: Jerewan gilt als eine der ältesten Städte der Welt.
Package Armenien eignet sich zur Kaukasus-Kombi, Raiffeisen Reisen hat u. a. „Kaukasus Rundreise Georgien/Armenien/Aserbaidschan“ mit Highlights, Route: Baku – Shamakhi – Sheki – Lagodekhi – Signagi – Tiflis – Kasbek – Gergeti – Haghpat – Dilidshan – Jerewan – Etschmiadsin – Chor Virap – Geghard; 12 Tage inkl. Flug ab 1.699 €/P./DZ, Termine ab 3. 7., 14. 8., 4./18. 9., 2./16. 10., 6. 11.; Info und Buchung in allen Raiffeisen- und GEO-Reisebüros, info@raiffeisen-reisen.at, Tel. 0800/66 55 74, bestfortravel.com
Kommentare